Absurder Frauenkampf

Ein Werbefoto empört die Feministinnen. Wer wegen solcherlei ­Firlefanz eine Sexismus-Debatte lostritt, als hätte eine Massenvergewaltigung stattgefunden, bagatellisiert die tatsächlichen Missstände.

Das umstittene Bild: Die Mitarbeiterinnen haben sich freiwillig und gerne in der Aufmachung präsentiert, wie sie erklärten.

Das umstittene Bild: Die Mitarbeiterinnen haben sich freiwillig und gerne in der Aufmachung präsentiert, wie sie erklärten.

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Manche Feministinnen sind be­­sessen von dem Bestreben, ein möglichst frauenverachtendes Bild unserer Gesellschaft zu zeichnen. Schlimm muss es dann für sie sein, wenn sie Vorfälle beklagen, mit denen die angeblich verachteten Frauen selbst kein Problem haben.

Das Werbefoto einer Berliner ­Allianz-Agentur sorgt für die jüngste Sexismus-Debatte. Darauf steht der ­Firmenchef im Vordergrund, hinter ihm stehen seine acht Mitarbeiter­innen. Und, du liebe Güte, die Damen zeigen Bein! Sie tragen Minikleider und Highheels! Wegen dieses Fotos, das sie wahrscheinlich nächtelang wachge­halten hat, entschloss sich die ­prominente Publizistin Inge Bell, auf Facebook anzuklagen: Frauen könnten so auch für ein Bordell werben. Das Bild sei «sexistisch, entindividuali­sierend, frauenverachtend», schob sie im Spiegel nach. Im Netz stiess sie auf Zustimmung.

Sich gegen Missstände einzusetzen, ist löblich. Und ja, Sexismus existiert. Etwa, wenn eine antiquierte Firmen­politik die Jobchancen einer Frau ­verhindert, der Vorgesetzte seine ­Stellung ausnutzt, um seiner Angestellten näherzukommen, oder wenn ein Unternehmen von seinen Mitarbei­terinnen auf dem Gruppenbild sexy Outfits verlangt.

Das Foto, entindividualisierend? Jedes Firmenbild ist hoffentlich ent­individualisierend, weil es dabei ja nicht ums Individuum, sondern um die Firma geht. Das wesentliche Detail: Die Mitarbeiterinnen haben sich freiwillig und gerne in der Aufmachung präsentiert, wie sie erklärten. Ein Gedankengang, prädestiniert, die ­jahrzehntelang auf dem Opferstatus der Frau aufgebaute Agenda von ­Feministinnen über den Haufen zu werfen. Dabei haben sie uns doch so eindringlich erklärt, was uns alles ­schadet. Wir kapieren es einfach nicht.

Hier liegt das Problem: Wir leben in Zeiten der Spaltungen. Menschen ­werden nur mehr pauschal in Gruppen eingeteilt statt als Individuum be­handelt. Ich bin nicht mehr Tamara Wernli, sondern Mitglied der vordefinierten Gruppe der Frauen, also bin ich gewohnheitsmässig benachteiligt, schutzbedürftig und lauerndem ­Sexismus ausgesetzt – auch wenn ich es nicht bin. Jede Gruppe erhält einen bestimmten Status, je nach Grad ihrer Diskriminierung: In der Hackordnung der Unterdrückten schlägt Frau Mann, ethnische Minderheit schlägt Frau, und so weiter.

Der weisse Hetero-Mann ist immer schuldig

Auf irgendeine Art diskriminiert zu sein, hat heute seine Vorteile: Als ­Mitglied einer Opfergruppe ist man berechtigt, andere zu benachteiligen und es wird einem verziehen – nennen wir es den Opfergruppen-Persilschein. Warum sonst blieb der grosse Aufschrei fast sämtlicher Frauenaktivistinnen nach der Kölner Silvesternacht gegenüber Männern und Flüchtlingen aus gewissen Kulturkreisen aus? Keinen Stich hat der weisse Hetero-Mann. Auch wenn er sich tadellos verhält, ihn trifft immer eine gewisse Erbschuld.

Der undifferenzierte, inflationäre Gebrauch von Buzz-Wörtern wie «sexistisch» führt den Kampf um Gleichstellung in die Bedeutungs­losigkeit. Wer wegen solcherlei ­Firlefanz eine Sexismus-Debatte lostritt und dabei die Rhetorik und Dramatik anwendet, als hätte eine Massenvergewaltigung stattgefunden, bagatellisiert die tatsächlichen Missstände.

Uns Frauen vor jedem und allem schützen zu wollen, ist in der heutigen westlichen Gesellschaft genauso ­unnötig wie die Auswechslung des ­k­ritisierten Fotos, mit der die Berliner Firma schlussendlich einen Deckel über die Empörung stülpte. Diese selbst­gefällig erregten Gemüter sollte man nicht ernst nehmen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.03.2017, 12:23 Uhr

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