Leben

Das Mittelalter schlägt zurück

Von Nicole Althaus (Clack). Aktualisiert am 13.04.2012

Sie gelten als Rock-Omas, Facelift-Opfer oder sehen im besten Fall ganz okay aus für ihr Alter: Frauen jenseits der Vierzig werden vermessen, gewogen und wegen ihres Äussern fertiggemacht. Jetzt wehrt sich ein Star öffentlich.

So fett, dass ihr der Ehemann wegläuft? Ashley Judd, 43 Jahre alt.

So fett, dass ihr der Ehemann wegläuft? Ashley Judd, 43 Jahre alt.
Bild: Reuters

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Es war einmal mehr Madonna, die eine kulturelle Befindlichkeit sichtbar machte. Diesmal mit ihrem neuen Album und Video, welche die Kolumnistin Lucy Kellaway von der «Financial Times» veranlassten, dem Popstar den Titel «eine der schrecklichsten Überfünfzigjährigen der Welt» zu verleihen und zu analysieren, warum selbst Frauen Angst vor dem weiblichen Erfolg haben. Andere gingen mit ihren Gefühlen gegenüber dem Material Girl im Mittelalter weniger zimperlich um: Rock-Oma wird Madonna seit längerem betitelt, man (ja, weibliche Autorinnen sind mit gemeint) legt der Dame anlässlich der Rezension von «MDNA» ans Herz, sich doch nun endlich auf das würdevolle Altern zu besinnen. Sprich: kein Latex, kein Sex – zumindest nicht zur Show gestellte Sexyness.

Dass Madonna nur tut, was ihre weitaus älteren männlichen Bühnenkollegen auch tun: nämlich Geld verdienen, das wird gern übersehen. Und wenn öffentlich, sagen wir von einer Sybille Berg, darauf aufmerksam gemacht wird, dass ein Mick Jagger etwa sich im Scheinwerferlicht unkommentiert sonnen darf bis weit ins Rentenalter hinein, dann nickt man (ja, weibliche Leser sind mitgemeint) kurz nachdenklich und vergisst dann. Bis zum nächsten Mal.

Das nächste Mal gehörte in diesem Fall Ashley Judd. Der Hollywoodstar, der in der neuen ABC Serie «Missing» mitspielt, münzte die Befindlichkeit in eine Diskussion um: Als sie für die TV-Serie in einer kanadischen Talkshow Werbung machte und das offensichtlich mit einem etwas runderen Gesicht als es der öffentliche Geschmack erlaubt, spekulierte die Presse über eine allfällige Schönheits-OP, nannte sie fett und unnatürlich. (Lesen Sie dazu auch: «Silikon im Busen: Ein runder Geburtstag»)

«Get out of my face!»

Statt sich sofort in einer Fettfarm anzumelden, einen Personal Trainer zu engagieren oder durch übermässigen Alkohol- oder Drogenkonsum von ihrem Alter, ihren Massen und den drei Zentimetern zu viel Fleisch an den Wangen abzulenken, wie das andere Stars jeweils tun, schlug Miss Judd zurück. In einer Kolumne auf dem Blog «The Daily Beast» erörterte sie messerscharf und eloquent, was die mediale Reduzierung mittelalterlicher Frauen auf eine Zentimeter-, Kilogramm- und Altersgrösse ist: purer Sexismus.

«Ihr wollt über mein Gesicht sprechen? Dann will auch ich das Wort ergreifen. Denn diese Diskussion ist eine feministische. Sie war von Beginn weg frauenfeindlich und sexistisch. Alle Frauen und Mädchen leiden heute unter dem Attraktivitätsgebot und dem Druck, mit zunehmendem Alter degradiert zu werden. Dass Frauen an der anhaltenden Demontage meines Erscheinungsbilds teilnehmen, ist bezeichnend. Patriarchat – das sind nicht die Männer. Patriarchat – das ist ein System, an dem sowohl Frauen als auch Männer teilhaben.»

Die Ohrfeige sass. Und kein Medium konnte so tun, als ob sie nicht getroffen hätte. US-Fernsehsender reservierten ihre Talkshows dem Thema, Zeitungen ihre Kommentarspalten, Blogs und Twitter vervielfältigten die Message in Windeseile. Tatsächlich gelang es Ashley Judd damit, eine bösartige und niveaulose Lästerattacke über ihr Erscheinungsbild in eine gesellschaftliche und niveauvolle Diskussion umzumünzen. (Lesen Sie auch: «Ganz schön alt»)

Opfer- und Täterrolle

Man (und Frauen besonders) muss ihr dafür gratulieren: Denn vielleicht vermag sie sogar, ein jahrzehntealtes feministisches Anliegen ausserhalb der Universitäten zu lancieren. Das wäre dringend notwendig. Die gesellschaftliche Obsession mit dem weiblichen Körper war noch nie so stark wie heute. Und die Ausbeutung seiner sexuellen Markiertheit macht nicht einmal mehr vor dem Schutzalter halt. In der Werbung werden schon achtjährige Mädchen zu Lolitas getrimmt. (Lesen Sie dazu auch: «Puppen und Schlampen») Ashley Judd hat vollkommen recht: Die Frauen nehmen in dieser Diskussion die Opfer- und Täterrolle gleichzeitig ein. Mütter schicken ihre Kinder in Castingshows, in der Jugendliche zur Abendunterhaltung blossgestellt werden. Frauen saugen ab und spritzen auf, was der Geldbeutel hergibt, stellen sich im Mieder auf die Strasse und zerfleischen sich vor dem eigenen Spiegelbild. (Bei Letzterem ist die Autorin mitgemeint.) Das hat wohl damit zu tun, dass wir Frauen, nicht anders als die Männer, die Hausaufgaben, die uns die Emanzipation aufgegeben hat, noch nicht gemacht haben.

Und weil es dafür der beste Beweis ist, hier ein weiteres Zitat von Ashley Judd:

«Wenn ich 2012 nicht mehr so aussehe wie 1998, als ich «Double Jeopardy» gedreht habe, dann ist das noch lange kein Beweis für eine Schönheitsoperation. Wenn ich zwischenzeitlich ein paar Kilos mehr wiege, Kleidergrösse 38 trage und keine 34 mehr, wenn man die Kilos auch in meinem Gesicht sieht oder an meinen Armen, dann bin ich deswegen noch lange kein Schwein, welches – Zitat – besser aufpasst, dass der Ehemann nicht wegläuft. Es könnte nämlich durchaus sein, dass ich lediglich nicht mehr exakt so aussehe wie damals, als ich noch jünger war.»

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(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.04.2012, 07:33 Uhr

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