Leben

Vom Identitäts-Gefängnis in die Unterwerfung?

Aktualisiert am 11.08.2010

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Wie kommt der Mensch dazu, sich in der Unterwürfigkeit wohlzufühlen? D. H.

Kinder werden gross, indem sie sich mit den Grossen identifizieren. Denn von den Erwachsenen geht ein geradezu unwiderstehlicher Identifikationssog aus: Die Grossen dürfen, können und haben alles Mögliche, das die Kleinen nicht dürfen, nicht können und nicht haben. Weitgehende Ohnmacht auf der Kinderseite begegnet weitgehender Allmacht auf der Erwachsenenseite. Die Identifikationen des Kindes mit den bewunderten Eigenschaften der Erwachsenen machen es einerseits «unterwürfig» in einem zunächst sehr unspezifischen Sinn, andererseits erlauben sie aber auch eine Teilhabe an der Macht: Wenn mein Papi der Stärkste und meine Mami die Klügste sind, dann fällt ihr Glanz auch auf mich; und später werde ich selbst einmal sein wie sie.

Zu merken, dass es mit der erwachsenen Allmacht und Weisheit dann doch nicht so weit her ist, wie man einmal geglaubt hat, gehört zu den unangenehmen Enttäuschungen des Erwachsenwerdens. Die notwendige Desillusionierung lässt sich abfedern, indem man die vielen kleinen kindlichen (und inzwischen kindisch gewordenen) Identifikationen in etwas überführt, das uns würdiger erscheint und an alte Grössenvorstellungen gemahnt: Wir entwickeln eine Identität. Diese zu haben, ist etwas, das uns einen Schauer der Ehrfurcht vor uns selber einjagt: Wir sind nicht einfach (oder auch kompliziert) schwul, sondern haben eine homosexuelle Identität, wir psychoanalysieren nicht bloss tagtäglich vor uns hin, wir haben eine Identität als Psychoanalytiker entwickelt. Wehe dem, der uns diese Identität, unser Ein und Alles, rauben will; ein grosses Halleluja aber denen, die uns dabei helfen, unser goldenes Identitätsgefängnis noch schöner auszustaffieren.

Leider wird es dadurch auch immer ausbruchsicherer. Pointiert gesagt: Identität ist die geronnene Selbstunterwerfung unter ein Phantasma. Sie macht uns dumm und auch nach aussen hin unterwürfig – gegenüber Institutionen, Gruppen und Machtmechanismen, welche zu nichts nütze sind, ausser uns in unserer Identität zu bestärken. Identitätspolitik verstärkt die Abhängigkeiten, aus denen sie vorgibt, uns zu erlösen. Frauen seien beim Lohn benachteiligt. Das stimmt. Aber brauche ich eine «Identität als Frau», damit ich am Monatsende mehr verdiene? Eine Identität, die alle Kassiererinnen mit Mindestlohn in eine «Frauensolidarität» mit einer Unternehmerin zwingt, die ein Vielfaches (möglicherweise an den besagten Kassierinnen) verdient? Identität verzuckert Unterwerfung. Aber die Risiken und Nebenwirkungen dieser Zuckerpille sind beträchtlich.

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Erstellt: 11.08.2010, 08:32 Uhr

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