«Die Situation erinnert an die Industrialisierung»

In Deutschland soll ein Anti-Stress-Gesetz die Leute vor Arbeit und beruflichen E-Mails nach Feierabend schützen. Der Zürcher Arbeitswissenschaftler Georg Bauer hat einen besseren Vorschlag.

Ständige Erreichbarkeit kann die Gesundheit gefährden: Plakat der technologiekritischen TV-Serie «Black Mirror».

Ständige Erreichbarkeit kann die Gesundheit gefährden: Plakat der technologiekritischen TV-Serie «Black Mirror».

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Herr Bauer, Sie haben einen Tag lang nicht auf meine Interviewanfrage geantwortet. Ich wurde bereits nervös. Wer funktioniert falsch – Sie oder ich?
Das sind natürlich Sie. Nur weil sich ein E-Mail sofort verschicken lässt, kann der Absender nicht eine sofortige Antwort erwarten. Wobei ich bei dringenden Dingen wie einer Interviewanfrage normalerweise sofort antworte.

In Deutschland soll ein Anti-Stress-Gesetz entstehen, das die Angestellten vor Arbeit und Berufsmails nach Feierabend schützt. Was halten Sie davon?
Ich begrüsse einen Diskurs zum Thema, ein solcher ist dringend nötig. Die Situation erinnert mich an die Zeiten der Industrialisierung. Begeistert durch die neue Effizienz, wurden die Produktionsmaschinen rund um die Uhr genutzt – was für die Arbeiter verheerend war. Es mussten erst Fabrikgesetze erlassen werden, um die Arbeitszeit auf maximal 72 Stunden pro Woche zu reduzieren.

Die neuen Technologien als modernes Fliessband?
Die elektronischen Medien haben eindeutig zu einer Beschleunigung und Verdichtung der Arbeit geführt. Wir arbeiten effizienter. Umso wichtiger ist es, nach der Arbeit abschalten und sich erholen zu können. Die Forschung hat gezeigt, dass die ständige Erreichbarkeit dies zunehmend erschwert. Dauererreichbarkeit und häufige berufliche Nutzung des Smartphones können zu Schlafstörungen, mangelnder Erholung, gestörtem Familienleben und längerfristig zu psychischen Erkrankungen wie Depression und Burn-out führen.

Erlaubt das Verfliessen von Arbeitszeit und Freizeit nicht auch mehr Flexibilität in der Einteilung der Arbeit?
Flexibles Arbeiten kann die positive Seite von Dauererreichbarkeit sein. Entscheidend ist, wer die Flexibilität definiert. Wenn wir selber bestimmen können, wann und wo wir arbeiten, ist das eine grosse Chance für unser Autonomieerleben und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Der Arbeitnehmer müsste in der Lage sein, selbst zu entscheiden, ob er seine Mails nach Feierabend anschauen will.

Was viele wohl tun, weil sie befürchten, sonst nicht zu genügen.
Das ist so. Interessant ist aber auch, dass sie nicht nur dem Betrieb Dauerbereitschaft signalisieren wollen, sondern sich selbst: Mails checken steigert das Selbstwertgefühl, man fühlt sich gebraucht und wichtig. Die Medienwissenschaftlerin Sabrina David sprecht hier von Revierstress: Demnach sind wir geprägt, unser relevantes soziales Interaktionsfeld zu bewachen.

Welche Berufe sind besonders von diesem Verhalten geprägt?
Inzwischen sind nicht nur bestimmte Berufe betroffen. Laut aktuellen Studien sind etwa 80 Prozent der Angestellten nach der Arbeit zumindest potenziell über E-Mail oder SMS für den Arbeitgeber erreichbar – wobei nur 20 Prozent ihre beruflichen Mails dann auch regelmässig lesen.

Dann ist auch eine gewisse Eigenverantwortung angezeigt?
In der Schweiz geben fast 80 Prozent der Arbeitnehmenden an, dass ihnen eine klare Trennung zwischen Beruf und Freizeit wichtig ist. Wir müssen lernen, die positiven Seiten der Flexibilität zu nutzen, uns aber auch bewusst auszuklinken und die scheinbare Notwendigkeit der Dauererreichbarkeit zu hinterfragen. Wichtig ist, dass man die Handhabung von Feierabendarbeit auch im Team diskutiert. Bei uns ist es so, dass in dringenden Fällen ein SMS mit Hinweis aufs Mail erlaubt ist. Die Hauptverantwortung für psychische Gesundheit der Mitarbeiter sollte aber beim Arbeitgeber liegen. Hier befürworte ich klare betriebseigene Regelungen und notfalls auch gesetzliche Verordnungen.

Lässt sich Stress tatsächlich per Gesetz eliminieren?
Jemandem gesetzlich zu verbieten, Mails nach Feierabend abzuschicken, ist kaum hilfreich, da das die Flexibilität einschränken kann. Die Dauererreichbarkeit ist ein Subthema der psychosozialen Situation in einem Betrieb. Was ich deshalb fordere, sind Vorgaben, dass Betriebe regelmässig das allgemeine Stressniveau der Angestellten kontrollieren.

Wie lassen sich solche Belastungsschwellen festlegen?
Es gibt heute sehr verlässliche Befragungsinstrumente, mit denen sich Arbeitsbelastungen wie Unterbrechungen und Zeitdruck, aber auch Arbeitsressourcen wie Entscheidungsspielräume, Wertschätzung oder soziale Unterstützung messen lassen. Mit dem von uns entwickelten Corporate Health Index lassen sich gut gesundheitliche Probleme voraussagen, aber auch das Engagement und die Leistungsfähigkeit der Belegschaft. Die Leute auszuquetschen, bringt demnach unter dem Strich auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht nichts. Mithilfe des Index können Führungskräfte mit ihren Teams gezielt Verbesserungen vornehmen. In den skandinavischen Ländern ist die Überprüfung der psychosozialen Faktoren bei der Arbeit schon gang und gäbe.

Wie sieht die Situation in der Schweiz aus?
Im schweizerischen Arbeitsgesetz ist zwar verankert, dass der Arbeitgeber alles auf dem heutigen Stand der Technik Mögliche tun muss, um den Arbeitnehmer vor gesundheitlichen Schäden zu schützen. Da gilt es heute meiner Meinung nach, auch die psychosozialen Faktoren zu berücksichtigen – bloss wird dies von den zuständigen kantonalen und eidgenössischen Arbeitsinspektoren kaum eingefordert. Immerhin: Das Seco will nun in Spitälern, Versicherungen und Banken überprüfen, wie mit dem Stressrisiko umgegangen wird.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.09.2014, 08:25 Uhr

Dr. Dr. Georg Bauer (52) ist Mediziner und Arbeitswissenschaftler. Er leitet die Abteilung Gesundheitsforschung und Betriebliches Gesundheitsmanagement der Uni Zürich.

Anti-Stress-Gesetz

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles will eine Anti-Stress-Verordnung auf Bundesebene prüfen. Laut einer Ministeriumssprecherin arbeite man derzeit "den heutigen Wissensstand systematisch auf", um zu "konkreten Handlungsempfehlungen zu kommen". Beteiligt sei neben dem Arbeitsministerium auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Der Deutsche Gewerkschaftsbund hatte bereits früher eine "Anti-Stress-Verordnung" mit klaren Festlegungen zur Erreichbarkeit von Arbeitnehmern in ihrer Freizeit gefordert.

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