Leben
Der Wahn des positiven Denkens
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 04.02.2010 21 Kommentare
Profilierte Publizistin
Barbara Ehrenreich, 68, studierte Physik und Mikrobiologie und arbeitete danach als Journalistin. Wie Günter Wallraff erkundete sie undercover die Arbeitswelt der USA («Nickel and Dimed») und die Ausbeutung von Frauen («Global Woman: Nannies, Maids, and Sex Workers in the New Economy»). Ihre Bücher erregten grosses Aufsehen. Einige Titel erschienen auch auf Deutsch («Qualifiziert und arbeitslos», «Arbeit poor», beide bei Kunstmann). Daneben schreibt sie in wichtigen amerikanischen Zeitungen und Magazinen («Time», «New York Times»).
Als Barbara Ehrenreich vor neun Jahren ihre Brustkrebsdiagnose erhielt, ging sie damit einigermassen pragmatisch um. Als Doktorin der Biologie verstand sie die medizinischen Zusammenhänge und auch, wie die Behandlung wirken würde; Angst hatte sie trotzdem, verständlicherweise. Sie suchte Informationen im Netz. Fand zahlreiche Blogs von Betroffenen. Und begann, Fragen zu stellen, zur Operation, zum Haarausfall, zu den Schmerzen. Zu ihrer Verblüffung erhielt sie den Rat, schleunigst einen Therapeuten aufzusuchen: Mit so einer negativen Haltung, hiess es unisono, habe sie keine Chance, gesund zu werden. Sie müsse dringend an ihrer Einstellung arbeiten. Positiv müsse die sein, p-o-s-i-t-i-v! Und sie selbst müsse den Krebs als eine wunderbare Möglichkeit erkennen, sich persönlich und spirituell weiterzuentwickeln.
Ehrenreich konnte ihrer Krankheit beim besten Willen nichts Positives abgewinnen, sie empfand sie als ungerecht, war wütend. Aber sie konnte nirgendwohin mit ihrem Zorn, Empfindungen dieser Art, schien es, hatte man sich in ihrem Land abgewöhnt. Sie erinnerte sich, dass auch Lance Armstrong in einer völligen Selbstverständlichkeit einst gesagt hatte: «Der Krebs ist das Beste, was mir in meinem Leben je passiert ist.» Sie begriff: Hier ging es nicht darum, tapfer zu sein, und schon gar nicht um eine gesunde Portion Optimismus, sondern um den Glauben, kraft positiven Denkens dem Krebs den Garaus machen zu können. Um eine Haltung, die zu einem kollektiven Wahn geworden war und die da lautet: Alles ist möglich, man muss nur fest genug wollen. Man muss nur genug positiv sein.
Angst vor negativen Gefühlen
Barbara Ehrenreich ist keine verbitterte, humorlose Frau. Sie findet es gut, wenn Menschen glücklich sind. Und sie anerkennt durchaus, wie wichtig die Befreiung vom strengen, nach heutigem Verständnis «negativen» Calvinismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts war, als die Menschen nicht mehr länger einen immer strafenden Gott fürchten mussten. Das Glück liegt in dir selbst, versprach dieser neue Ansatz. Er wirkte befreiend, weil er die Amerikaner tatkräftig machte, weil dadurch diese «Let's do it»-Mentalität entstand, neben der Europa immer etwas zaudernd wirkte.
Die begrüssenswerte Entwicklung ist aber längst aus dem Ruder gelaufen. Ehrenreich sieht im positiven Denken heute ein System, das den Menschen eben gerade nicht glücklich macht, sondern vielmehr unter Druck setzt. Gerade im Krankheitsfall wird dies zur zusätzlichen Belastung. In ihrem Buch «Smile or Die» berichtet sie von Patienten, die, angeschlagen und gezeichnet, so sehr darum bemüht sind, positiv zu sein, dass die Angst vor negativen Gefühlen grösser war als vor der Krankheit an sich. Wenn sie einen Rückfall erleiden, trotz allen positiven Denkens, kommen Schuldgefühle dazu, fühlen sie sich als Versager. Weil sie nicht genug fest gewollt haben. Ganz die Wissenschaftlerin, die sie vor ihrer journalistischen Karriere war, zitiert Ehrenreich an dieser Stelle aus zahlreichen Studien, nach denen noch nie ein günstiger Effekt des positiven Denkens auf eine Krankheit wie Krebs nachzuweisen war.
Motivation wohin man schaut
Und sie holt aus, zu einem bitterbösen Rundumschlag, der zeigt, wie sehr das positive Denken längst alle Bereiche des amerikanischen Lebens beherrscht, nicht nur dann, wenn es um schwere Krankheiten geht: immer nur das Positive sehen, selbst dann, wenn das Glas nicht nur leer ist, sondern längst zerbrochen am Boden liegt. Die Folgen dieses «always look on the bright side» sind überall spürbar, bis hin zur Finanzwelt, und Ehrenreich liefert Beispiele zuhauf; bisweilen sind sie so bizarr, dass man als Europäer zutiefst dankbar ist, dass bei uns die milliardenschwere Daumen-hoch-Industrie von Motivationsseminaren, -trainern, -büchern und -CDs nie so richtig Fuss fassen konnte. Dennoch sind auch wir nicht verschont geblieben, vor allem in der globalisierten Wirtschaftswelt nicht, wo Angestellten auch in der Schweiz schon mal gesagt wird, sie sollen ihre Entlassung als «Chance» betrachten.
Und ebenda begann es ja auch aus dem Ruder zu laufen, das positive Denken, in der Arbeitswelt der Achtziger, als man in den USA den Angestellten Entlassungen quasi als Geschenk verkaufte, als Möglichkeit, persönlich weiterzukommen. Die Strategie eignete sich perfekt, um Kritik oder gar Protest im Keim zu ersticken, man präsentierte den Leuten einfach schlechte Nachrichten als gute. Und viele Amerikaner mochten gerne daran glauben. Bücher von Betroffenen mit Titeln wie «Wir wurden entlassen, und es war das Beste, was uns je passiert ist» zeugten davon; die Entlassenen spielten das Spiel mit, als dankbare Handlanger derer, die sie manipulierten.
Kritische Haltung ist verpönt
Barbara Ehrenreich fragt: Wie soll der blosse Vorgang des positiven Denkens eine bestimmte Tatsache verändern können? Da habe sich ein Land ein Mantra zusammengeschustert, das dem Aberglauben gefährlich nahekomme.
Und sie sagt: Dieses Land muss wieder begreifen, dass das Gegenteil des positiven Denkens nicht Pessimismus ist. Sondern die Fähigkeit, Situationen realistisch einzuschätzen und kritisch zu hinterfragen. Dies ist aber mittlerweile derart verpönt, dass allein «negativ sein» ein Kündigungsgrund sein kann. Wobei dieses «negativ sein» schlicht darin bestehen kann, zu viele Fragen zu stellen und damit unangenehm zu sein.
Die Realität wird ausgeblendet
Hier zieht Ehrenreich einen etwas gewagten Schluss: Sie führt aus, wie positives Denken beziehungsweise dessen groteske Auswüchse unter anderem den Finanzkollaps überhaupt erst ermöglicht hätten. Wer kritisch nachfragte, gewisse Handlungen hinterfragte, am Erfolg zweifelte, Risiken als zu hoch einschätzte, der hatte «a negative attitude». Und das mochte man gar nicht, die Leute wurden entlassen oder mundtot gemacht.
Das mag nun eine etwas einseitige Betrachtungsweise sein, allein, was sie damit sagen will, ist klar: Wenn positives Denken zur Folge hat, dass Unangenehmes nicht mehr thematisiert werden darf, weil damit die kollektive Harmonie gestört wird, dann ist das nicht positiv und nicht gut. Es führt dazu, dass die Realität ausgeblendet wird, dass man sich eine eigene, harmlose Welt zusammenzimmert. Probleme werden so keine gelöst. Und das, sagt Ehrenreich, kann sich Amerika nicht leisten.
Barbara Ehrenreich: Smile or Die. How Positive Thinking Fooled America & the World. Granta Publications, London 2009. 235 S., ca. 28 Fr.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.02.2010, 08:52 Uhr
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21 Kommentare
@Jack Welti: "Der Artikel ist sehr negativ belegt. Negative Gedanken stehen aber jeder positiven Entwicklung erwiesenermassen diametral im Weg." Das ist eben genau das, was die populär-triviale "du musst positiv denken!"-Welle glauben lassen will. IMO stimmt es nicht. Wenn ich nicht zu viel wollte (=nicht unbedingt an mich glaubte), war ich jeweils am besten (Job, Sport, Liebe, etc.). Antworten
Vor allem werden die "exzessive positivdenker" Realitätsfremd und akzeptieren andere Meinungen nicht mehr. Solche Leute sind auch in der Wirtschaft nur noch Bremsklötze die auch die anderen Mitarbeiter nur noch bremsen. Am schlimsten sind die Leute die am Abend einen Kurs über positives Denken besuchen und einem am nächsten Tag 8 Stunden wärend der Arbeit davon erzählen müssen. Antworten
@Jack Welti: nun ja, das mag vielleicht für sie zutreffen. Für mich stimmt das Statement nicht. Ich finde die Relation (positiv zu negativ) enorm wichtig und diese kann ich für mich erst erfahren, wenn ich beide Seiten der Medaille kenne. Der daraus resultiernde gesunde Realitätssinn erachte ich als wichtig und stelle fest, dass das in der Arbeits-/Geschäftswelt immer weniger gefragt ist. Antworten
Positiv Denken heisst nicht mehr Denken und wird bedenklich, ähnlich sagte es Bichsel. Risikomanagement ist wichtig im Gebirge und Leben. Wer primär positiv denkt, kommt in einer Lawine um oder verkennt sein eigenes Leben. Es ist jedoch positiv, wenn nach einem Unglück analisiert wird, was die Lehre ist und wie die unangenehme Angelegenheit in einen Vorteil umgedreht werden kann. Das gelingt oft! Antworten
"Für positive Denker funktioniert die Psyche wie ein Computer, den man beliebig umprogrammieren kann. Doch das Unbewusste löscht keine Eindrücke, es gibt keine Delete-Taste". Wer im Sinne von Oberguru J. Murphy positiv denkt, muss Gefühle unterdrücken. Ärger, Angst, Trauer etc. darf es nicht geben. Heilung könne mit positiven Gedanken über Distanzen tausender Km bewirkt werden. Allmachtsfantasien Antworten
@Jack Welti: Ihr Beitrag ist die perfekte Illustration, was problematish ist am extremen "positiven Denken". V.a. der letzte Satz ("...nur wer positiv denkt, schafft angeblich "Unmögliches" ") zeigt wie sehr einseitig fixiertes Denken die Sicht vernebelt. Auf die Balance kommt es an und auf die selbstkritische Reflektion. Dazu gehört, dass man etwas schlechtes auch als solches erkennt... Antworten
@Martin Reifler: Sie scheinen Amerika nicht zu kennen. Dort ist das krankhafte Festhalten an "positiven" Gedanken wirklich ein Problem. Gefährliche Aussagen wie die von Lance Armstrong (siehe Artikel) werden dort als "richtig" empfunden. Sie haben schon recht, dass die Erkenntniss nicht neu ist, aber trotzdem ist sie nach wie vor ein weitverbreitetes Problem in den USA und z.T. auch hier... Antworten
Welches "positive Denken" verteufelt denn die gute Frau eigentlich? Meint sie nicht eher Naivität? Das positives Denken als Überlebensreflex des Ego durch negatives Denken als Verunsicherung oder in pathologischen Formen gar Selbstzerstörung des Ego, beeinträchtig wird, steht doch wohl ausser Frage? Ob Selbstzerstörung heilende Wirkung haben kann, hängt wohl davon ab wieviel Selbst zerstört wird. Antworten
Realist und Optimist sein, geht sehr gut miteinander. Machen wir es, wie Emil Coué vor fast hundert Jahren gelehrt hat! Jedesmal, wenn ich etwas Schwieriges vor mir habe, frage ich mich: "Ist das, was ich erreichen will real möglich?" Und wenn ich sagen kann: "Ja, eigentlich schon" .... dann sage ich sofort: "Es ist möglich, es ist leicht, ich kann es!" So einfach ist das. Antworten
Endlich wird es thematisiert, dass auch das Ausleben anderer Gefühle sehr wichtig ist. Bei manch positiv eingestellten Personen scheint dies geradezu eine Religionsfrage zu sein, so nach dem Motto: „Mir passiert nichts“ und latscht über die 6-spuhrige Autobahn. Mal abgesehen von anderen geistigen Schäden. Antworten
Der Artikel ist sehr negativ belegt. Negative Gedanken stehen aber jeder positiven Entwicklung erwiesenermassen diametral im Weg, egal um welchen Lebensbereich es gerade geht. Positive Gedanken entwickeln hingegen heilende Kräfte die jede Vorstellungskraft übertreffen. Ich will damit keinesfalls einen gesunden Realitätssinn vernebeln, aber nur wer positiv denkt, schafft angbeblich "Unmögliches"! Antworten
Weiter darf man pseudo-Optimismus wie er bei den Amerikaner verbreitet zu sein scheint (Achtung: Blosse Vermutung) nicht mit wahrhaftigem Optimismus in einen Topf werfen. Das eine ist der krankhafter Schatten der Konsumgesellschaft die Menschen als immer-fröhlich wollen... - Was wiederum nichts mit dem Optimismus Sterbender zu tun hat. Antworten
In gewissen Teilen stimme ich der Autorin zu; es ist eine Art "Wahn", wenn man ALLES zwanghaft als positiv zu sehen versucht. Aber man versucht hier ein paar Zusammenhänge zu verwässern! Der angesprochene Finanzkollaps hat wurde nicht mit "zu viel" positivem Denken herbeigeführt (lächerlich!). Wer sagt denn, dass das ständige Anhäufen von Geld etwas Positives ist! Es ist defcto egoistisch! Antworten
Das Groteske hierbei ist, dass es bei uns auch stattfindet. Die Chefetage hält die Fahnen hoch und ihr Gefolge folgt! Ohne wenn und aber. Man gilt wie oben erwähnt als negativ eingestellt, wenn man Prozesse hinterfragt. Solche Arbeitnehmer gelten nicht als Teamfähig, werden zum Teil ausgegrenzt. Think realistic and stay positiv. Antworten
So ein alter Hut, neu aufgewärmt. Dass stur einseitig positives Denken negativ ist, war schon im letzten Jahrtausend in unzähligen Büchern und Artikel zu lesen und ist eigentlich in der breiten Bevölkerung längst Allgemeinwissen. Was die Autorin verdrängt: Die seriöse Positive Psychologie ein neuerer Forschungszweig. Darüber zu berichten passt halt nicht ins negative-kritische Denken dieser Frau.. Antworten
Toll, dass das endlich thematisiert wird. "Positiv Denken" richtet viel Schaden an. Denn es führt oft zur Verdrängung von sogenannt negativen Gefühlen. Anstatt sich mit diesen Gefühlen auseinanderzusetzen, "denkt man positiv". Auch wird der Machbarkeitswahn gefördert. "Jeder kann Millionär werden". Was gefordert ist, ist eine positive Grundhaltung in der auch negative Gefühle ihren Platz haben. Antworten
Hoffentlich nicht nur wir PsychotherapeutInnen wissen, dass das Erkennen und Zulassen »negativer« Gefühle, die Stärkung des gesellschafts- und selbst-kritischen Denkens sowie das Erlernen von Techniken zur Entfaltung von Frustrationstoleranz und entwicklungsförderlicher Haltungen wie zB Akzeptanz in schwierigen Lebenssituationen, wichtig sein können. Und auch Wut kann entwicklungsförderlich sein! Antworten




Eduard van Langshe
Es steht jedem Menschen frei, positiv oder negativ zu denken. Die Verantwortung über sich sollte er einfach nicht abgeben. Antworten