Das Spielzeug der Trump-Ära

Der Fidget Spinner erobert die Pausenplätze. Es spiegelt perfekt den Stil des US-Präsidenten.

Die Kreisel drehen sich minutenlang. Foto: Wikimedia

Die Kreisel drehen sich minutenlang. Foto: Wikimedia

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Falls Sie Kinder im kritischen Alter haben oder «20 Minuten» lesen, werden Sie es schon wissen: Aus den USA kommend, verbreitet sich auf Schweizer Pausenplätzen rasend schnell ein neues Modespielzeug. Der Fidget Spinner ist ein Kreisel aus buntem Metall. Im Zentrum steckt ein Kugellager, um das sich zwei oder drei Flügel drehen. Man hält den Spinner zwischen Daumen und Zeigefinger und versetzt ihn in rasende Bewegung. Den Rest besorgt die Physik: Der Fidget Spinner tanzt in der Hand. Das Internet ist voll von Videos, in denen pubertierende Handkreisel-Jockeys verblüffende Tricks vorzeigen.

Namhafte Experten – also Teenager, «20 Minuten» und ein amerikanischer Professor – schreiben dem Handkreisel eine beruhigende Wirkung zu. Menschen mit Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit (ADHS) könne der Fidget Spinner helfen, sich zu konzentrieren. Seiner angeblichen Wirkung auf unruhige Geister hat das Gerät aber seinen Namen zu verdanken: Englisch «to fidget» heisst nervös herumhampeln, sich keine Sekunde in ein Thema versenken können. Ein «fidget» ist ein Zappelphilipp, eine Nervensäge.

Die Show der Selbstzentrierten

Und genau das macht den Handkreisel zum idealen Spielzeug für die Trump-Ära, wie «The New Yorker» eben festgestellt hat. Vielleicht misst zwar das amerikanische Intellektuellenblatt dem zufälligen Zusammentreffen der beiden Erscheinungen zu viel gesellschaftskulturelle Bedeutung bei. Aber der Gedanke ist bestechend: Anders als in den Achtzigerjahren beim Rubik’s Cube geht es gerade nicht darum, das räumliche Vorstellungsvermögen zu schulen. Es ist auch nicht stetige Fürsorge gefragt wie bei der elektronischen Spielzeugschöpfung der Neunzigerjahre, dem Tamagotchi. Und schliesslich verleitet ein Fidget Spinner auch keinen Augenblick dazu, neugierig in die Welt hinauszugehen, wie Pokémon-Go, das Handy-Spiel, das die Jugend im letzten Herbst weltweit in seinen Bann ­geschlagen hat.

Nein: Schon das Gerät selbst, das sich rasend schnell um nichts anderes dreht als sich selbst, erinnert an Trump. Aus dieser Selbstzentriertheit eine Show zu machen und sich auf Youtube zu produzieren, ist ein weiteres Merkmal, das so sehr der trumpschen Amtsführung gleicht.

Wobei Amtsführung das falsche Wort ist: Trump hat die US-Präsidentschaft in eine Realityshow verwandelt, die statt im Dschungel eben in der Weltpolitik spielt. Dieses Drama zieht seine Zuschauer so in den Bann, dass die Auftritte seines Pressesprechers inzwischen höhere Einschaltquoten verzeichnen als manche gefeierte Serie. Und die amerikanische Presse erlebt eine «Trump-Beule», ein Ausschlagen der Leserzahlen nach oben. So gross ist der Unterhaltungswert der rasenden Kehrtwendungen Trumps. Am bedenklichsten sind die Parallelen von Spielzeug und Präsident schliesslich bei den grossspurigen Versprechen – im Fall des Fidget Spinners für die Heilung von ADHS, im Fall Trumps für Amerikas Grösse und die Not einer weissen Unterklasse.

Damit kommt der Vergleich aber an seine Grenzen. Man würde sich wünschen, die Trump-Präsidentschaft sei nur eine harmlose Modeerscheinung auf den Pausenplätzen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2017, 19:23 Uhr

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