Leben
Bloody Mary, erschossen
Von Paul Imhof. Aktualisiert am 04.09.2010 8 Kommentare
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Anika Krause, Miriam Oelmayer: Zielwasser – Ein Cocktailbuch. Collection Rolf Heyne, München 2010. 144 S., ca. 54 Fr.
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Cocktails sind gefährlich. Das wissen alle, die schon einmal an einer Cocktail-Party einen Drink nach dem andern ausprobiert und später die ganze Vielfalt der Aromen, Essenzen und Alkoholprozente in Form einer unendlichen, in allen Farben drehenden Spirale im Kopf erlebt haben.
Ob es den beiden Kommunikationsdesignerinnen Anika Krause und Miriam Oelmayer bei ihrer Arbeit ähnlich ergangen ist, bleibt ein Geheimnis; allein schon die Geister, die sie mit ihrer Luftpistole aus zahlreichen Gläsern befreit haben, müssten ihr Atelier in Konstanz allerdings mit schweren Alkoholschwaden erfüllt haben.
Die gesprengte Torte
Die beiden Frauen, bald 30, sollten im sechsten Semester ihres Studiums für Kommunikationsdesign an der Hochschule Konstanz eine Arbeit zum Thema Energie an die Hand nehmen. Energie und Fotografie. «Wir haben uns überlegt, dass wir gern etwas über die Energie der Zerstörung machen würden», sagte Anika Krause in einem Interview. Und Miriam Oelmayer präzisierte: «Über die Schönheit der Zerstörung.»
Kann Zerstörung schön sein? Darf sie es? Ein heikles Thema, erst recht, wenn Waffen ins Spiel kommen. Und ihre Gefährlichkeit zunimmt: Jedenfalls probierten die beiden Frauen allerhand aus, machten sich mit Hammer und Messer ans Werk und kamen, so Oelmayer, zum Schluss: «Stechen hat nicht funktioniert. Da passiert so wenig.»
Nachdem auch eine mit Schwarzpulver gefüllte und gezündete Schwarzwäldertorte die Vorstellungen der Designerinnen nicht zufriedenstellen konnte, griffen sie schliesslich zur Schusswaffe. Sie kauften eine Luftdruckpistole und experimentierten weiter. Die Idee, Cocktails zu erschiessen, kam ihnen durch Zufall, nachdem sie vergeblich versucht hatten, eine Plastiktube mit grüner Acrylfarbe zu durchdringen. Der Plastik war zu dick. Oelmayer: «Da sahen wir ein Sektglas und füllten die Farbe hinein.» Oelmayer schoss, Krause drückte ab und «schrie vor Freude, weil das Bild auf dem Display so gut aussah».
66 Schüsse
Die Idee war lanciert. Sie kauften das «Grosse Lehrbuch der Bar» von Harry Schraemli, dem legendären Schweizer Bar- und Gastronomiefachmann, sammelten bei Verwandten und Bekannten Gläser und entdeckten eine unbekannte Welt. Cocktails aus den 80er-Jahren fanden sie übertrieben, Drinks aus den 50ern dagegen «richtig schön». Dass die Gläser von damals feiner und dünner waren, kam den Schützinnen natürlich entgegen; neuere Gläser sind stabiler, beim Martini-Glas stiessen sie quasi auf Granit. Also feuerten sie von oben hinein – das Glas zersplitterte nicht, doch der Drink suchte das Weite.
66 Schüsse haben Krause und Oelmayer in ihrem Buch publiziert, jeder Cocktail versehen mit Rezept und der Originalansicht vor dem grossen Knall. Es ist verblüffend, welche Richtungen die Flüssigkeiten einschlagen, nachdem der Schuss das Glas getroffen hat – Cocktailflüssigkeiten sind unterschiedlich, die Dichte ist nicht einheitlich. Klare Schnäpse und Wasser spritzen eher in alle Richtungen, Cremen schwappen manchmal bloss – schön zu sehen beim Copacabana, einem Drink mit Rahm, Papaya- und Ananassaft, Schokoladensirup und Cachaça. Während das Dekorations-Ananasblatt wie ein Speer aus dem Glas fliegt, flutscht der Drink als dunkelbraune Fontäne in die Höhe.
Das Formenspiel ist faszinierend, die Highspeed-Kamera hält Bewegungen fest, die das menschliche Augen nicht sieht und die Physiker genau so fesseln dürften wie Kriminaltechniker – beide können sich einen Sport daraus machen, Einschusswinkel und weitere physikalische Komponenten herauszufinden. So beim Champagnercocktail: Da schlägt ein Strahl nach unten aus, ein anderer nach oben, und dies schön parallel am rechten und am linken Glasrand.
Ein eleganter Schwung
Manche Explosionen wirken verzweifelt wie beim Irish Coffee, der an einen Rorschachtest erinnert. Andere wie der Bronx Cocktail lösen sich in einem eleganten Schwung auf, der Pousse-Café da Vinci scheint nur zu wackeln, beim Anblick der Bloody Mary erwartet man im nächsten Augenblick den Tomatensaft im eigenen Gesicht, und die Pink Lady sieht erbarmungswürdig aus, wie sie sich unten in die Breite verliert.
Der letzte Drink, der Herzpüppchen Cocktail, schliesst die Sammlung auf wunderliche Art ab. Er gleicht nämlich, so wie er nach dem Schuss zerplatzt, dem Namensgeber: Sein Schwanz, cock’s tail eben, hängt zwar mitsamt den Flügeln nach unten, dafür hält der Hahn stolz Hals und Kopf gerade, in Form eines schwarzen, oben gebogenen Trinkröhrchens.
Die zerschossenen Cocktails sind als Drinks verloren. Man kann sie nur noch zusammenwischen. Und so findet man sich plötzlich bei den Ursprüngen des Cocktails wieder, dem Verwischen von Geschmack. Wo und wie genau der erste Mixdrink entstanden ist, lässt sich nicht präzise nachweisen. Aber der Grund ist bekannt und einleuchtend: Man versuchte, scharfe, herbe und unsauber gebrannte Schnäpse mit Säften, Zucker und ähnlichen Weichmachern zu mildern. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.09.2010, 21:59 Uhr
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8 Kommentare
Ich gehe einmal davon aus, dass im Allgemeinen Künstler/innen politisch eher links stehen. Somit kann man sicherlich auch davon ausgehen, dass diese beiden Frauen (notabene nahe der Schweizer Grenze) der Initiative über die Armeewaffe zu Hause im Schrank entsprechend abstimmen würden. Kann mir nun mal jemand sagen, wie man diese für mich durchaus total bescheuerte Aktion deuten muss? Antworten











Marcel Zürcher
Ich frag mich warum man nicht einfach mal an etwas Freude haben kann. Einfach für's Gemüt und fertig. Ich frag mich, warum alles hier in der Schweiz mit irgendwas hinterfragt werden muss. Muss ne ganze Menge Frust in des Schweizers Seele liegen. Armes Volk Antworten