Leben

Als sie in die Klinik kam, wog Sabrina Waller nur noch 34 Kilo

Von Kathrin Holzer. Aktualisiert am 02.02.2011 15 Kommentare

Gleichaltrige entdecken die Welt. Nicht so Sabrina Waller. Die 19-Jährige leidet an einer schweren Essstörung. In der Berner Klinik Wysshölzli versucht sie, ihre Magersucht endlich zu überwinden.

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Angst vor dem Austritt: Immer wieder hatte Sabrina Waller Rückfälle. Sie ist bereits zum dritten Mal in der Klinik Wysshölzli. (Bild: Thomas Peter)

Fachklinik nur für Frauen

Die Klinik Wysshölzli ist die schweizweit einzige auf Abhängigkeitserkrankungen und Essstörungen spezialisierte Klinik, die nur Frauen aufnimmt. Gerade bei Frauen mit Suchtproblemen seien Männer oft ein Mitgrund für die Erkrankung oder das fehlende Selbstwertgefühl, erklärt die ärztliche Direktorin Martina Scheibel.

Aber auch bei den vorwiegend jüngeren Frauen mit Essstörungen vereinfache der Umstand, dass nur Frauen aufgenommen würden, die Therapie. An der Tradition des Hauses hat sich damit auch nach 129 Jahren nichts geändert. Schon immer war das Wysshölzli ein reines Frauenhaus.

Gegründet wurde die einstige Heilstätte für Frauen mit Alkoholproblemen 1882 von der Buchserin Marie Sollberger mit nur einer Patientin. Heute beherbergt die Fachklinik am Waldrandweg 37 Frauen mit Suchtproblemen und Essstörungen aus der ganzen Schweiz. Die Therapien dauern in der Regel zwischen 12 und 48 Wochen.

Sabrina Waller sieht gut aus. Eine hübsche Frau, mit einem freundlichen Lächeln. Nichts würde einen gleich erahnen lassen, mit welch grossen Problemen die 19-Jährige zu kämpfen hat. Sabrina Waller ist eine von 37 Patientinnen der Klinik Wysshölzli in Herzogenbuchsee (BE). In der auf Frauen mit Abhängigkeitserkrankungen und Essstörungen spezialisierten Klinik versucht sie seit Monaten, ihre Krankheit zu überwinden. Die Zugerin leidet an schweren Essstörungen.

«Ich wog einmal 65 Kilogramm», sagt die junge Frau. «Als ich hierherkam, waren es nur noch 34 Kilo.» Sabrina Waller hält kurz inne, sie weiss, dass allein die Vorstellung für die meisten Menschen schockierend ist. Dann erzählt sie ihre Geschichte, erzählt von ihrer doch «behüteten» Kindheit. Eiskunstläuferin ist sie gewesen, hat jeden Tag trainiert. «Damals war alles in Ordnung.» Mit 16 aber hat sie mit dem Eiskunstlaufen aufgehört, wollte sich auf die Schule konzentrieren. «Aber der Sport hat mir gefehlt, ich habe mich nicht mehr wohl gefühlt», sagt sie. «Im Internat wollte jeder der Beste und Schönste sein.» Da haben die Probleme begonnen.

Hungern bis zum Heisshunger

Immer weniger hat Sabrina Waller nun gegessen, wollte unbedingt abnehmen. Am Anfang habe sie dafür noch Komplimente gekriegt. «Dann bin ich ins Extreme gefallen.» Der Anfang einer schlimmen Bulimie. Das Fasten führte zum Heisshunger. Fressattacken wurden zur Tagesordnung und mit ihnen das anschliessende Erbrechen. «Das können Sie sich gar nicht vorstellen, was man bei solchen Attacken alles in sich reinstopft.» Sabrina Waller wusste, dass ihr Verhalten längst nicht mehr normal war. «Ich habe mich schlecht gefühlt», sagt sie. «Aber ich habe mir gefallen.»

Körperlich völlig entkräftet, gelangte sie im Dezember 2009 über eine Psychologin schliesslich in die Klinik Wysshölzli. Mittlerweile ist sie bereits zum dritten Mal hier. Ihre Essstörung hat sie bis heute nicht überwinden können. Nur die Form der Krankheit hat sich verändert. Aus der Bulimie wurde eine reine Magersucht.

Es war während eines Therapieunterbruchs, als die Fressattacken wieder begannen. Einmal mehr wollte sich Sabrina Waller übergeben, wie jeden Tag. Doch mit dem Finger liess sich der Brechreiz nicht mehr auslösen, zu gewohnt war ihr Körper die Prozedur. Sie half mit der Zahnbürste nach, stach sich ein Loch in die Luftröhre. «Seither kann ich nicht mehr erbrechen», erzählt sie. «Aber vielleicht hat mich das ein Stück weit auch geheilt.» Inzwischen bringt sie um die 55 Kilo auf die Waage. Genau weiss sie es nicht. Damit sie nicht wieder abnehmen will, kontrollieren die Ärzte ihr Gewicht verdeckt. «Das ist besser», findet auch die Patientin. Sie weiss: Im Kopf hat sie ihre Magersucht noch nicht überwunden.

«Es ist krank», sagt sie. «Ich will das nicht mehr.» Und doch sei sie manchmal fast neidisch auf Patientinnen, die neu in die Klinik eintreten, keine 40 Kilo schwer, wie sie einmal.

Die kranke Stimme im Kopf

Gerne würde sie im Frühling wieder ins Gymnasium einsteigen, endlich ihre Matura machen. Ihre Schulkollegen haben inzwischen abgeschlossen, gehen jetzt auf Reisen, studieren, haben eine Beziehung, leben. «Ich habe so viel verpasst», sagt Sabrina Waller. «Ich war nur mit mir und meinem Gewicht beschäftigt.»

Die 19-Jährige hofft, doch noch den Weg zu finden in ein normales Leben. Aber sie hat auch Angst, die Klinik zu verlassen. Sechsmal am Tag muss sie hier essen – und kann es geniessen, «als ob es das Normalste auf der Welt wäre». Daheim sei das schwieriger. «Plötzlich hat meine kranke Stimme wieder das Gefühl, ich müsse abnehmen.»

Noch will Sabrina Waller deshalb im Wysshölzli bleiben. Täglich trainieren, normal zu essen. Lernen, sich selber zu akzeptieren. Es ist noch ein langer Weg. (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.01.2011, 11:08 Uhr

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15 Kommentare

Hans Vögtlin

01.02.2011, 12:10 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Mir, einem alten Mann, der ihr Grossvater sein könnte, tut diese junge Frau von Herzen leid. Man möchte ihr helfen, man möchte ihr sagen, dass ihr gegenwärtig wichtigstes Gut ihr jung sein Dürfen sei. Sie ist ja hübsch, geistig überdurch- schnittlich begabt, was will sie denn als junge Frau noch mehr! Dass sie ein durchschnittliches Körpergewicht beibehalten will, ist nur natürlich. Also! Antworten


Felix Furrer

31.01.2011, 18:34 Uhr
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1978 wog ich 72 kg. 1979 deren 38. Ich hatte Magersucht. Aber ich war (und bin noch heute) ein Mann. Niemanden hat's gekümmert: Der spinnt ja bloss. Keine Begleitung, keine Hilfe, keine Freunde, kein NICHTS! - Wen kümmert's heute, was damals war? Niemanden! Hilfe? Unterstützung? Vielleicht sogar IV? NEGATIV! Hauptsache ich bringe die Leistungen, die von mir erwartet werden. Gefälligst! GELD her! Antworten




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