Leben
Der Seitensprung, die neue olympische Disziplin
Von Ulrike Hark. Aktualisiert am 11.05.2010 23 Kommentare
Gelegenheit macht Liebe: In den Ferien sind die Bedingungen für eine Affäre günstig. (Christian Lesemann)
Lesen Sie auch
Fremdgehen – Bücher zum Thema
Mia Ming: Seitensprünge.
33 Frauen erzählen von aufregenden Affären. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2010. 276 S., ca. 12 Fr.
Roman Maria Koidl: Scheisskerle.
Der Autor typisiert die Männer und geht der Frage nach, warum Frauen immer auf denselben Typ hereinfallen. Hoffmann und Campe, Hamburg 2010. 223 S., ca. 30 Fr.
Wolfgang Krüger: Das Geheimnis der Treue.
Der Psychotherapeut und Autor beschreibt, wie man auch in langjährigen Beziehungen treu bleiben kann. Kreuz-Verlag,
Stuttgart 2010. 180 S., ca. 28 Fr.
Sven Hillenkamp: Das Ende der Liebe.
Der Autor thematisiert die unbeschränkten Möglichkeiten der modernen Gesellschaft. Klett Cotta, Stuttgart 2009. 311 S.,
ca. 40 Fr.
Bin ich spiessig? Während ich abends die Bratkartoffeln aufsetze für meine bereits 25 Jahre währende Liebe, träumen Freundinnen von der Amour fou. Vom Life-Changing-Sex, den sie nach zwanzig Jahren Ehe und zwei Kindern noch einmal erleben wollen, bevor ihnen das letzte Haar ausfalle und alles vertrockne. «Er könnte mich doch wenigstens einmal küssen», klagte mir eine Bekannte vor kurzem, die schon seit einem halben Jahr mit dem Feuer spielt und den Bunsenbrenner immer dann abstellt, wenn der Begehrte gerade Feuer gefangen hat. Kein Wunder, denke ich, dass der das einmal leid ist. So wird es nie etwas geben.
Anders als bei Mia Ming, die in ihrem Buch «Seitensprünge» 33 Frauen erzählen lässt, wie sie betrogen haben und selber betrogen wurden. «Seitensprünge markieren die Wendepunkte im eintönigen Liebeseinerlei des Alltags», frohlockt die Autorin, die auf plakative Bettgeschichten spezialisiert ist. In einem ihrer letzten Bücher beklagte sie das mangelnde Niveau in den Betten Westeuropas – ein einziges Desaster, und man fragte sich bei der Lektüre, ob wirklich so viel Stümpertum unterwegs ist, wo doch alle von Sex reden und ihn offenbar auch munter auswärts praktizieren. Obwohl sich 90 Prozent der Bevölkerung Treue wünschen, wie wir aus Befragungen wissen, geht jeder und jede Zweite zumindest ab und zu fremd, die Rückfallquote ist beträchtlich. Seitensprünge sind absolut salonfähig geworden – so viel unerfüllte Sehnsucht gibts zu stillen –, und die Ratgeberliteratur springt munter mit.
Keine Reue, bis es auffliegt
Über die Hälfte der Fremdgeher, so hat Mia Ming festgestellt, fühlt sich nicht sonderlich schuldig, solange der Betrug nicht auffliegt. Gründe und Rechtfertigungen für eine Affäre gibts mehr als genug: Langeweile, Desinteresse des Partners, Neugier – und immer wieder Sehnsucht. Nach Anerkennung, nach Begehren, das man zu Hause nicht mehr erfährt und über dessen Abwesenheit man sich nicht austauscht. Das ist die einzig wichtige Einsicht, die man aus diesen 33 Geschichten gewinnt: wie wenig in Partnerschaften ausgesprochen wird. Caroline, die 34-jährige Sekretärin aus München, vergnügt sich lieber mit Sachbearbeiter Jan auf der Kühlerhaube, als dass sie mit ihrem Partner über ihr marodes innerhäusliches Sexleben spricht. Und Coiffeuse Esther macht mit Lehrer Jens Rastplatz-Sex, weil ihr Freund ihre erotischen Wünsche nicht erkennt: «Ich krabbelte auf allen vieren durchs Wohnzimmer, doch er wollte mir nur suchen helfen.» Können oder wollen die Leute vielleicht gar nicht reden? Würden sie reden, hätten sie ja einen Spannungsfaktor weniger im Leben.
Aber vielleicht bin ich in meinem Treueverständnis ja auch nur naiv, und die Sache zwischen Mann und Frau ist ganz einfach: nämlich nicht zu retten. Mark van Huisseling mutmasste ebensolches neulich im «Talk Täglich». Der wahre Grund für Konflikte zwischen Mann und Frau sei ein unvereinbarer Zielkonflikt und der heisse: «Mann will Frau, Frau will Kind, Kind will Hamster». Ergo: Es kann nicht gehen. Bleibt die Frage, was will der Hamster? Vermutlich ein Hamsterweibchen. Buchautor Roman Maria Koidl sass mit in dieser hochkarätigen Runde und offenbarte seine eigene Lösung des Problems, die da heisst: «Scheisskerle» (so der unfreundliche Name seines soeben erschienenen Buches). Da kommen sie dann alle vor, die fiesen Methoden der Verführer und Fremdgeher, die Ausreden der Noch-nicht-bereit-Experten und Komme-gerade-aus-einer-Beziehung-Männer. Sind also die Männer schuld an der grassierenden Untreue? Nein. Sie sind höchstens unschlüssiger, ihre Frau für eine Geliebte zu verlassen (nur 27 Prozent tun dies; bei den Frauen entscheiden sich 56 Prozent für den neuen Partner).
Der ewige Optimierungswahn
Man muss auf dem weitläufigen Gebiet der Ratgeber nicht lange suchen, um den Freispruch des Mannes zu finden. Nicht er sei fremdgesteuert, sondern unser ewiger Optimierungswahn mache uns untreu, meint Sven Hillenkamp in «Das Ende der Liebe». Er beschreibt unsere Gesellschaft als eine einzige Suchmaschine, treu sei der heutige Mensch nur in seiner Hoffnung, einen noch besseren, schöneren, reicheren Partner zu finden. Verführt von der sexualisierten Umwelt, von der allgemeinen Mobilität und den Versuchungen des Internets sei der Mensch ständig am Vergleichen, was ihn letztlich liebesunfähig mache. (Auf diversen Plattformen gibts Tipps für das Gelingen der kalkulierten Untreue bis hin zum perfekten Alibi.)
Ist Treue überhaupt noch ein Wert?, fragt man sich da. Treue klingt nach Moral, nach Verzicht und riecht schwer nach Spiessigkeit. Ich öffne schon mal das Küchenfenster und rühre nachdenklich in den Bratkartoffeln. C. G. Jung hat bereits vor über 50 Jahren davon gesprochen, die Treue werde überschätzt. Man solle ruhig seitenspringen, findet auch Paartherapeut Michael Mary, wenn man sich dabei den Knöchel nicht verstauche. So, als handle es sich um eine sportliche Veranstaltung, an der man nur geschickt sein muss.
Keine Rede von Verletzungen
Spricht auch mal jemand von der seelischen und sozialen Dramatik, die hinter jedem Seitensprung steckt? Von den Verletzungen, die diese Vertrauensbrüche anrichten? Nein. Dafür lese ich: «Frauen machen Cybersex im Internet.» Gleichzeitig will Erotik-Anbieter Patrik Stöckli eine Initiative für ein Pornoverbot starten. Und der «Blick» meldet frühzeitigen Samenerguss. Alles recht befremdlich, unappetitlich und mit höchst ungewissem Ausgang – so mein persönlicher Befund dieser Frühlings-Medien-Umschau. Da bleibe ich meinem Liebsten doch lieber gleich treu. Er macht nämlich einen wunderbaren Risotto. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.05.2010, 20:21 Uhr
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23 Kommentare
Seitensprünge sind IMMER zu verdammen, denn sie haben unweigerlich die Verletzung des Partners zur Folge. Nur eine offene Beziehung, in der externer Sex klar kommuniziert wird, ist vertretbar, da beide wissen, was Sache ist. Wenn Mann es wichtiger ist, seinen S** in fremde Frauen zu stecken als die geliebte Frau und Familie zu halten, soll er sich scheiden lassen.. Antworten
falsch gedeuteter Respekt, falscher Partner, falsche Scham es gibt viele Gründe warum das prickeln nicht mehr da ist bei einem Paar. Klar das man sich dann den Seitensprung aussucht. Warum nicht zusammen mit dem Partner ausbrechen und Varianten suchen. Die hier zu nennen ist nicht relevant. Ich habe beide Varianten ausprobiert die mit der Liebe ist definitiv die bessere! Antworten
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