Leben

Was sagt die Psychoanalyse zu Wikileaks?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 18.02.2011

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Als Psychoanalytiker haben Sie wohl eine intime Beziehung zu Geheimnissen und Geheimniskrämerei. So nimmt mich besonders wunder, was Sie über die erfrischenden Enthüllungen denken, die uns Wikileaks immer wieder beschert und hoffentlich noch weiter bescheren wird. F. Sch.

Lieber Herr Sch.

Zunächst muss ich Ihnen hinsichtlich Ihrer Voraussetzung widersprechen, als Psychoanalytiker sei man ein Experte für Geheimnisse. In einer Psychoanalyse geht es nicht vor allem darum, alte Geheimnisse aufzudecken, als vielmehr darum, neues Wissen (im Sinne neuer, im Voraus unabsehbarer Interpretationen) zu produzieren. Nun aber zu Wikileaks. Dazu habe ich ein sehr zwiespältiges Verhältnis. Natürlich ist die Offenlegung von Dokumenten über Kriegsverbrechen eine ehrenwerte Tat. Aber ist es auch die flächendeckende Veröffentlichung vertraulicher diplomatischer Depeschen? Dass Westerwelle ein aggressiver Dummschwätzer und Sarkozy ein eitler, aber machtgieriger Sack ist, weiss ich auch, ohne dass ich dafür die Einschätzung von US-Diplomaten brauche.

Wikileaks praktiziert gleichsam Enthüllungsjournalismus ohne Journalismus. Zu dem gehört nämlich eine Reflexion über die Relevanz des Veröffentlichten. Mein zweiter Einwand betrifft die merkwürdige Privatisierung des Prinzips Öffentlichkeit, die Julian Assange betreibt. Zum Beispiel seine Drohung, unterschiedslos alle bislang noch unter Verschluss gehaltenen Informationen im Internet zugänglich zu machen, für den Fall, dass ihm etwas zustossen würde oder er für längere Zeit wegen Spionage ins Gefängnis müsste. Von sogenannten Whistleblowern zur Verfügung gestelltes Material als persönliche Lebensversicherung zu nutzen, mag verständlich sein. Aber ist solche Erpressung auf Vorrat das, was wir uns unter der Herstellung demokratischer Öffentlichkeit vorstellen? In einem guten Thriller gefällt mir diese Der-Held-gegen-den-Rest-der-WeltAttitüde; im richtigen Leben halte ich sie für äusserst bedenklich.

Drittens steht Wikileaks in meinen Augen für eine um sich greifende Tendenz einer Moralisierung des Prinzips Öffentlichkeit. Unlängst hat der Genfer SP-Nationalrat Carlo Sommaruga die Aufhebung des Beichtgeheimnisses im Fall des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger gefordert. Die Ehefrau des deutschen Verteidigungsministers macht in Zusammenarbeit mit RTL 2 Jagd auf Pädophile. Warum nicht auch im Fall von angeklagten Pädophilen das Anwaltsgeheimnis aufheben? Rechtfertigt der gute Zweck nicht ungewöhnliche Mittel? Wollen Sie, dass ein Kinderschänder freigesprochen wird, obwohl sein Anwalt weiss, dass er schuldig ist? Mir graut vor diesem Totalitarismus des guten Gewissens, der keine formalen Schranken mehr anzuerkennen bereit ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2011, 15:14 Uhr


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