Leben
Wie bleibt man am besten «sich selber»?
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 01.04.2009 4 Kommentare
Wie kann man am besten «sich selber bleiben», wenn man nicht sicher ist, wer man wirklich ist? U. E.
Lieber Herr E.
So wie es eine «Tyrannei der Intimität» (Sennett) gibt, gibt es auch eine Tyrannei der Identität. Besagte «Tyrannei der Intimität» ist darauf ausgerichtet, die öffentliche Sphäre nach dem Modell einer riesigen Selbsterfahrungsgruppe zu organisieren. Das führt z. B. dazu, dass Politiker nicht nach dem beurteilt werden, welche Interessen sie vertreten, sondern danach, ob sie «glaubwürdig», «integer», «charmant» etc., mit anderen Worten, wie sie «ganz privat» sind. Das führt u. a. zu einer Ersetzung von «Politik» durch «Werte». Damit wird Tiefe suggeriert; doch was in Wirklichkeit geschieht, ist eine Aushöhlung des öffentlichen Raums und eine Entwertung des Politischen.
Analog zu dieser Tendenz entsteht das, was ich die Tyrannei der Identität nenne. Sie zeichnet sich durch die Überzeugung aus, dass es nicht so sehr darauf ankommt, was ein Mensch hat und was er tut, sondern letztlich nur darauf, was er ist (Slogan: Sein statt Haben). Das klingt sehr menschenfreundlich; ist es aber nicht. Denn dieser Glaube führt nur dazu, dass das als so edel gepriesene Selbst des Menschen sich endlosen Verdächtigungen und Denunziationen ausgesetzt sieht: Du sagst, du seist Elektroingenieur? Oder X bzw. Y. Aber was bist du als Mensch? Wer bist du wirklich? Der Mensch wird zur Zwiebel, die es Schale um Schale auf der Suche nach dem echten Kern der Identität zu enthäuten gilt. (Man kann eine Zwiebelschale natürlich auch unter einem Mikroskop betrachten, aber die einzelnen Zellen sind nicht die wirklichere Zwiebel, sondern nur die Zwiebel in einem anderen Aspekt.) Und genauso, liebe Gemeinde, ist es auch mit dem Mönschen! Denn sind wir nicht alle Zwiebeln auf Gottes grossem Acker? Irgendwie natürlich schon, andererseits aber auch nicht. Denn im Unterschied zur Zwiebel, macht sich der Mensch eben so seine Gedanken darüber, was er ist, und zweifelt, ob er wirklich so ist, wie er denkt, dass er sei.
Und diese Gedanken lassen sich auch nicht wegpredigen. Dafür aber verstehen. Nämlich so: Auf den Gedanken, «sich selber zu bleiben», kommt man nämlich einzig und allein durch die Erfahrung, dass man auch anders sein könnte als «man selbst». Dass man irgendwie geworden ist: aus Zufällen, die zusammengenommen eine gewisse Notwendigkeit ergeben, mit der man - ebenfalls irgendwie - fertig werden muss (und immer unfertig bleibt). Der Mensch ist also ein Bastler seiner selbst, seine Identität Produkt seiner «bricolage» (um einen Begriff des Ethnologen Claude Lévi-Strauss zu verwenden). Und was der Mensch zusammengefügt hat (aus dem, was da ist), das kann er auch wieder auseinandernehmen und anders verknüpfen: nicht auf beliebige Weise, aber auch nicht nach einem ein für allemal vorgegebenen Plan, sondern eben mit jener eigentümlichen Mischung aus Freiheit und Notwendigkeit, welcher jeden Bastler nun einmal auszeichnet.
Fragen an Peter Schneider: leben@tagesanzeiger.ch
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.04.2009, 10:15 Uhr
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4 Kommentare
Lustig gemeint aber blöd kommuniziert. Lassen Sie den religiösen Spott! Eine gesunde und gelingende Identität gibt man sich nicht, sondern sie wird einem gegeben. Dabei wird übersehen, dass die wesentlichen Fundamente der Persönlichkeit in den ersten Lebensjahren gelegt werden.Der Rest ist nur noch Herumgeschiebe von bestehendem Inventar. Der Faktor Gott kann für eine Neudefinition hilfreich sein. Antworten
Bin ich nicht immer und immer wieder eine Andere? Mit dem Helikopterpiloten werde ich zum Fan riskanter Flüge, der Bäcker liebt meine Kochkünstlerin heraus und mit den Kindern meiner Schwester werde ich zur Legokünstlerin. Flatterhaft? Wirklich? Oder sind uns allen ausnahmslos alle Facetten menschlichen Seins gegeben und wir können aussuchen, wie/wer wir in diesem Augenblick sein möchten? Antworten
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