Leben
Angst im Körper – Erinnerungen an den Katholizismus
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 20.03.2010
«Man wollte doch nur in den Himmel kommen»: «Tages-Anzeiger»-Autor Jean-Martin Büttner. (Bild: Keystone)
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Und wenn der Einsiedler Abt Martin Werlen in der Sendung «10 vor 10» neu bekannt gewordene Fälle mit der Bemerkung versieht, die momentane Situation sei «eine grosse Chance für uns als Kirche, aber auch für uns als Gesellschaft», und wenn er sich dagegen verwahrt, «das Ganze auf eine exhibitionistische Art zu missbrauchen» - dann fragt man sich: Wie viele Chancen muss diese katholische Kirche noch bekommen? Und wer hat hier wen missbraucht?
Mit dem Zorn über die ölige Rede des Kirchenmannes, seiner Umdeutung von Tätern zu Opfern, kommen Erinnerungen hoch an die katholische Kindheit. An das Messdienen am Sonntag, an die Firmkurse und das Bibellesenmüssen, an das Absingen lateinischer Formeln in der Messe, an die Beschwörungen der Predigten.
Der Teufel rumort
Missbräuche hat man in all den Jahren nie erlebt. Dafür wurde einem grosse Angst gemacht vor der Sexualität. Es wurde gegen den Terror der Sünde angepredigt, wonach Lust etwas Schlechtes sei. Unrein nannte man das, also dreckig und vor allem gefährlich, weil der Teufel in einem rumorte. Dabei wollte man doch in den Himmel kommen, damals. Und realisierte erst viel später, dass der Himmel die Hölle ist.
Wenn Priester sich in eine Frau oder einen Mann verlieben, werden sie suspendiert. Wenn Priester Buben missbrauchen, werden sie von einem Tatort zum nächsten verschoben. Die Frauen drängt man in Nebenämter ab. Und die Greise von Rom wiederholen bei jedem neuen Skandal die alten Beschwichtigungen.
Die besseren Fragen
Wer sich in dieser Kirche engagieren möchte, weil er nicht nur an Gott glaubt, sondern an die Menschen, dem wird die Bemerkung des Einsiedler Abtes über «die grosse Chance für uns» absurd vorkommen. Wer als Kind von Priestern missbraucht wurde, sein ganzes Leben daran gelitten hat und jetzt hören muss, man solle das Ganze nicht «auf exhibitionistische Art missbrauchen»: Für den muss das klingen wie eine weitere Demütigung.
Auch andere Religionen erregen sich über den Trieb und haben Angst vor dem Unterleib. Das hat man später im Gymnasium herausgefunden, weil der Religionslehrer, ein hochgebildeter Jesuit, im Basler Borromäum einen katholischen Filmklub betrieb. Und sein Programm systematisch mit Ungläubigen aus allen Glaubensrichtungen bestückte: Ingmar Bergman, Jean-Luc Godard, Pier Paolo Pasolini, Woody Allen, Luis Buñuel, Carlos Saura, Federico Fellini. Warum er nur Filme von Atheisten zeige, wollte man vom Pater wissen. «Weil sie die besseren Fragen stellen», gab er zurück. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.03.2010, 16:54 Uhr





































































































































