Leben
Die reden zu laut
Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 19.11.2011 92 Kommentare
Artikel zum Thema
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- «Jeder Schwarze ist ein Zielobjekt»
- Gemeindepräsident tritt nach Aussage über Ausländer zurück
Buch
Angelo Maiolino: Als die Italiener noch
Tschinggen waren. Rotpunktverlag,
Zürich 2011. 280 Seiten, 38 Franken.
Stichworte
Nachher sieht es immer so aus, als ob nichts gewesen wäre. Nachher sagt keiner mehr «Tschingg». Nachher will jeder Pasta statt Hörnli. Und irgendwann bedankt sich eine Stadt wie Zürich ganz offiziell bei den Eingewanderten der Nachkriegsjahre: «Wir essen besser, kleiden uns schöner, sind kreativer und können richtig feiern, seit Sie zu uns gekommen sind.» So sagte es ihnen diesen Frühling Stadtpräsidentin Mauch. Und sie sagte auch: «Siamo tutti Zurighesi!»
Jetzt aber schnell ein Jahrhundert zurück, hinaus ins Zürcher Arbeiterviertel Aussersihl, wo am Sonntagabend des 26. Juli 1896 mehrere Hundert Bürger damit begannen, italienische Wirtschaften zu plündern und die Gäste zu verprügeln. Die Polizei war machtlos, auch in der Nacht darauf: Zwölf Wirtschaften wurden verwüstet, zudem zehn Massenlager der Italiener.
Vier Tage Krawall
Solche Szenen hatte es bereits in Bern gegeben, am 19. Juni 1893. Gegen sechzig Maurer und Handlanger marschierten zu mehreren Baustellen im Obstberg und im Kirchenfeld, gingen mit Stöcken und Steinen auf die italienischen Bauarbeiter los und suchten die umliegenden Häuser nach ihnen ab. Einer rettete sich vor weiteren Schlägen mit seinem Dienstbüchlein. Es wies ihn als Tessiner aus.
Aber Bern war nur ein Vorspiel: Vier Tage dauerte der Krawall in Zürich. Entzündet hatte er sich an der Meldung, ein Scherenschleifer sei von einem Italiener erstochen worden. Das bestätigte die verbreitete Meinung, diese Leute seien eine einzige «Messerbande», lauter «halbwilde, an keinerlei Kultur und Gesittung gewöhnte Subjekte», so die Presse, die die Gewalt zur überfälligen Gegenwehr erklärte.
«Niedrige Kulturstufe»
Auch «Vorwärts», die Zeitung der Schweizer Sozialdemokraten, sah in den Spannungen nicht die Folge der rasanten Industrialisierung, die das ländliche Aussersihl in ein lärmiges, enges Stadtquartier verwandelt hatte, in dem es an Wohnungen genauso mangelte wie an fliessendem Wasser. Das Problem sei vielmehr die «niedrige Kulturstufe der italienischen Arbeiter», ihre «die Nachbarn oft belästigende Lebensweise».
Weit ist es also nicht her mit unserer Liebe zu den Italienern – es gibt sie erst seit kurzem. Das zeigt Angelo Maiolino, ehemaliger Assistent am Lehrstuhl für politische Philosophie in Zürich, in einem neuen Buch. Er verfolgt die lange Tradition jener Italienerfeindlichkeit, die gerade in ihrer Kultur eine Bedrohung der Schweiz und ihrer Eigenart erkannte. Schwer zu glauben angesichts der heute grassierenden Italophilie, aber genau das nennt man wohl einen «Kulturkonflikt».
Die Gerüche, die Lieder, die Pfiffe
Dabei ist die Idee der eigenen Kultur genauso klischiert wie die der fremden. Und die ganze Aufregung über kulturelle Unterschiede lenkt nur ab von einer «ökonomischen Entwicklung, die viele zu Verlierern macht», also von den realen Konflikten um den Wohlstand. Das ist Maiolinos These, und mit ihr erklärt er auch die berüchtigte Schwarzenbach-Initiative von 1970. Sie machte die «Überfremdung» endgültig zum beherrschenden politischen Thema in einem ohnehin vergifteten Klima – und den Rechtspopulisten James Schwarzenbach zum einflussreichsten Politiker jener Jahre. Er verlangte eine Ausländerquote von 10 Prozent, was die Wegweisung von 300'000 Zugewanderten bedeutet hätte. Und das waren damals vor allem Italiener.
Die Gerüche aus ihren Küchen, ihre Zusammenkünfte auf den Bahnhöfen, ihre Lieder, ihre Pfiffe, ihr Palaver, ihr Gestikulieren – nichts, was nicht als Beweis dafür diente, dass sich hier eine fremde Kultur breitmachte, die mit der hiesigen unvereinbar sei.
«Es ist eine typische Art vieler Ausländer»
Dass dabei auch die «schweizerische Eigenart» zum Phantom verkam, zu einem überempfindlichen, höchst reizbaren Gespenst, das zeigen die «Merkmale zur Beurteilung der Assimilationsreife», die der kantonalbernische Fremdenpolizeidirektor 1968 formulierte: Die Ausländer sollten «im Bus gesittet aufschliessen», «im Kino nicht mit Esswaren Lärm erzeugen» und «nicht draufgängerischer sein als der vielleicht etwas leidenschaftslosere Schweizer».
Und auch beim Einkauf sollten sie sich an ein Zerrbild des Gutschweizerischen halten, das selbst auf die Einheimischen nicht passte: «Es ist eine typische Art vieler Ausländer, ihre Einkäufe körbeweise in Warenhäusern und bei Grossverteilern zu besorgen. Der Schweizer kauft nicht ausschliesslich Massenware.» Den Rest, um das «Italienerproblem» zur «Schicksalsfrage unseres Kleinstaates» (Schwarzenbach) zu machen, tat dann die Idee, die Fremden würden von den Kommunisten gesteuert oder seien selber welche.
Von so etwas spricht heute keiner mehr. Aber Identität und Kultur – das sind auch die Kampfbegriffe, wenn es um Burkas und Minarette geht. Maiolino versäumt es nicht, vor Schwarzenbachs Erben in der SVP zu warnen: Die «Kulturalisierung» der Einwanderungsfrage werfe weiter politischen Profit ab, wenn auch nicht mehr auf Kosten der Italiener. «Die Rollen sind geblieben, nur die Darsteller haben gewechselt.»
Wer zuletzt einwandert, muss den Kopf hinhalten
Die Migrationsforscher kennen das Stück schon länger. Es heisst Schwarzer Peter: Wer zuletzt ins Land kommt, der muss den Kopf hinhalten. Auf die Italiener folgten in den Achtzigerjahren die Tamilen, die zunächst als inkompatibel mit schweizerischen Werten galten – bevor man sie dann gerade für ihren Fleiss und ihren Anstand schätzen lernte. Abgelöst wurden sie von den Flüchtlingen vom Balkan, und heute sind es die Muslime: Sie sind das Schreckbild, das die echten und rechten Schweizer brauchen, um sich ihrer Identität zu versichern; sie sind es, die für die Folgen des gesellschaftlichen Wandels verantwortlich gemacht werden.
«Die Schweiz hat ausserordentlich grosse Mühe, die Immigranten willkommen zu heissen. Sie bietet aber mittel- und langfristig überraschend gute Integrationsmöglichkeiten.» So sagte es vor einigen Jahren der Berner Ethnologe Hans-Rudolf Wicker, und mit den guten Möglichkeiten waren natürlich nicht die fehlenden politischen Rechte gemeint oder die willkürlich hohen Hürden für die Einbürgerung. Sondern die Schule und die Arbeitswelt. Die «Kultur» dagegen: Für den Integrationserfolg ist sie am Ende unerheblich. Die kulturellen Unterschiede haben sich jedes Mal als absolut relativ erwiesen. Identität – die eigene genauso wie die, die man den Fremden verpasst – ist nichts Ewiges und Eindeutiges, sondern etwas Konstruiertes und Flexibles.
Die pure Symbolpolitik
Nichts für ungut also? Man könnte es sich gemütlich machen auf der Geschichte der Italiener – und in historisch informierter Gelassenheit den Tag abwarten, an dem auch die Muslime den Schwarzen Peter weitergeben können. Vielleicht kommt er ja sogar früher als bei den Italienern, zumal die Schweiz längst nicht mehr derart verbiesterte Vorstellungen von sich selber hat wie damals die Berner Fremdenpolizei.
Allerdings stellen die Historiker auch fest, dass sich die Ausländerdebatte seit den Sechzigerjahren immer weiter verlagert von wirtschaftlichen Argumenten zu kulturellen. Und zuletzt hat das Minarettverbot gezeigt, wie viel politische Energie die Aufregung um einen ominösen Kulturkonflikt heute absorbiert. Kultur ist zum Fetisch der Politik geworden und die Politik zur Geisel jener Leute, die sich dem Ziel verschrieben haben, das Land von unerwünschten Symbolen rein zu halten. Das ist schon lange nicht mehr Ausländerpolitik, sondern nackter Kulturkampf.
Und «Kultur» – eigentlich ist gar nicht von Kultur, sondern von Natur die Rede. Willkürlich ausgesuchte Vorstellungen über Lebensweisen und Denkformen werden zusammengereimt zu einer grundlegenden «Mentalität» der Fremden, zu ihrem unveränderlichen «Charakter». Man spricht von der «Kultur des Islam» wie von einem genetischen Programm, das Muslime und Schweizer unterscheidet.
«Theater der kulturellen Unterschiede»
Zu allem Übel gibt es auch auf der anderen Seite Zeitgenossen, die die Passform dieses kulturellen Rassismus füllen. Der von Schweizer Konvertiten geführte Islamische Zentralrat kämpft zwar nicht gegen, sondern für kulturelle Unterschiedlichkeit. Er bestätigt aber genau damit das Bedrohungsszenario: Er ist eine Anti-SVP, die nach der SVP-Logik funktioniert. Etwas geschickter machten es die Verbände der Italiener in der Schweiz, als sie im Vorfeld der Schwarzenbach-Initiative eine gemeinsame Plattform gründeten. Hier definierte sich die italienische Gemeinschaft nicht über die Kultur, sondern über eine klassenkämpferische Position. Sodass sie nicht nur der Verfemung nach Schwarzenbachs Muster entging, sondern auch eine Brücke zur Schweizer Arbeiterschaft schlagen konnte.
Es sagt ja keiner, Integration sei nur ein Vergnügen. Das weiss man am besten in den Schulen und den Ämtern. Aber bei der Lösung der konkreten Fragen, die sich hier täglich stellen, hilft der ganze Popanz von «Identitäten» und «Werten» gar nichts. Ziemlich sicher erschwert er sie sogar. Ganz zu schweigen von der Lage jener, die in diesem «Theater der kulturellen Unterschiede» (Maiolino) ungefragt die Bösen spielen müssen.
Die Experten sprechen gern von den «positiven Ressourcen» der Zuwanderung: von ihrem volkswirtschaftlichen Nutzen, der Sicherung der Sozialwerke, aber auch der Weiterentwicklung unserer Speisezettel. Aber es gibt noch einen besseren Grund, die Sache mit der Kultur gleichmütiger anzugehen oder sie bis auf Weiteres besser ganz zu vergessen. Man könnte sich ja eine Schweiz vorstellen, die nicht gleich bei jeder Diskussion um Schulweihnachten oder Schwimmlektionen panisch wird und das Abendland untergehen sieht. Das wäre auch eine Frage der geistigen Gesundheit eines Lands. Und die sollte man sich noch gönnen. ()
Erstellt: 19.11.2011, 12:35 Uhr
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92 Kommentare
Italiener mit Islamisten vergleichen, bzw. gleich zu stellen, ist schon an den Haaren herbei gezogen. Soll wohl ein Witz sein. Normale Muselmanen, die sich an unsere Gesetze halten, gekleidet sind wie wir, Frauen respektieren und sich an unserem Leben beteiligen (davon gibt es leider nicht viele) gegen diese ist auch nichts einzuwenden.
Geistige Gesundheit heisst nicht Anpassung an die Fremden.
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Leben
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