Leben

Das Zeitalter des Autismus

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 07.02.2011

Dass sich die Technologie revolutioniert hat, verdanken wir unkommunikativen Sonderlingen.

Ein idyllischer Nerd: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg.

Ein idyllischer Nerd: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg.
Bild: Keystone

Vor einigen Jahren stand eine Notiz in der Zeitung: Dass in Kalifornien auffallend viel Kindergärten für autistische Kinder gegründet wurden. Erklärt wurde das durch den Boom der Computerindustrie seit 1990. Denn zuvor waren besessene Techniker, Tüftler, Mathematiker oft einsam geblieben. Nun hatten sie im Silicon Valley nicht nur ganze Städte besiedelt – sie waren dort mit dem InternetBoom auch sehr jung zu Millionären geworden. Dadurch spielten Schüchternheit, Hornbrillen und miese Kleidung keine Rolle mehr: Nerds waren hip, reich und cool. Und sexuell attraktiv. Es gab sogar die Chance, dass der männliche Techniker hier auf das seltene Gegenstück traf, das ihn verstand: den weiblichen Techniker.

Kurz: Nach Jahrtausenden von Unterdrückung hatten die Nerds ihr gelobtes Land gefunden. Und pflanzten sich plötzlich fort. Dabei produzierten sie zwei Dinge: eine statistisch signifikante Zahl von autistischen Babys. Und eine Revolution in der Kommunikationsindustrie.

Das Machtparadox

Kommunikation ist nicht nur Reden. Nicht zufällig hat der Ausdruck «etwas zu sagen haben» einen Doppelsinn: Er beurteilt den Inhalt des Gesprochenen oder die Macht des Sprechers.

Das muss nichts miteinander zu tun haben. Wer das Unglück hat, an Kongressen teilzunehmen, kennt den leicht paranoiden Schwindel, der einen überkommt, wenn prominente Redner nichts sagen. Etwa am WEF in Davos, wenn die 2400 mächtigsten Konzernchefs und Politiker Wörter wie «Realität», «Innovation», «Reform», «Transparenz», «Werte» wie Legobausteine zu immer neuen Türmen stapeln – mit der Ernsthaftigkeit von 2400 ergrauten Kindern. Fragt man einen Chef, etwa einen hohen Medienfunktionär, nach dem Grund dafür, sagt der: «Das sind alles Pragmatiker. Charismatiker an einer Konzernspitze haben noch nie etwas gebracht.» – «Aber wenn alle gleich reden – wie erkennt man dann, wer vernünftig ist und wer ein Hochstapler?» – Er sagt: «Das weiss niemand.»

Die Worthülsen der Mächtigen

In der Tat ist die Sprache der Macht heute so austauschbar geworden, dass ein seltsames Paradox entsteht: Privat im Bekanntenkreis trifft man viele lebendige Köpfe, öffentlich nur selten. Es gibt verblüffend wenig Konzernführer, Politiker, Professoren, mit denen man sich freiwillig aus Spass auf einen Drink treffen würde.

Es ist dieses seltsame Auseinanderklaffen von rhetorischer und realer Autorität, das einen als erwachsenen Menschen beim Beobachten der Macht oft unangenehm verjüngt: Teils jagt es einem kindliche Verlorenheit ein. Man hat das Gefühl, dass die Mächtigen auch keinen Plan haben. Teils spürt man wie in Schulstunden den Wunsch nach einer wilden Revolution: dozierende Hohlköpfe wie dort vorn sollten nicht das Sagen haben.

Das Jahrzehnt der Nerds

Tatsächlich sind in den Zeiten, wo die Macht fast autistisch kommuniziert, die originalen Autisten viel produktiver: Die Nerds haben im Guten und im Schlechten die Zeiten geprägt – für das Neue sind sie verantwortlich. Egal, ob die Nerds der Bankenindustrie, deren supervernetzte Risikomodelle beinah das Weltfinanzsystem in einem Stück versenkten. Oder die Nerds von Google, deren Suchmaschine dem Normalbürger zu einem Archiv verholfen hat, wie es 20 Jahre zuvor nur ein DDR-Geheimdienstchef kannte. Ein anarchistischer Nerd wie Julian Assange, der wie ein James-Bond-Schurke allein eine Supermacht angreift. Oder ein idyllischer Nerd wie Mark Zuckerberg, der Freundschaft für eine Verbindung auf Knopfdruck hält.

Es ist die Schwäche, nicht die Stärke, die den Menschen antreibt, seine Sehnsucht und nicht sein Besitz. Die Sehnsucht der Nerds nach Kommunikation trieb sie dazu, mit den Mitteln des Technikers zu antworten: durch die Erfindung von neuen Kommunikationsmitteln.

Kommunikation ohne Inhalt

Was dabei fehlt, ist der Inhalt. Unter Menschen entsteht immer dann etwas Neues, wenn das Reden nicht nur Reden ist, sondern ein Übergang zum Handeln: privat bei Projekten, öffentlich bei dem, was alle angeht, bei Politik. Hier hat die Vernetztheit der Kommunikation zur Vernetztheit der Welt geführt, bei der Handeln fast nur im Verwalten der Nebenwirkungen zu bestehen scheint. Und darin, dass sich die Profis in den Chefsesseln selbst gegenseitig vernetzen.

Das ist der Grund, warum uns die Aufstände in Tunesien und Ägypten so berühren: Weil sie zeigen, dass das Gespräch unter Menschen – erst auf Facebook, dann auf der Strasse – immer die Möglichkeit zu etwas Neuem bietet. Kein Experte hat die Revolten in Tunesien und Ägypten kommen sehen. Das macht Hoffnung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2011, 08:47 Uhr


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