Leben

Der blaue Dunst, der noch geduldet ist

Von Roger Zedi. Aktualisiert am 23.10.2009

Zigaretten sind flächendeckend geächtet. Zigarren passen schlecht zur allgemeinen Krisenstimmung. Da bleibt nur noch der Griff zur Tabakpfeife. Höchste Zeit, mal daran zu ziehen.

Nicht runterziehen: Pfeifenraucher Gregory Peck.

Nicht runterziehen: Pfeifenraucher Gregory Peck. (Bild: Keystone)

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Johann Sebastian Bach hats getan. Albert Einstein, Erwin Schrödinger und Edwin Hubble ebenfalls, selbst Charles Darwin. Eine ganze Heerschar von Schriftstellern, darunter J.R.R. Tolkien und seine Hobbits, nicht zu vergessen Gandalf der Zauberer. Sie alle griffen genüsslich zur Tabakpfeife.

So weit, so gut, was geht mich das an? Das sind alles ältere Herren, die nicht mehr unter uns weilen (oder Kunstfiguren). Dass sich hingegen im eigenen Freundeskreis innert kurzer Zeit gleich mehrere als Pfeifenraucher outen, lässt einen schon eher aufhorchen. Denn die Biografien dieser Herren ähnelt der eigenen zu sehr, als dass man nicht neugierig würde. Allesamt sind diese Männer seit Jahren Ex-Raucher, wie sich das gehört. Neuerdings packen sie aber gerne nach dem gemeinsamen Abendessen ihre Pfeifen aus und paffen.

Nun ist es gekommen, wie es kommen musste: Patrick hat mir eine Pfeife zum Geburtstag geschenkt. Ein Set besser gesagt, denn ohne Tabak, Pfeifenputzer und Pfeifenstopfer kann man sich die Pfeife gerade mal auf die Kommode stellen oder an die Wand hängen. Gedacht ist sie für anderes.

«Besorg dir Chlorophyll»

«Probier die noch schnell, denn nachher wirst du nichts mehr schmecken», sagt Esther, Patricks Freundin, und reicht mir ein Macaron aus der brandneuen Züricher Ladurée-Filiale. Lecker, doch ich bin an diesem Herbstabend zu Besuch, um meine Pfeifen-Initiation zu bekommen. «Und besorg dir schon mal Chlorophyll-Tabletten für morgen. Du wirst Mundgeruch haben wie noch nie», sagt sie. «Auch wenn ich die Zähne zweimal putze?», frage ich. «Ja, auch dann», sagt sie und überlässt das Wohnzimmer den Männern und ihren Pfeifen.

Patrick ist schon ganz gischpelig und lässt sich von den Worten seiner Freundin nicht abhalten. «Es stimmt, aber nur bei gewissen Tabaksorten», beschwichtigt er mich. Dann setzt er zu einem Vortrag ohne Punkt und Komma über Pfeifenformen und -arten an, präsentiert mir seine sieben Dunhill-Pfeifen, die er hütet wie Schätzte, packt seine gut ein Dutzend Tabaksorten aus, die er vorrätig hat. Die englischen haben es ihm besonders angetan. «Die hast du aber heimlich gekauft», stellt Esther fest, die sich wieder zu uns setzt. Er redet ungebremst weiter, faselt etwas von drei Fäusten beim Pfeifenstopfen, demonstriert, wie man das Mundstück korrekt vom Pfeifenkopf abnimmt und wie oft und womit man die Pfeife reinigt.

Zigaretten auf dem Abstellgleis

Mir ist schon sturm, bevor ich geraucht habe. Und mir wird klar, mit diesem Thema kann Mann sich beliebig ausführlich und exzessiv beschäftigen.

Zigaretten sind mittlerweile überall geächtet, im öffentlichen wie im privaten Raum. Und Zigarren wollen zur aktuellen Krisenstimmung einfach nicht so recht passen. Bleibt also, mal abgesehen vom politisch korrekten, gesundheitsfanatischen und genussfeindlichen Verzicht auf alles, was qualmt, die Pfeife. Ihr hängt zwar nach wie vor ein Alte-Männer-Image an, das jedoch längst überholt ist. Selbst die ehrwürdige «Financial Times» hat unlängst festgestellt, dass an amerikanischen Unis das Pfeifenrauchen unter den Studenten wieder sehr en vogue ist. Mittlerweile gibt es sogar Facebook-Gruppen von Pfeifenliebhabern. Auch René Wagner vom Tabak-Lädeli in Zürich stellt fest, dass immer mehr Jüngere den Weg zu ihm finden, weil sie lernen möchten, wie man Pfeife raucht, darunter selbst Zwanzigjährige, die mit Zigaretten nichts oder bereits nichts mehr anfangen können.

Ausserdem ist die Pfeife im Herbst und Winter am gefragtesten, weil in der kalten Jahreszeit viele Zigarrenraucher umschwenken. Denn drinnen ist die Pfeife viel eher geduldet, nicht zuletzt von den nicht rauchenden Frauen. Pfeifenraucherinnen bleiben jedoch eine Ausnahmeerscheinung.

Keine Liebe auf den ersten Zug

Schliesslich ist es so weit. Ich stopfe meine Pfeife, ein günstiges Maiskolben-Modell («Erst einmal schauen, obs dir schmeckt»), mit dänischem Black Vanilla. Der süssliche, parfümierte Tabak sei leicht und besonders gut geeignet für Einsteiger, meint der liebenswert begeisterte Patrick. Noch ein Zündholz, und es geht los. Mir schiessen Erinnerungen an den ersten Joint durch den Kopf (das lief damals ziemlich schief, ist aber längst verjährt). An meine erste Zigarette kann ich mich erstaunlicherweise nicht erinnern (das war erst lange nach dem Joint), dafür an meine letzte, das war vor über einem Jahr.

«Nicht runterziehen», sagt Patrick, der bereits genüsslich an seiner Dunhill nuckelt und schliesslich ein erwartungsvolles «Und?» aus dem Mundwinkel stösst. «Schmeckt irgendwie nach gar nichts», stelle ich fest. Ich bin zu beschäftigt damit, dafür zu sorgen, dass die Glut nicht ständig ausgeht oder dass ich nicht zu stark ziehe. Bald einmal fühle ich mich besäuselt, und die Zähne werden ganz pelzig. Liebe auf den ersten Zug ist das jedenfalls nicht.

Genuss und Entspannung? Dafür braucht es wohl mehr Übung. Doch immerhin ist der angekündigte Mundgeruch am nächsten Tag ausgeblieben, womit einem zweiten Versuch eigentlich nichts im Wege steht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.10.2009, 06:30 Uhr

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