Von Jonny Hill zu den Bommer Weihern
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Evangelisch-reformierte Kirche Weinfelden.
Foto: Thomas Widmer
Als Wanderkolumnist war ich kürzlich in Weinfelden in einem kirchlichen Zentrum zum Livetalk samt Lesung geladen – ein Wohltätigkeitsanlass. Unter meinen Mitgästen waren Marc Jäggi und Iwan Santoro von meinem Lieblingssender Radio 1. Ein Berner und ein Thurgauer im Duett: Die zwei Journalisten legten eine famos aktualisierte Hörspielversion der Weihnachtsgeschichte hin. Chapeau, Kollegen!
Später beim Apero raunte mir ein braungebrannter älterer Typ zu: «Gut gemacht, Junge!» Er stellte sich als Jonny Hill vor, ich war verblüfft. Ich kenne Hills berühmten Langzeit-Hit «Ruf Teddybär eins-vier», eine clever gemachte Trucker-Schnulze. Dass Hill, 69, ein gebürtiger Steirer, im Thurgau lebt, hatte ich nicht gewusst.
Ich übernachtete im «Thurgauerhof». Am nächsten Tag machte ich mich auf, über Weinfeldens Hausberg zu ziehen, den Ottenberg, eine schmuck mit Weinreben bestückte Erhebung. Als zweites Ziel hatte ich mir die Bommer Weiher gesetzt. Am Vorabend nämlich hatte ich mit einem Weinfelder Sozialarbeiter, der auch im Publikum gewesen war, übers Wandern in der Gegend gefachsimpelt. Er hatte mir jenes Doppelgewässer empfohlen.
Toskansich weite Ebenen und sanft gewellte Höhenzüge
Es wurde ein guter Tag, wobei mir im Ohr eine andere Bemerkung einer anderen Frau aus dem Publikum nachhallte; mit ihr hatte ich ebenfalls gesmalltalkt. Der Thurgau sei als riesige Obstbaumplantage bekannt, sagte die Frau. Doch das sei im Grunde genommen ein stupides Image. Ihr Kanton erinnere sie an die Toskana: die weiten Ebenen, die sanft gewellten Höhenzüge. Und Zypressen gebe es im Thurgau auch. Tatsächlich durchzog ich an meinem Samstag Bauernterrain, das toskanisch anmutete, und fragte mich, warum vielen Leuten zu diesem Kanton bloss «Mostindien» einfällt.
Die evangelische Kirche am Ortsrand von Weinfelden erinnerte mich zuvor freilich eher an Frankreich als an Italien. Genauer gesagt gemahnte sie mich an Paris: Sie thront imperial-klotzig über einer Steiltreppe wie die Sacré-Coeur.
Im Folgenden eroberte ich den Ottenberg. Insbesondere machte mir eine Passage Spass, die rechterhand einem Tobel entlangführte. Während ich Höhe gewann, drehte ich mich immer mal wieder um, um den scherenschnittartig am südlichen Horizont sich abzeichnenden Riegel von Alpstein und Churfirsten zu bewundern. Schliesslich der «Stelzenhof», eine habliche Landbeiz. Sie war so früh am Vormittag noch geschlossen.
Verträumte Seelein – künstlich angelegt
Der Ottenberg selber ist ein weiter Rücken, ein wirkliches Gipfelerlebnis hatte ich nicht, es ging irgendwann einfach wieder abwärts. Auf breiten Forstwegen, zwischendurch auch einmal auf einem asphaltierten Nebensträsschen, näherte ich mich meinem zweiten Ziel. Ich passierte dabei vor Ellighausen einen gigantischen Haufen frisch geernteter... ich glaube, es waren Runkelrüben; ich bin kein Gemüsekenner. So makaber das klingt, es sah aus wie eine Schädelpyramide: Memento mori im Thurgau.
Aha, ein Gletscherrelikt, dachte ich anschliessend, als ich nach zwei Stunden Gehzeit bei den allerliebst ins Flachland eingesenkten, von Raschelried umstandenen Bommer Weihern anlangte. Das allerdings ist völlig falsch gedacht. Die Weiher wurden im 15. Jahrhundert gezielt angelegt, um den Wasserzufluss zu einer nahen Mühle zu steuern. Später verlandeten sie, es musste nachgebessert werden. Sei dem, wie dem sei. Wenn der Thurgau ein Kraftzentrum hat, eine Seele in Landschaftsform, dann diese verträumten Seelein, die ich jedem ans Herz lege. Thomas Widmer
Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.12.2009, 09:02 Uhr
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