Soll man sich beim Sterben helfen lassen?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 24.02.2010

Was halten Sie vom begleiteten Suizid und den Sterbehelfervereinen? G. K.

Lieber Herr K. Natürlich ist es jedem unbenommen, sich das Leben zu nehmen. Ich würde niemandem dabei helfen wollen; aber ich kann mir vorstellen, selbst in eine Lage zu kommen, in der ich mir wünschte, ein Freund beschaffte mir eine tödliche Dosis Morphium, mithilfe derer ich einschlafend sterben könnte.

Doch mich irritiert die Begeisterung, mit der eine grosse Mehrheit es für einen Fortschritt hält, dass die Selbsttötung mithilfe von Organisationen wie Exit und Dignitas mittlerweile zu einem bürokratisch geregelten Standardverfahren geworden ist. Wenn man sich bei einer so gravierenden Angelegenheit auf das Selbstbestimmungsrecht des Bürgers beruft, das sonst mit Hinweis auf die Interessen der Allgemeinheit noch so gerne eingeschränkt wird, fällt es mir schwer, hinter dem Autonomie-Pathos nicht ein Kalkül zu vermuten, das weniger edel ist, als es sich gibt.

Man muss nur lange genug davon reden, wie wünschenswert es sei, dass jeder Mensch zu einem selbst gewählten Zeitpunkt «in Würde» sterben könne: Irgendwann drängt sich einem alten, mehr oder minder kranken Menschen die Vorstellung auf, es sei an sich unwürdig, auf Kosten der Gesellschaft und der Nachkommen sein Leben um ein paar läppische Monate verlängern zu wollen, wenn es doch auch anders geht. Autonomie bedeutet dann: Der sieche Mensch darf sich und sein Leben selber zu jener Last erklären, die er für die anderen darstellt, und kann dabei auf eine qualitätsgesicherte und demnächst gewiss auch noch ISO-zertifizierte SterbeIndustrie vertrauen, die ihm dabei hilft, sich von dieser Last zu befreien.

Sterben ist auch etwas ganz Natürliches: Biomasse bist du, und zur Biomasse wirst du zurückkehren. Sie merken, dass mir der ganze Sterbehilfe-Diskurs mit seiner Mischung aus Technizismus und Humanitäts-Geschwurbel gewaltig gegen den Strich geht. Wenn ich jemanden auf einem Brückengeländer stehen sähe, dann weckte das in mir den Impuls, ihn von dort herunterzuziehen und nicht, ihn in die Tiefe zu schupfen. Warum sollte das so anders sein, wenn es nicht um Brücken und Ordonnanzwaffen, sondern um 15 Gramm Natriumpentobarbital aus der Apotheke geht?

Fragen an: gesellschaft@tagesanzeiger.ch Aus zeitlichen Gründen können leider nicht alle Anfragen beantwortet werden. Kurze Fragen haben eine bessere Chance, beantwortet zu werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2010, 15:08 Uhr

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