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Was ist Kunst?
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Lieber Herr R.Weshalb ist das Lied «Erwartung» von Arnold Schönberg ein besseres Lied als Francine Jordis «Jetzt kamst du»? Weshalb sind Shakespeares Sonette die besseren Gedichte als diejenigen von Oskar Freysinger? Weshalb ist Gogols Stück «Der Revisor» besseres Theater als Ronny Sunters «Au das no!»? Weshalb sind Ludwig Kirchners Bilder die besseren Bilder als . . .? B. R.
. . . als Rolf Knies Clowns in Öl? Warum ist das eine Kunst und das andere nicht bzw. bestenfalls Kunsthandwerk? Nun, weil das von Jessye Norman gesungene Mahler-Lied musikalisch und textuell unendlich viel komplexer ist als Francine Jordis simpler Allerweltsschlager. Weil Ronny Sunters Boulevard-Klamotte bloss auf vordergründige Lacher zielende Unterhaltung ist, Gogols Verwechslungskomödie uns aber nicht nur unterhält, sondern zugleich mit der schwindelerregenden Einsicht konfrontiert, dass nichts auf dieser Welt so ist, wie es scheint. Klingt doch brauchbar und plausibel die Antwort, finden Sie nicht? Der Haken an ihr ist nur, dass ich weder jemals Jessye Norman Mahlers Lied «Erwartung» noch Francine Jordi «Jetzt kamst du» habe singen hören. Gogols Stück kenne ich allein vom Hörensagen sowie aus der Inhaltsangabe in Wikipedia, und auf die Existenz von Ronny Sunters «Au das no!» bin ich zum ersten Mal durch Ihre Frage gestossen. Was nun nicht bedeutet, dass alle Qualitätsurteile doch bloss konventionelle Zuschreibungen sind, welche ihrerseits lediglich als Waffen im ästhetischen Klassenkampf zwischen E-Kultur und U-Kultur dienen, und dass die Qualität von Kunst/Nichtkunst nur im Auge oder Ohr des Betrachters/Hörers liegt. Wohl aber, dass es nicht immer leicht ist, argumentativ Kunsturteile von bildungsbürgerlichen Vorurteilen zu unterscheiden. Lässt man nämlich nicht gerade Shakespeare gegen Freysinger antreten, sondern, sagen wir, Friedrich Schiller gegen Robert Gernhardt, könnte sich – je nach den zum Wettbewerb eingereichten Gedichten – das Blatt durchaus gegen Schiller wenden. Manchen Picassos würde ich vor allem deshalb den Vorzug gegenüber manchen Knies geben, weil ich sie besser zu (viel mehr) Geld machen und mir auf diese Weise einen vorgezogenen ruhigen Lebensabend gönnen könnte. Dann hätte ich endlich Zeit und Musse, einen ganzen Tag lang in meinem Schaukelstuhl auf der Veranda zu sitzen und darüber zu sinnieren, ob es eigentlich einen guten Grund gibt, den beuysschen Anthroposophen-Honig-Öl-Filz-jeder-ist-ein-Künstler-Kitsch gegenüber einem hübschen und nett gerahmten Spitzweg oder Albert Anker zu präferieren.
Fragen an: gesellschaft@tagesanzeiger.ch
Erstellt: 31.03.2010, 16:17 Uhr
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