Leben

Die totale Überforderung

Von Nina Merli. Aktualisiert am 31.01.2012 56 Kommentare

Der CSP-Nationalrat Karl Vogler hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Sein Suizidversuch löst Betroffenheit aus. Und lenkt die Aufmerksamkeit einmal mehr auf den ständig wachsenden Druck am Arbeitsplatz.

1/4 Diagnose Burn-out? Der CSP-Nationalrat Karl Vogler hat letzte Woche einen Suizidversuch unternommen. (8.12.2011)
Bild: Keystone

   

Diagnose Burn-out

Nach Gesundheitsbefragungen des Schweizerischen Bundesamtes für Statistik geben rund 40 Prozent der Berufstätigen in der Schweiz an, unter «Schwäche und Energielosigkeit» zu leiden. «Burn-out» nennt sich das Erschöpfungssyndrom, das durch konstante Überforderung und Stress ausgelöst wird und sich häufig nur schleichend bemerkbar macht. Die Folgen dieser konstanten Überforderung sind gravierend: Das Schweizerische Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) schätzt den durch Burn-out und Stress verursachten volkswirtschaftlichen Schaden infolge der Kosten für ärztliche Behandlung, Medikamente und Produktionsausfall auf jährlich 4,2 Milliarden Franken. Zählt man die stressbedingten Kosten für Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten zusammen, ergibt sich gemäss Seco sogar eine Summe von 7,8 Milliarden Franken.
Aus diesem Grund wurde vor einigen Jahren in Zusammenarbeit mit der Suva das Onlineprojekt Stressnostress.ch ins Leben gerufen. Ziel ist es, die User über das Thema Stress zu informieren und dafür zu sensibilisieren.

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Er sei an «seine persönlichen Lebensgrenzen gestossen», heisst es in einem Communiqué, das Karl Vogler am Wochenende veröffentlichen liess. Laut Recherchen der «Blick»-Redaktion hatte der CSP-Nationalrat am vergangenen Donnerstagabend versucht, sich das Leben zu nehmen. Er konnte aber noch rechtzeitig ins Spital gebracht und gerettet werden. Die Nachricht über seinen Suizidversuch hat in weiten Kreisen Betroffenheit ausgelöst. Über die genauen Umstände, die Vogler zu dieser Verzweiflungstat bewogen haben, kann nur spekuliert werden. Er selber lässt verlauten, dass «die psychische Belastung unerträglich wurde».

Die Angst vor dem Versagen

Vogler ist kein Einzelfall. Fast die Hälfte der Schweizer Berufstätigen gibt an, an konstanter Erschöpfung zu leiden (siehe Box). Lange Zeit wurden Probleme im Zusammenhang mit Burn-out, wie das Massenleiden genannt wird, totgeschwiegen: Die Angst, dem Druck nicht gewachsen zu sein und als Versager abgestempelt zu werden, überwog. Zwar wurden bereits Mitte der 1970er-Jahre wissenschaftliche Arbeiten zum Thema geschrieben, doch der «gesellschaftliche Durchbruch» gelang dem Burn-out erst in den 1990er-Jahren. Und seit der zehnten Auflage der «Internationalen Klassifikation der Erkrankungen» (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird Burn-out sogar mit einem eigenen Diagnoseschlüssel (Z73.0) erfasst.

Ist heute von Burn-out die Rede, wissen die meisten, was gemeint ist. Dazu beigetragen haben nicht zuletzt Prominente, die mit ihrem Problem an die Öffentlichkeit gegangen sind. In der Schweiz sorgte vor einigen Jahren der Rücktritt des FDP-Präsidenten Rolf Schweiger für eine öffentliche Thematisierung des Problems, genauso wie der Fall von Komiker René Rindlisbacher. Oder Miriam Meckels Erfahrungsbericht «Brief an mein Leben» (2010), worin sie ihre ganz persönliche Burn-out-Erfahrung eindrücklich beschreibt und der sich monatelang in den Bestsellerlisten hielt.

Wenn auf einmal nichts mehr geht

Jahrelang hatte Meckel ihre gesamte Energie in ihre Karriere gesteckt, mit Erfolg: Sie war die jüngste Professorin Deutschlands, Regierungssprecherin, Moderatorin und seit 2005 Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. Jahrelang gelang es ihr, alles unter einen Hut zu bringen. Sie hetzte von einer Veranstaltung zur nächsten, schrieb Artikel und Bücher und moderierte nebenbei auch eine Fernsehtalkshow. Bis im Herbst 2008 gar nichts mehr ging. In einem Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen» beschreibt Meckel den Moment, als ihr Körper den Schalter auf «Aus» stellte, wie folgt:« Es fühlte sich an, als hätte ich gleichzeitig eine Überdosis Schlaftabletten und Aufputschmittel genommen.»

Meckel zog den Stecker und begab sich für fünf Wochen in eine Klinik. Ein vernünftiger Schritt. Damit es erst gar nicht so weit kommt, appelliert Beate Schulze, Vizepräsidentin der Schweizer Expertennetzwerks für Burnout in einem Interview mit «Unipublic» an die Arbeitgeber, die dafür sorgen müssen, «dass Burn-out am Arbeitsplatz kein Tabuthema bleibt» und dass die Arbeitsanforderungen und auch die Umgebung an die Fähigkeiten der Mitarbeiter angepasst werden. Dem zunehmend unter Druck stehenden Arbeitnehmer rät Schulze, sich «regelmässig den Spiegel vorzuhalten» und abzuschätzen, inwieweit die persönlichen Ziele im Einklang mit den Möglichkeiten und Perspektiven des Jobs stehen.

In diesen Spiegel hat Karl Vogler vielleicht zu spät geschaut. «Diese Situation stellt grundsätzliche Fragen an mich», schreibt Vogler in seinem Communiqué. Fragen, für die er sich jetzt Zeit nehmen wird. «Innerhalb der nächsten 14 Tage werde ich über meinen Gesundheitszustand und meine Absichten informieren.»

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.01.2012, 14:39 Uhr

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56 Kommentare

Gerhard Graf

30.01.2012, 15:37 Uhr
Melden 75 Empfehlung

in der internationalen Klassifikation psychischer Krankheiten existiert bis heute keine Diagnose namens "Burnout." Burnout ist ein beschönigender Ausdruck für Depression. Wenn's den Manager erwischt, heisst es Burnout, und wenn's den Büezer erwischt, heisst es Depression... Antworten


Oliver Corrodi

30.01.2012, 15:29 Uhr
Melden 72 Empfehlung

Hier sieht man die Früchte der auferzwungenen und völlig überdrehten schweizer "wir sind ja so superfleissig"-Arbeitsmoral. Man arbeitet über 42 Stunden die Woche (mehr als EU-Höchstwert!!) bei mickrig wenigen Ferien bei immer mehr Belastung und weniger Jobs. Was haben wir davon? Wir haben ein völlig ungerechtfertigten Luxus bei immer mehr sozialer Verwahrlosung. Aber was zählt wirklich im Leben? Antworten




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