Leben

Täter und Trauer

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Angehörige von Unfall- oder Gewaltopfern, heisst es, müssten unbedingt den Verursacher oder Täter kennen. Erst dann fänden sie die Ruhe, um trauern zu können. Warum? B. R.

Weil erst dadurch, dass der Täter oder Verursacher gefunden und zur Verantwortung gezogen wird, die Welt wieder ins Lot kommen kann. Man kann sich eben nicht einfach sagen: Es ist doch egal, wer meine Frau totgefahren hat; denn auch wenn ich den Täter kenne, wird sie davon nicht mehr lebendig. Was so logisch klingt, funktioniert psychologisch nicht. Ein traumatisierendes Ereignis wie ein Gewaltverbrechen oder ein tödlicher Unfall reissen ein Loch absoluter Sinnlosigkeit in unsere sinnhaft strukturierte Lebenswelt.

Diese Lücke muss, und sei es noch so unvollständig, irgendwie «vernarben» können, damit die andere Lücke – der Verlust eines Menschen – überhaupt erst betrauert werden kann. Der Sinnzusammenhang unseres Lebens muss wiederhergestellt werden, und zwar auf plausible Weise und nicht durch eine obszöne, forcierte Sinngebung im Stile von «Gott hat es so gewollt» oder «Es war Schicksal, und wer weiss, wozu es letztlich dann doch noch gut ist».

Zu wissen, wer der Verursacher eines Unfalls oder der Täter eines Gewaltverbrechens ist, schliesst zwar nicht die Lücke des Verlusts, es hilft aber dabei, die traumatische Sinn-Lücke zwar nicht zu stopfen, wohl aber mit einem Geflecht von neuen Sinnzusammenhängen zu überbrücken. Alles, was ich über den Täter und seine Motive erfahre (selbst wenn sie mir völlig uneinsichtig bleiben), hilft, meinem Leben jenen «Sinn» zurückzugeben, ohne den es nicht möglich ist zu trauern. Wohlgemerkt, «Sinn» nicht in irgendeinem transzendentalen

Sinn, sondern ganz lebenspraktisch – als Wiederherstellung des Netzes aus alltäglichen Zusammenhängen (z. B. der von Motiv und Tat), von Kausalitäten, Wahrscheinlichkeiten, Orientierungspunkten, ohne die niemand auf Dauer leben kann.

Natürlich bleibt der Tod eines Menschen auch dann «sinnlos», wenn ich erfahre, dass der Automobilist, der ihn verursacht hat, stockbetrunken war; aber wenigstens ist ein einsehbarer Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung hergestellt. Die Welt ist grässlich, aber sie ist nicht mehr völlig aus den Fugen. Die Bestrafung eines Schuldigen schliesslich sorgt für eine Genugtuung, die noch darüber hinausgeht: Die Gesellschaft kann ein Unrecht zwar nicht aus der Welt schaffen, aber durch die Verurteilung des Täters signalisieren, dass sie nicht bereit ist, über das Unrecht einfach hinwegzugehen, als sei es nicht geschehen.

Senden Sie Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.08.2010, 11:08 Uhr

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