Leben

«Ich stampfte die Trauben mit den Füssen und machte meinen ersten Shiraz»

Interview: Esther Kern. Aktualisiert am 02.04.2012

Der US-Weinproduzent Charles Smith ist stolz darauf, guten Wein zu erschwinglichen Preisen zu machen. 1999 begann er mit dem Keltern, heute ist der 50-Jährige ein Rockstar der Weinwelt.

«In Dänemark lernte ich trinken wie ein Wikinger»: Charles Smith beim Interview im Park des Restaurants Rigiblick. Fotos: Sophie Stieger

«In Dänemark lernte ich trinken wie ein Wikinger»: Charles Smith beim Interview im Park des Restaurants Rigiblick. Fotos: Sophie Stieger

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In der Schweiz ist Secco Italian Bubbles noch nicht erhältlich. Hierzulande meistverkauft sind der gefällige Shiraz Boom Boom! und der sehr fruchtige Riesling Kung Fu Girl.

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«Jetzt muss ich aufpassen, dass ich nicht das Klischee erfülle», sagt Charles Smith, als man ihn beim Interviewtermin in Zürich darum bittet, eine Flasche seines Rieslings Kung Fu Girl zu signieren. Kurz darauf prangt auf der Etikette ein «Kickass – C Smith». «Ach, was solls», kommentiert Smith seine Widmung, «ich bin eben doch mein eigenes Klischee.»

Das Klischee, das geht so: Smith, ursprünglich aus Kalifornien, ist der Rockstar und Rebell unter den Weinproduzenten. T-Shirt, Jeans, wuschliger Haarschopf und schwarze Sonnenbrille sind nur seine optischen Markenzeichen. Sein Rebellenimage zelebriert der 50-Jährige auch mit seinem Tun. Indem er etwa bei einem TV-Interview ein Glas Riesling wie einen Shot in einem Zug trinkt, anstatt den Wein wie der Moderator nach ein paar Sekunden gesittet in einen Kübel auszuspucken. Sein Leitspruch lautet: «It’s just booze – drink it!» (Es ist nur Alkohol, trink ihn!) Und dass er früher Rockbands managte, passt natürlich genau ins Bild des abgefahrenen Quereinsteigers. Wer nun aber denkt, dass Smith das Weinmachen nur als Showbühne nutzt, liegt falsch. Denn wenn es um Reben, Ernte und Kelterung geht, wird Smith ernst. So ernst, dass die Weininstanz Robert Parker seinen Weinen regelmässig über 90 von 100 Punkten vergibt. Das Magazin «Food & Wine» wählte ihn 2009 gar zum Winemaker of the Year.

1999 kelterten Sie Ihren ersten Wein. Heute sind Sie berühmt und machen Millionenumsätze. Wie kann man es als Autodidakt schaffen, mit Wein derart schnell erfolgreich zu werden?
Ich habe mich ein Leben lang mit Wein beschäftigt. Früher arbeitete ich als Kellner und Sommelier. Später habe ich als Musikmanager in Dänemark gelebt. Dort lernte ich trinken wie ein Wikinger. Und ich habe oft Weingüter besucht, etwa in Deutschland. Während die Winzer und Önologen meinten, ich unterhalte mich ganz einfach mit ihnen, habe ich ihnen gezielt Fragen gestellt. Und natürlich habe ich viel über Wein gelesen.

Wie haben Sie Ihren ersten Wein gemacht? Klappte es auf Anhieb?
Oh ja, das ist ein toller Wein, den müssen Sie mal probieren, wenn Sie zu mir kommen. Ich hatte in den USA einen Weinproduzenten kennen gelernt, der mir offerierte, ich könne bei ihm meinen Wein machen. Als es soweit war, ging ich aufs Weingut. Niemand wusste, dass ich kein Weinproduzent bin. Ich schaute ein paar Tage lang zu. Dann stampfte ich 6000 Kilo Trauben mit meinen Füssen und produzierte meinen ersten Shiraz.

Mit dem Ziel, der Weinrockstar zu werden?
Natürlich nicht. Ich stellte mir damals ein einfaches Leben als Farmer vor.

Aber es kam anders. Man erzählt sich, dass Sie 2001 mit einer Flasche Ihres ersten Weines in die Bank gingen – und mit einem Kredit von 250'000 Dollar wieder rauskamen. War das wirklich so einfach?
Ich startete mein Business mit 5000 Dollar und einem Van. Ich konnte null Erfahrung vorweisen ausser meinem ersten Wein. Ich traf also die Bankdirektoren in einer Bar, sie haben meinen Wein getrunken und mir dann den Kredit gegeben.

Smith kaufte mit dem Geld ein Stück Land mit Garage im Walla Walla Valley in Washington State. Die Garage stattete er mit einem neuem Betonboden aus, er installierte Weintanks – und einen Futon, der eineinhalb Jahre seine Bettstatt war. Auf seinem 2-Hektaren-Grundstück pflanzte er erste eigene Reben. Bis heute kauft er jedoch viele Trauben von Winzern aus der Region. Mittlerweile verlassen jährlich drei Millionen Flaschen die Abfüllanlagen. Die meisten produziert Smith unter dem Label «Charles Smith Wines», das eher für günstige Weine bis 20 Dollar steht, die ohne Lagerung trinkbar sind. Teurere Smith-Weine laufen unter dem Label «K Vintners». Der Name Smith steht jedoch bei beiden Labels für eine Philosophie: möglichst natürlich produzierte Weine, die nach Rebberg und Traubensorte schmecken. Manche von Smiths Weinen sind aus Einzellagen – ein Konzept, das wir in Europa natürlich schon längst kennen, das jedoch in den USA offenbar immer noch für Aufsehen sorgt. Den einen seiner Cabernet Sauvignons nennt Smith denn auch Chateau Smith – und wie es der Name andeutet, schmeckt er eher nach einem gut strukturierten französischen Rotwein als nach einem samtigen amerikanischen Cabernet Sauvignon, wie wir ihn aus dem Supermarkt kennen.

Worauf sind Sie stolz?
Dass ich Wein mache, der nach Traubensorte und Terroir schmeckt. Und dass ich diesen Wein zu Preisen verkaufen kann, die für alle erschwinglich sind, denn jeder hat das Recht, guten Wein zu trinken. Deshalb bin ich besonders stolz auf den Kung-Fu-Riesling, ein echter Terroir-Wein aus Einzellage, der ab 12 Dollar zu haben ist.

Das Konzept der Terroir-Weine kennen wir ja vor allem aus Europa, beim Riesling etwa aus Deutschland. Dachten Sie sich, dass sich das in den USA neben all den gefälligen Cuvées einfach gut verkauft?
Ob Sie es glauben oder nicht, da war kein Marketinggedanke dahinter. Ich wollte etwas tun, das ich mein Leben lang tun kann, etwas Integres. Für mich war also klar: Wenn ich Wein machen will, muss er persönlich sein. Und für solchen Wein steht nun mal das Terroir als wichtiger Faktor. Ich hätte aber nie gedacht, dass das so gross wird.

Zum Erfolg beigetragen haben wohl auch die Etiketten, die alle – teils sehr reduziert – in Schwarzweiss gestaltet sind, oft mit auffälligen Illustrationen. Kung Fu Girl etwa ziert eine asiatische Kämpferin. Auf dem Shiraz Boom Boom! prangt eine Bombe mit Lunte. Und auf The Creator, einer Cuvée aus Cabernet Sauvignon und Shiraz, ist Smith selber zu sehen. «Für den Weinhandel ist ein Produzent wie Smith natürlich ein Glücksfall», sagt Oliver Ullrich vom Schweizer Importeur Paul Ullrich AG. «Gerade für ein junges Publikum sind die Smith-Weine perfekt – denn die Etiketten machen einfach neugierig.»

In der Tat: Eine Marketingagentur hätte Smith und seine Weine nicht besser erfinden können. In der Schweiz hat er denn auch eine treue Fangemeinde: Die beiden Wine & Dine in den Restaurants Café Boy und Widder in Zürich waren vor kurzem innert weniger Tage ausverkauft. Und bereits hat Smith ein Projekt in der Pipeline, das nochmals ein neues Publikum ansprechen dürfte.

Sie waren gerade in Italien, wo Sie neu Wein herstellen.
Ja, wir produzieren im Veneto Schaumwein, den wir in den USA soeben auf den Markt gebracht haben.

Das Veneto ist ja die Anbauregion, aus der Prosecco kommt. Ihr Schaumwein heisst aber nicht Prosecco, oder?
Nein. Weil das Gesetz geändert wurde und Prosecco neu aus mindestens 80 Prozent Glera-Trauben (Anmerkung der Redaktion: Früher hiessen diese Trauben Prosecco) gekeltert werden muss, fehlt vielen Bauern der Absatzmarkt für ihre Chardonnay- und Weissburgunder-Trauben. Wir nutzen diese wunderbaren Trauben, um etwas Eigenes zu machen, das wir ganz einfach «Secco Italian Bubbles» nennen. Wichtig ist mir nicht der Name, sondern die Qualität: gute Trauben und natürliche Produktion. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.04.2012, 16:54 Uhr

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