Blut und Schweiss für eine Hand voll Euro

Jenz Petersen schlägt im Ring auch dann zu, wenn der Gegner am Boden liegt und blutet. Halb so schlimm, sagt Petersen. Wegen der dünnen Handschuhe gebe es schnell Platzwunden.

«Viele fragen: Tut das nicht weh?»: Jenz Petersen im Fight Club Zürich.

«Viele fragen: Tut das nicht weh?»: Jenz Petersen im Fight Club Zürich. (Bild: Doris Fanconi)

«Blut und Brüste», «Die Rückkehr der Gladiatoren» und «Schluss mit Freefight» titelten Schweizer Zeitungen, nachdem diesen Sommer der amerikanische Verband Ultimate Fighting Championship (UFC) ein erstes Gastspiel in Köln gegeben hatte.

Jenz Petersen, der aktivste Schweizer Kämpfer im sogenannten Käfig, schüttelt ob solcher Schlagzeilen den Kopf. «Schon die Bezeichnung „Freefight“ führt in die Irre. In keiner anderen Kampfsportart gibt es mehr Regeln als bei den Mixed Martial Arts. Im Käfig gibt es eben gerade keinen Freefight», sagt der 31-Jährige, der mit seiner Frau und zwei kleinen Söhnen in Zürich lebt und seit 13 Jahren als Velokurier arbeitet.

Fast alles erlaubt

Zwar sind Ellbogenschläge und Knietritte erlaubt – auch der Kampf am Boden. Doch dass alle Kampfsportarten in Mixed Martial Arts (MMA) vereint sind, heisse nicht, dass alles erlaubt ist. «Lebensgefährliche Techniken wie etwa Augenstiche, wiederholte Nierenschläge, Schläge auf den Hinterkopf oder auf einen wehrlosen Gegner sind verboten», erklärt Petersen. Der Käfig – die martialisch anmutende Kampfarena – diene der Sicherheit der Kämpfer und der Fairness. «Man fällt nicht aus dem Ring, und es ist nicht möglich, durch Ringflucht einen Kampfunterbruch zu provozieren», sagt Petersen.

Bier trinken liegt nicht drin

Seit zwei Jahren steigt er in ganz Europa in Käfige und kämpft für 300 bis 500 Euro. Aber das Geld spielt keine Rolle. «Ich will ein kompletter Kämpfer werden, allein darum geht es», sagt Petersen. Einer, der Gegner sowohl im Stand ausknocken als auch im Bodenkampf mit Hebel- oder Würgetechniken zur Aufgabe bringen kann – der verschiedensten Kampfstile mächtig.

Petersens Training ist so vielfältig wie die Anforderungen an die MMA-Kämpfer im Wettkampf: Thaiboxen im Fight Club Zürich, klassisches Ringen, Grappling und Jiu-Jitsu im Fight Gym Aarau. Dazu Lauf- und Krafttraining. Acht Wochen dauert die Wettkampfvorbereitung des ehemaligen Judokas. «Während dieser Zeit bin ich auf meine Trainingspartner und den Support meiner Familie angewiesen», sagt Petersen. Oft braucht er abends nach sechs Stunden knochenharten Trainings Ruhe. Das erfordert Verständnis von Frau und Kindern. Dazu kommt die strikte Diät: Pasta und Magerquark mit Früchten – und nie Bier. Ernährung als ständige Gratwanderung: Gerade genug essen, um das Training durchzustehen, und doch nur so viel, dass das Kampfgewicht von 70 Kilo nicht ausser Reichweite gerät.

Sauna und Brennesseltee

Wenn am Tag vor dem Kampf gewogen wird, scheidet Petersen in kürzester Zeit so viel Wasser aus wie möglich. Sauna und Brennnesseltee helfen. So wird er kurzfristig drei Kilo los, die er im Kampf wieder drauf hat. So das letzte Mal in Rammstein, wo Petersen gegen einen amerikanischen GI antrat. Der aber – ein eigentlicher Diätkünstler – schaffte fürs Wiegen elf Kilo runter und dann wieder rauf. Der Kampf ging entsprechend pitoyabel zu Ende. Petersen hatte nie eine Chance, der Ringarzt brach wegen einer Platzwunde über dem Auge ab.

Aber Petersen war glücklich. «Das Gefühl nach einem Kampf ist pure Euphorie, Befriedigung», sagt Petersen, von dem böse Zungen behaupten, er trainiere und kämpfe nur, weil ihn seine Frau nur noch zum Sport rauslasse. Aber das ist es nicht. Es ist das Gefühl der «grenzenlosen Erleichterung nach acht Wochen Konzentration, Druck und Erschöpfung», wie er es ausdrückt. Er ist süchtig geworden. Süchtig nach der Flut der Endorphine, die für alle Mühen und Schmerzen entschädigt.

«Für den Laien schockierend»

Die Schmerzen seien weit weniger beträchtlich, als der unbedarfte Zuschauer ahnt. Oft fliesst während der Kämpfe Blut. Und es gibt spektakuläre Knockouts, nach denen sich die Körper der Niedergeschlagenen versteifen und zittern. «All das ist für den Laien schockierend und weckt Sensationslust, was wohl auch den grossen Publikumserfolg ausmacht», sagt Petersen. Auch die Reaktionen aus seinem Umfeld seien überwiegend skeptisch bis dümmlich gewesen, so Petersen. «Viele fragten: „Tut das nicht weh?“.»

Dabei sei das Risiko einer schweren Verletzung minim. «Boxer landen pro Kampf 100 Treffer. Mit viel grösserer Wucht und fast ausschliesslich auf den Kopf», sagt Petersen. Was MMA-Kritiker als «Blutbad» bezeichnen, seien oberflächliche Verletzungen. «Weil wir nur dünne Handschuhe tragen, gibt es schnell Platzwunden. Da fliesst viel Blut, aber die Verletzungen sind harmlos und schnell ausgeheilt», sagt Petersen.

«Keine Schulhofschlägerei»

Jene, die in MMA eine Anleitung zur Gewalt sehen, kann Petersen ein Stück weit verstehen. Für jeden «durchschnittlich sozialisierten Menschen» sei es ein Tabu, auf jemanden einzuschlagen, der am Boden liegt. Doch sein MMA sei nicht mit einer Schulhofschlägerei zu vergleichen, sagt Petersen: «Die Realität im Käfig besteht aus zwei durchtrainierten Athleten, die das, was sie gelernt haben, im Wettkampf anwenden wollen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2009, 09:37 Uhr


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