Die neueste Unsitte: Stillen in der Öffentlichkeit

Stillen ist zwar natürlich, hat aber im öffentlichen Raum nichts verloren – Körperflüssigkeiten abzulassen ist Privatsache. Ein Kommentar.

Pure Provokation? Öffentliches Stillen – hier auf die Spitze getrieben bei einem Still-Wettbewerb in Peru – erhitzt immer wieder die Gemüter.

Pure Provokation? Öffentliches Stillen – hier auf die Spitze getrieben bei einem Still-Wettbewerb in Peru – erhitzt immer wieder die Gemüter. Bild: Keystone

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Stillen ist eine gute Entscheidung. Es ist eine grossartige Methode, seinen Säugling zu ernähren, denn Muttermilch ist immer richtig temperiert und enthält alle Nährstoffe, die ein Baby braucht. Da das Kind noch keine fixen Hungerzeiten kennt und frischgebackene Mütter sich nicht ständig zu Hause verstecken möchten, stillen sie auch in der Öffentlichkeit. Es gibt Frauen, die machen das diskret, suchen einen privaten Ort auf, gehen in ein Nebenzimmer oder auf die Toilette. Andere wiederum, wie die Dame gestern am Nebentisch, legen ihre Brüste im Speiserestaurant frei, docken das brüllende Kind an, und geben sich dem Saugen ungeniert vor den Augen der irritierten Gäste hin. Stillen an sich ist nichts Ehrenrühriges. Aber warum in aller Welt müssen wir dabei zusehen?

Nur weil Stillen zum Mama-Sein gehört, ­finden nicht alle den Anblick automatisch schön; nur weil es etwas Natürliches ist, heisst das noch lange nicht, dass man es mit aller Öffentlichkeit teilen muss. Brüste in einem nicht-sexuellen Zusammenhang möchte niemand sehen (ausser ein Arzt). Die Frauen, die im Café oder auf der Parkbank vor aller Augen stillen, haben ja wohl auch keinen Sex in der Öffentlichkeit, warum also werden sie plötzlich zu Exhibitionistinnen, wenn es um ihr Kind geht, und ihr Schamgefühl löst sich in Luft auf? Ein gewisses Mass an Sittsamkeit bleibt offenbar zwischen Bequemlichkeit und dem Verlangen, der ganzen Welt ihr Glück antragen zu müssen, auf der Strecke.

Körperflüssigkeiten ablassen ist Privatsache

In den USA wurde vor einigen Monaten eine Mutter aus einem Gerichtssaal geworfen, weil sie dort ihr Baby – für alle sichtbar – stillte. Dabei gibt es in den USA ein Gesetz, das Mütter beim Stillen in öffentlichen Gebäuden schützt. In US-Umfragen sprechen sich aber nur etwa 40 Prozent für das Recht auf Stillen in der Öffentlichkeit aus. Es wird zwar mehrheitlich gutgeheissen, aber eben nur dort, wo es niemand sieht. Man könnte jetzt von Doppelmoral sprechen: Einerseits ist es in unserer heutigen Gesellschaft völlig normal, dass uns von fast jedem Plakat halbnackte Brüste entgegenspringen und die Zeitschriften voll sind mit Promi-Nippel-Blitzern.

Andererseits finden wir es unschicklich, wenn Mütter ihre Brüste auspacken, um den hungrigen Stammhalter zufriedenzustellen. Mit Verlaub, es ist nicht dasselbe: Wenn sich ein Model im sexy Bikini auf Fotos räkelt, regt das unsere Fantasie an, alles kann, nichts muss. Es geschieht im Kopf, heimlich. Beim Stillen werden Körperflüssigkeiten abgelassen, das ist ein sehr persönlicher und intimer Vorgang, ähnlich dem Pinkeln – und somit Privatsache.

Eine Decke schafft Abhilfe

Dabei wäre es so einfach: Mehr oder weniger privat bleibt es, wenn man das Baby während dem Stillen bis über den Kopf mit einer Decke bedeckt (der wunderbare Still-BH schützt leider vor Entblössung nicht). Ein kurzer Entzug von Frischluft hat noch keinem geschadet und Menschen halten sich erwiesenermassen gerne in geschlossenen Räumen auf. Falls das Abdecken nicht von Anfang an klappt, sollte man erst zu Hause üben. Im Restaurant ist das Klo zu benützen! Bitte, das Kind möchte nicht in einem Badezimmer essen? ­Verständlich. Deshalb verbindet man ihm vorher die Augen. Das Fläschchen ist eine tolle Erfindung und Muttermilch abpumpen einfach. So hat man jederzeit ausreichend Milch dabei, die man im Notfall mit jenen stillenden Müttern teilt, die ­diesen Artikel nicht gelesen haben.

Fotos vom Stillen sollten nicht veröffentlicht werden. Auch wenn Facebook die Sperrung von Fotos stillender Mütter im Juni aufgehoben hat (zuvor fielen sie unter die Kategorie «obszöne, pornografische oder sexuell eindeutige Bilder»), gehört der Akt ins private Fotoalbum. Okay ist es, wenn man Angelina Jolie oder Gisele Bündchen heisst und für das Bild einen sechs- bis sieben­stelligen Betrag kassiert.

Fazit: Die einfachste Lösung ist zu Hause ­bleiben! Natürlich nur so lange, bis der Säugling gelernt hat, etwas zu essen, das nicht aus ­Körperöffnungen kommt. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 20.08.2014, 16:32 Uhr)

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