Leben
Die neue Selbstbildstörung
Von Simone Meier. Aktualisiert am 22.10.2010 9 Kommentare
Artikel zum Thema
- «Gossip Girls»: Sex, Kokain und Gerüchte in der City
- Junge Bernerin erobert Deutschland
- TV-Kritik: Die Miss Bohlen
- «Nach der Schönheits-OP kommt die Natur»
Das Buch
Bernhard Pörksen, Wolfgang Krischke (Hrsg.): Die Casting-Gesellschaft. Herbert von Halem Verlag, Köln 2010.346 S., ca. 29 Fr.
«Im Seichten kann man nicht ertrinken», sagte Helmut Thoma, heute 71, einmal, und der muss es ja wissen, denn Helmut Thoma hat 1984 in einer luxemburgischen Autobusgarage RTL erfunden – den Sender fürs «Rammeln, Töten, Lallen», wie es damals hiess. Er hat dort unter anderem die Nackthäuter-Sendung «Tutti Frutti» ins Leben gerufen, und die war fürs Privatfernsehen ja so was wie der Anfang von allem Übel beziehungsweise Erfolg: Schlichtes für Voyeure.
Im Gespräch mit Medienwissenschaftsstudenten der Universität Tübingen für das Buch «Die Casting-Gesellschaft» zeigt sich Helmut Thoma auch heute noch als unbekehrbares Schlachtross für eine Kultur des Privatfernsehens: «Die Öffentlich-Rechtlichen haben wir doch nur wegen der Frequenzknappheit und wegen der Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs. Aber ansonsten gibt es doch wirklich keinen einzigen vernünftigen Grund dafür.»
Ich ist ein Event
Im Herzen seines Plädoyers für die einfache Kost («Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler») stehen die Castingshows, die vor gut einem Jahrzehnt im deutschsprachigen Fernsehen Einzug hielten. Denn einfacher gestricktes Fernsehen als Castingshows kann man gar nicht machen, es wird da der Mensch hemmungslos sich selbst und seiner Eitelkeit überlassen, und je mehr er sich selbst als Event begreift und vom Fernsehen als solches inszeniert wird, desto lieber schaut man zu.
Es gehe dabei, so schreiben die Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke im Vorwort von «Die Casting-Gesellschaft», um die Kunst der «Aufmerksamkeitsökonomie» vonseiten der Akteure. Und um die Lust des Publikums, andern beim Berühmtwerden zuzuschauen und zu denken: «Ich bin auch ziemlich gut. Ja, eigentlich bin ich echt super», wie Anke Engelke die neue Selbstbildstörung zusammenfasst.
Man kann das prima an der derzeit virtuosesten Aufmerksamkeitsökonomin im deutschsprachigen Raum beobachten, nämlich an der rundherum offenherzigen Pfälzerin Daniela Katzenberger, 24, die nichts kann, als tief dekolletiert Sprüche zu klopfen.
Nix in der Birne
Sie brauchte zum Berühmtwerden nicht einmal die Konkurrenten einer Castingshow, sie hat es, begleitet von den Kameras von Vox, ganz mit sich alleine geschafft, zur gefragtesten Celebrity deutscher Boulevardmedien zu werden. Es genügten dazu eine Reise nach Amerika in der Auswanderershow «Goodbye Deutschland» und die fixe Idee, in Hugh Hefners Playboyvilla reinzukommen. Mittlerweile absolviert «Die Katze» mindestens drei Auftritte in Peoplemagazinen, Realityshows, Oktoberfestzelten oder auf roten Teppichen täglich, das wöchentliche Arbeitspensum der proletarischen Paris Hilton umfasst gegen 140 Stunden, und ihre einzige Angst ist die, dass ihr vor lauter Ermüdung die medienwirksame «Beklopptheit» abhandenkommen könnte.
Die deutschen Menschen auf der Strasse lieben Daniela Katzenberger, «weil die so authentisch ist». Was darauf beruht, dass sie mehrmals täglich zugibt, «nix in der Birne» zu haben. Sie ist die momentan unbestrittene Galionsfigur einer «demonstrativen Kultur der Unbildung» (Pörksen/Krischke), mit der das sogenannte Unterschichtsfernsehen – auch «Uschi» genannt – sich zur «Avantgarde bei der Schleifung letzter bürgerlicher Tabureste» gemausert hat. Das Privatfernsehen also als Instrument einer Revolte von ganz unten.
Schuld sind die Eliten
Der Restaurantkritiker und Fernsehkoch Christian Rach gibt die Schuld dafür an das elitäre Bürgertum zurück und hat damit vielleicht nicht ganz Unrecht: Politik, Religion und Philosophie, sagt er, seien besonders für Jugendliche nichts als sinnentleerte Grössen. Wo die Medienmaschinerie eine Instant-Identität verspricht, sei gerade die Philosophie «nicht mutig genug, die Neuzeit zu erklären. Dinge wie Umweltverschmutzung, Computer und moderne Kommunikation existieren in der Philosophie nicht. Zu den wenigen Ausnahmen gehört Peter Sloterdijk, der seine Wirkung auch nicht an der Universität, sondern über die Medien entfaltet.»
Doch wie kommt man denn da eigentlich hinein, in diese Halt gebende, Sinn stiftende Fernsehwelt? Wie wird man zu einer angeblich so authentischen und fernsehtauglichen Existenz? Muss es denn immer gerade so übereifrig sein wie bei der krebskranken Britin Jade Goody, der Frau mit der «prämortalen Medienkarriere» (Pörksen/Krischke), die – jung, untalentiert und ungebildet – nun mal nichts anderes konnte, als in aller Öffentlichkeit zu sterben?
Menschenfutter für die Masse
Nein, man muss nicht immer gleich seinen nahenden Tod zu Markte tragen. Man muss auch nicht immer singen, schön oder dumm sein. Bei Ikea einzukaufen, reicht völlig. Denn dort findet die Reality-TV-Agentin Imke Arntjen, die Sendungen wie «Bauer sucht Frau» mit Menschenfutter beliefert, ihre pflegeleichteste und massentauglichste Ware; all jene, die später verkuppelt, therapiert, von Schulden befreit oder bekocht werden. Die Klientel scheint sich bei Ikea den Möbeln anzupassen.
Auch was Imke Arntjen gar nicht erst anzuschauen braucht, tut sie in «Die Casting-Gesellschaft» (eine grossartige Fundgrube an Hintergrundmaterial für TV-Süchtige) ungeniert kund: «Prekariatsfamilien ohne Zähne und sehr ungepflegt sind schwierig in der Vermittlung – es sei denn, sie werden ausdrücklich gewünscht. Homosexualität ist heikel, wenn es keine schönen Männer sind. Lesben werden kaum gebucht, weil hier das Vorurteil herrscht, Lesben hätten kein Geld und seien hässlich. Und jemanden, der schlecht Deutsch spricht oder einen starken Akzent hat, brauche ich gar nicht erst zu casten . . .»
Ja nicht «verglamourn»
Imka Bause, Moderatorin von «Bauer sucht Frau», bestätigt, dass es selbst im unheiligen Universum des Reality-TV noch eine Sehnsucht nach urkonservativen Heile-Welt-Ritualen gibt. Zum Kosmos der ländlichen «Zuschauererwartungen», die in «Bauer sucht Frau» bedient werden müssen, gehören nun einmal Dorf- oder Scheunenfeste und «süsse Geschichten». Und weil Bauern offenbar die letzten Unschuldslämmer im Fernsehgetriebe sind, befürchtet Bause, dass sie in der Medienmühle «zermahlen» werden, dass sie unter dem Einfluss des Fernsehens zu sehr «verglamourn».
Das ist sehr lieb von ihr, aber doch auch sehr betriebsblind: Alle andern der kompetent ausgefragten 26 Interviewpartner (darunter auch Roger Schawinski) in «Die Casting-Gesellschaft» bestätigen, dass es heute keine naiven Zuschauer oder naiven TV-Akteure mehr gibt. Dass sich beide Seiten auf einem Mindeststand an Information darüber befinden, wie sehr hier alles gemacht ist und wie wenig es auf die wirkliche Biografie oder gar die Befindlichkeit der Akteure ankommt. «Wer sich tatsächlich in seiner Würde verletzt fühlt, hat seine Hausaufgaben nicht gemacht», sagt Anke Engelke.
Die Eckpfeiler von «Uschi»
Wirklich wichtig, meint Natascha Birkhahn, die in einem Jahr mit ihrer Familie sowohl für «Punkt 12», «Deutschland, deine Dicken», «Die Super Nanny» und «We are Family» gebucht wurde, sei bloss, dass man «mindestens zwei Kinder hat», dass «die Wohnung gross genug» für die Kamerateams ist und dass immer viel und möglichst ungesund gegessen werde. Am besten Fertigpizzas und Eis mit Sahne. Und schon stehen die Eckpfeiler von «Uschi». Und auch wir Zuschauer verwandeln uns entsprechend in Primaten. Oder wie Thoma sagt: «Dieses Bedürfnis zu gaffen kommt aus uralten Zeiten, das machen auch Affen.» Und mittendrin thront Daniela Katzenberger als prima Primatenbraut.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.10.2010, 20:12 Uhr
Kommentar schreiben
9 Kommentare
Eine traurige Entwicklung ist, was sich in diesen Tage in Italien abspielt, der Mordfall von Avetrana, der zu einer regelrechtn Realityshow zu allen Tageszeiten verkommen ist. Die Verwandtschaft hat sich in allen möglichen Talksshows in Szene gesetzt und die Öffentlichkeit massivst an der Nase herumgeführt. Laut Staatsanwaltschaft sind 3 dieser Verwandten direkt im Mordfall involviert, abscheulich Antworten
Ich begreife dieses Theater nicht! Das Leben ist Reality genug, das brauche ich nicht auch noch in der Freizeit. Ich sehe TV um mich zu entspannen und da darf es leichte Kost sein. Ich bin gebildet genug um zu wissen, was da abgeht und wie real das ist! Und es ist doch jedem seine Sache wie er sein Geld verdient. Darum go Daniela go, nimm jetzt was du kriegst dann hast du in schlechteren Zeiten. Antworten
Leben
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!







