Leben

Wie macht man beim Apéro Smalltalk?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 01.07.2009 1 Kommentar

Bei mehr oder minder formellen Anlässen ist man gezwungen, mit mehr oder minder wichtigen Leuten zu schwatzen. Eine schauderhafte

Angelegenheit! Was soll ich Leuten sagen, die mich nicht interessieren und die sich für mich nicht interessieren? Ich will ja nicht unanständig sein, aber solche Veranstaltungen langweilen mich. Gibt es Tricks, wie man das überlebt? W.J.

Lieber Herr J.

Zum Apéro gehört der Weisswein wie der Weihrauch zum Hochamt, und das nicht ohne Grund. Alkohol ist das ideale Schmiermittel des lockeren Gesprächs. Natürlich kann man auch ohne Alkohol entspannt und munter sein, aber mit Alkohol geht es schlichtweg leichter. Er hebt die Stimmung und senkt die Hemmungen.

Damit er diese segensreiche Wirkung entfalten kann, will er jedoch klug genossen sein. Ein wundervoller Satz, finden Sie nicht auch? «Damit er diese segensreiche Wirkung entfalten kann, will er jedoch klug genossen sein.» Solche Sätze standen in den Benimmbüchern jener Jahre, als die Frauen noch Cocktailkleider trugen, Auslandtelefongespräche mit dem ehrfurchtsvollen Ausruf «Berlin ist am Apparat» durchgestellt wurden und unverfängliche Konversation in den höheren Lehranstalten für die gebildete Jugend noch ein Pflichtfach war, wohingegen sie dort heutzutage Projektwochen zu Jugendgewalt und Klimaerwärmung veranstalten. Kein Wunder also … Ähm – wo war ich stehengeblieben? Jawohl: beim korrekten Gebrauch des Alkohols. Beziehungsweise bei der Warnung vor dessen Abusus in der Gesellschaft. Also: Wenn das Glas in der Hand zum Rettungsstrohhalm wird, an den man sich verzweifelt klammert, jeder Schluck ein Schluck gegen den allgemeinen Menschenekel und die Alternative nur noch dumpfes Fast-Koma oder exaltierte Enthemmung ist – dann läuft etwas falsch. Und man merkt (hoffentlich!), dass nur Alkohol auch keine Lösung ist.

Zum Sprit braucht es nämlich auch den rechten Spirit, wenn Sie das Wortspiel gestatten. Und den kann man einüben, und zwar, indem man sich einmal mehr klarmacht, dass Smalltalk weder dem Austausch von Informationen noch von authentischen Gefühlen dient, sondern ein munteres Rollenspiel darstellt – Unterhaltung im doppelten Sinn des Wortes.

Dabei geht es nicht um Inhalte (und auch nicht um das wechselseitige Interesse, das man aneinander hat oder nicht hat), sondern um das Soziale um des Sozialen willen. (In dieser Hinsicht ist der Smalltalk dem wechselseitigen Lausen der Primaten eng verwandt.) Betrachten Sie das Ganze sportlich: Übung macht den Meister. Stellen Sie sich vor, Sie seien ein erfolgreicher Trickbetrüger oder unwiderstehlicher Heiratsschwindler oder der Hauptdarsteller in einer Billy-Wilder-Komödie. Beim Smalltalk kann man lernen, dass es Spass machen kann, nicht immer man selbst sein zu müssen.

Aber zu Hause zu bleiben und ungestört vor dem Fernseher zu essen und mit niemandem reden zu müssen, ist natürlich auch ein Vergnügen, das nicht zu unterschätzen ist.

Fragen an Peter Schneider: leben@tagesanzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2009, 09:11 Uhr

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1 Kommentar

Hans-Christian Müller

02.07.2009, 08:47 Uhr
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Ein echt lustiger, willkommener Smalltalk, den Peter Schneider hier serviert hat. Wie gerne erinnert man sich an die Damen im Coktailkleid, die vom Telefonat des Patrons mit Berlin erzählten. Das Interesse der jüngeren Semester kann man mit der Schilderung vom Schulbesuch in Wollstrümpfen - am Gschtältli befestigt - und kurzen Hosen wecken, die noch etwas nackten Knabenschenkel erahnen liess. Antworten




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