Leben

Der Frühling und andere Gefühle

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 24.03.2011 7 Kommentare

Was macht ihn eigentlich aus, den Frühling? Die Eisheiligen sind Folklore, die Leute verlieben sich nicht häufiger, und das Licht macht beileibe nicht alle glücklich. Ein paar Fakten zu Frühlingsklischees.

Eine Welt so rosa wie Kirschbaumblüten: Es ist Frühling!

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Bild: Keystone

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Der Frühling mag die Fantasie beflügeln, nicht aber die Fantasie über den Frühling. An ihrer Stelle wuchern Klischees, die manchmal stimmen, manchmal zum Teil und manchmal gar nicht. Nämlich: Im Frühling spielen die Hormone verrückt, die Verliebten lieben, die Dichter reimen. Der Nebel weicht, die Sonne scheint. Die Schwermut fällt vom Menschen ab, dafür fällt er in die Frühjahrsmüdigkeit. Die Pflanzen spriessen, die Tiere paaren sich, es summt und zwitschert, schmatzt und grünt; vieles fliesst, alles riecht. Die Frauen wirken besonders inspirierend, die Männer lassen sich besonders inspirieren und umgekehrt. Der April ist launisch und der Mai wonnig. Bis zu den Eisheiligen.

Klar ist einerseits: Am Sonntag um 21 Minuten nach Mitternacht hat der Frühling astronomisch begonnen, seither passen auch die Temperaturen immer besser zur Jahreszeit, am nächsten Sonntag wird es abends dank der Sommerzeit ruckartig eine Stunde später dunkel.

Klar ist auch: Alles, was in den nächsten Wochen und Monaten mit Mensch, Tier und Natur passiert, geht auf das Licht zurück. Die Sonne macht den Frühling. Was macht den Frühling sonst noch aus? Sieben Erkenntnisse – und einige Richtigstellungen.

Klima: Immer früher, immer wärmer

Ende der Achtzigerjahre wurde es im Frühling und Sommer fast schlagartig wärmer. Und zwar über ein Grad. Doch der Frühling ist nicht nur wärmer, er setzt auch immer früher ein. Beides lässt sich einfach messen und deshalb nicht mehr bestreiten. «An vielen Orten auf der Welt wachsen und knospen die Pflanzen früher als noch vor dreissig Jahren», sagt der Berner Biologe Robert Brügger. «Der Trend ist eindeutig und geht auf menschliche Einflüsse zurück – insbesondere auf die Emission von Stickstoffgasen und Kohlendioxid in die Atmosphäre.» Als Phänologe beobachtet Brügger die Entwicklung der Pflanzen übers Jahr und über die Jahre. Die Klimaerwärmung wird sich auf Pflanze und Tiere auswirken, das ist klar. Klar ist für ihn auch, dass sich beide – mehr oder weniger – werden anpassen können. «Unklar bleibt für mich, wie sehr das auch dem Menschen gelingt.»

Wetter: Die Eisheiligen bringen keine Kälte

Ab Mitte März werden die kalten Tage seltener, und die Temperaturen steigen angenehm. Dieses Jahr verhält sich der Frühling bislang also mustergültig. Dass er auch mal sehr kalt verlaufen kann oder sehr mild, liegt innerhalb der natürlichen Schwankung.

Richtig ist auch die Erfahrung, dass das Wetter im April häufig wechselt: Es bringt ausgedehnte Tiefdruckzonen mit viel Regen und dazwischen eine erstarkende Sonne. Es gibt Menschen, die wetterfühlig reagieren, auch auf den Föhn.

Beim Mai hingegen, Inbegriff des Frühlingsmonates, sind die zwei meistgehörten Behauptungen falsch. Erstens: «Von Wonne kann in diesem Monat oft keine Rede sein», sagt Stephan Bader von Meteo Schweiz. Nicht selten zeige sich der Mai nämlich eher trüb und nass. Und zweitens: An den Eisheiligen, sagt der Klimatologe, sei nichts dran. Das sind jene fünf Tage im Mai, bei denen angeblich Bodenfrost droht. Stephan Bader hat die Schweizer Witterung der letzten 40 Jahre untersucht und konnte es statistisch nachweisen: «Die angebliche Kälte der Eisheiligen ist Folklore.»

Hormone: Die Sonne macht glücklich

Einige Hormone aktivieren das Hirn im Frühling besonders stark. Hormone sind Botenstoffe, die von Drüsen ins Blut abgegeben werden und über Rezeptoren auf Körperzellen einwirken; Tausende von ihnen durchfluten den Körper, etwa 400 sind bekannt und gegen fünfzig gut erforscht. Dass die Hormone im Frühjahr verrückt spielen, wie immer wieder behauptet wird, ist übertrieben. Unbestritten ist aber, dass die UV-Strahlen der Sonne die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin hemmen.

Gleichzeitig produziert das Gehirn mehr Serotonin, Dopamin und Noradrenalin; Serotonin gilt als sogenannter Glücksstoff, die beiden anderen verstärken den Antrieb. Alle drei sorgen dafür, dass man sich besser fühlt. Dazu kommen die schönen Erfahrungen, die der Frühling selber mit sich bringt: Die Tage werden wärmer und bleiben länger hell, die Vegetation wechselt von Braun auf Grün, die Blumen spriessen, die Farben leuchten, die Luft riecht gut.

Im Frühling würden sich nicht mehr Menschen verlieben als sonst, sagt die Psychologin Beate Ditzen von der Universität Zürich; «aber die Kombination von Hormonen, Sonne, Pflanzen und Gerüchen verstärkt diesen Eindruck. Die Welt sieht einfach verliebter aus.»

Früher waren es offenbar auch die Menschen: Bis in das 17. Jahrhundert hinein, das zeigen die Kircheneinträge von Taufen, wurden im Frühling und im Sommer weit mehr Kinder gezeugt als im Herbst und im Winter. Seither hat sich die Kurve immer mehr verflacht, was auch mit der Empfängnisverhütung zu tun hat.

Depressionen: Die Schwermütigen leiden mehr

Im Herbst und im Winter kann sich bei manchen die Stimmung verdüstern, dafür geht es den meisten im Frühling und im Sommer besser. Bei bis zu 2 Prozent der Bevölkerung verstärkt sich die Missstimmung während der dunklen Jahreszeiten zu einer saisonalen Depression, wobei mildere Verläufe häufiger vorkommen.

Die Verstimmung in Herbst und Winter hängt direkt mit dem geringen Sonnenlicht zusammen, das wiederum die Ausschüttung belebender Hormone einschränkt. In schwereren Fällen kommt eine Tagesmüdigkeit dazu, die den Alltag stark beeinträchtigen kann.

Ein grosser Teil depressiver Menschen reagiert aber nicht so auf Jahreszeiten, sagt Heinz Böker, Professor für Psychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik. Ihre Schwermut hat mit Biologie, Psychologie und Gesellschaft zu tun. Diese Faktoren beeinflussen sich wechselseitig und wirken oft lange auf die Patienten ein.

Depressive Menschen litten darunter, sagt Böker, «dass sie sich schönen Reizen und Stimmungen nicht öffnen können». Viele von ihnen erleben den Frühling als Qual, weil ihre Umgebung auflebt, während es ihnen weiter schlecht geht. Bei schweren Depressionen erhöht sich auch die Selbstmordgefahr.

Frühjahrsmüdigkeit: kaum aufgewacht, schon wieder müde

Die Frühjahrsmüdigkeit hat mehrere, einander verstärkende Ursachen; sie lässt sich am besten als Kater am Ende des Winterschlafs beschreiben und wird von bis zu 70 Prozent der Bevölkerung verspürt. Die Frühjahrsmüden fühlen sich schlaff, lustlos und gereizt, können sich nur schwer konzentrieren, es wird ihnen schwindlig.

Die Frühjahrsmüdigkeit tritt umso stärker auf, je kälter die Winter und je heller die Sommer sind. Der Frühling verändert Hormonfluss, Stoffwechsel und Blutdruck, gleichzeitig produziert der Körper weiter Melatonin, das von den UV-Strahlen der Sonne nicht schnell genug abgebaut wird. Das Schlafhormon gerät in Konflikt mit anderen wie Dopamin und Serotonin, was auf die Stimmung schlägt. Der rasche Wechsel von Wetter und Temperatur belastet Kreislauf und Gefässe zusätzlich.

Immerhin ist das beste Gegenmittel gegen die Frühjahrsmüdigkeit einfach und gratis zu haben: Sonnenlicht.

Allergien: Fliegende Pollen, laufende Nasen

Allergien nehmen weltweit zu, aus verschiedenen, nicht restlos geklärten Gründen. Vor 100 Jahren zeigte etwa ein Prozent der Schweizer Bevölkerung allergische Reaktionen, heute erkranken bis zu 20 Prozent der Kinder und Erwachsenen an einer Pollenallergie und 20 Prozent der Kinder an einer Neurodermitis.

Für Pollenallergiker ist der Frühling schwer zu ertragen, denn der herumfliegende Blütenstaub hat äusserst unangenehme Folgen. Die Augen jucken, die Nase läuft, der Atem fällt schwer bis zum Asthmaanfall. Obwohl Allergiker von ihren Schwierigkeiten wüssten, klagen Fachärzte, dass sie oft zu spät darauf reagierten, vorzugsweise mit schnell wirkenden, aber nicht lange nachwirkenden Medikamenten. Die Alternative dazu ist aufwendiger, aber meistens wirksam: eine Immuntherapie mittels Spritzen, die den Patienten systematisch desensibilisiert.

Sommerzeit: Die biologische Uhr stellt nicht um

Der Frühling hiess früher Lenz, abgeleitet von Länge und benannt nach den länger werdenden Tagen. Licht und Temperatur regeln die biologische Uhr von Pflanze, Mensch und Tier und passen ihre Reaktion der Umgebung an. Die biologische Uhr läuft sehr genau und braucht beim Menschen für einen Tag etwa 24 Stunden und 20 Minuten. «Der Sonnenaufgang gibt der inneren Uhr das wichtige Signal zum Synchronisieren», sagt Anna Wirz-Justice, Professorin für Chronobiologie an der psychiatrischen Universitätsklinik Basel. Je mehr der Mensch mit künstlichem Licht verbringe, desto stärker würden Zivilisationskrankheiten wie etwa die Schlafstörungen.

Anna Wirz hält deshalb auch die Sommerzeit für ungesund, die ab diesem Sonntag wieder gilt. Viele Menschen hätten nachweislich Mühe, sich an die plötzlich verlorene Stunde anzupassen – «und manchen gelingt es überhaupt nicht». Die Sommerzeit verlängere zwar die hellen Abende, das sei natürlich angenehm. Aus medizinischen Gründen sei diese Zeitverschiebung aber keine gute Erfindung. Denn die hellen Morgenstunden seien für den Menschen wichtiger. Ohne Sonne geht gar nichts. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2011, 07:53 Uhr

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7 Kommentare

Ulrich H. Knobel

24.03.2011, 08:42 Uhr
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Da kann ich der Frau Professor Anna Wirz nur aus vollem Herzen zustimmen: die künstlich herbeigeführte "Sommerzeit" hat für den Menschen nichts Gutes in sich. Sie müsste eigentlich wieder abgeschafft werden. Nur, dazu bräuchte es Politiker mit Entschlusskraft - und die gibt es ja nicht. Antworten


maurena salzmann

24.03.2011, 13:09 Uhr
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Es ist bei weitem nicht so, dass eine Immuntherapie einen vom Heuschnupfen geplagten Menschen für immer desensibilisiert. Bei meinen Bruder hielt sie zwei, bei meinem Partner drei Jahre. Da gehe ich lieber zur Akkupunktur... Antworten




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