Eine Mini-Dosis LSD zur Arbeit

Im Silicon Valley erhofft man sich von kleinen Mengen LSD mehr Kreativität. Auch in der Schweiz setzen einige die Hippiedroge im Arbeitsalltag schon gezielt ein.

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Es ist Mittagszeit in der Zürcher Bar Basso. Hungrige Businessleute strömen herein. Einer von ihnen ist Lars Stadelmann (Name geändert), der bei einer grossen Schweizer Firma im mittleren Kader angestellt ist. Der Mittvierziger bestellt einen Caesar Salad. Dann nimmt er einen Spray mit verdünntem LSD aus seiner Tasche und sprüht sich ein paar Mal in den Mund. «Acht bis zehn Mikrogramm», sagt er, «ist die ideale Dosis.»

LSD? Ist das nicht die Droge, die einen rosarote Elefanten sehen lässt oder bei der schon Menschen aus dem Fenster gesprungen sind? Jene Substanz, die Hippies von Alleinheitserfahrungen schwärmen und auch manchen rationellen Zeitgenossen tief in seine Seele blicken liess?

Dass LSD zwischen Himmel und Hölle so ziemlich alles auslösen kann, weiss ­jeder, der selber schon mal einen Trip eingeworfen hat. Aber genau das machen Leute wie Lars Stadelmann nicht. Sie konsumieren extrem niedrige Dosierungen, ungefähr ein Zehntel eines LSD-Trips, zwei bis dreimal pro Woche. Die Kosten sind lächerlich tief: 30 Rappen für eine Dosis. «Microdosing» heisst das in Amerika, wo der entsprechende Trend hohe Wellen schlägt. «Der neue Businesstrip», schreibt das «Rolling Stone Magazine». Und «Forbes» konkretisiert: «Microdosing ist der Arbeitsturbo im Silicon Valley.»

Körper und Geist optimieren

Eine niedrige LSD-Dosis, berichten die Anwender, habe den gegenteiligen ­Effekt einer hohen Dosierung. Man verliert sich nicht in seinen Gedanken, sondern verbessert die Konzentrations­fähigkeit und die Kreativität – unabdingbare Eigenschaften gerade für jemanden, der es in der Techbranche zu ­etwas bringen will. Zumal dort jedem das Bekenntnis von Apple-Gründer Steve Jobs bekannt ist: LSD zu nehmen, sei eine der wichtigsten Entscheidungen in seinem Leben gewesen.

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Der Druck in der kalifornischen Start-up-Kultur lässt viele ihren Körper und Geist optimieren, mit Yoga etwa oder Meditation. Auch ein digitaler Stimmungsmodulator, der über die Nervenzellen im Hirn Beruhigung oder Energie spendet, steht im Angebot. Es ist ironisch, dass auch der neuste Trend des Microdosing ausgerechnet aus Kalifornien stammt, wo die Gegenkultur einst den LSD-Slogan «Turn on, tune in, drop out» prägte. Nun verwenden die Kinder der Aussteiger die Substanz als leistungssteigerndes Mittel.

So interessant wie die Wirkung einer Droge ist ihre Aussage über die Gesellschaft, in der sie konsumiert wird. Was Kokain für die Wallstreet in den 80er-Jahren war, könnte Microdosing für die heutige Leistungsgesellschaft werden. Denn Gehirndoping am Arbeitsplatz ist bereits verbreitet. Das geht aus einer Befragung hervor, welche die Suva vor drei Jahren in der Schweiz durchführen liess. Vier Prozent der Befragten gaben an, mindestens einmal verschreibungspflichtige Medikamente wie Modafinil oder Ritalin konsumiert zu haben, um leistungsfähiger zu sein oder um Stress abzubauen. Bei Umfragen an deutschen Unis gaben zwischen 5 und 20 Prozent aller Studenten an, solche Stimulanzien zu schlucken. Und ihre wissenschaft­lichen Lehrer stehen ihnen offenbar in nichts nach: In einer Erhebung des Fachblatts «Nature» gestand einer von fünf Abonnenten den Gebrauch von Neuro-Enhancern.

Im Unterschied zu diesen Substanzen hat LSD ein geringeres Raubbau- und Abhängigkeitspotenzial. Ist LSD-Microdosing eine «gesunde» Alternative zu solchen Medikamenten? James Fadiman ist überzeugt davon. Der 77-jährige US-Psychologe untersucht seit Jahrzehnten die Wirkung von psychedelischen Substanzen. 1966 wollte er herausfinden, ob LSD und Meskalin es Wissenschaftlern ermöglichen, schwierige physikalische oder maschinenbauliche Probleme zu lösen. 27 Wissenschaftler nahmen am Experiment teil – und das Resultat war verblüffend: 40 der 44 Probleme wurden gelöst oder teilweise gelöst.

Fadimans Experiment wurde allerdings abrupt abgebrochen. Denn noch im selben Jahr wurde LSD in den USA verboten. Bald darauf folgte ein weltweiter Bann. Die Erforschung der Substanz kam trotz zuvor vielfach bestätigtem therapeutischem Nutzen zum Erliegen. Auch heute noch sind Experimente mit LSD in vielen Ländern rechtswidrig. Weil es deswegen keine wissenschaftlichen Studien zu LSD-Micro­dosing gibt, untersuchte Fadiman kürzlich die Selbstmedikation. Menschen mit Microdosing-Erfahrung schickte er Protokollformulare, die er auswertete. Glaubt man Fadimans Fazit, ist Microdosing ein wahres Wundermittel: Es hilft bei Konzentrationsschwierigkeiten, Prüfungsstress oder Essstörungen genauso wie gegen Angstzustände oder posttraumatischen Stress.

So interessant wie die Wirkung einer Droge ist ihre Aussage über die Gesellschaft, in der sie konsumiert wird.

Die Schweiz ist eines der wenigen Länder, in denen LSD mit Sonderbewilligungen untersucht werden darf. Etwa in der Forschungsgruppe Neuropsychopharmacology and Brain Imaging an der Universität Zürich. «Es ist belegt, dass LSD zu unkonventionellen, flexibleren Denkmustern führt», sagt deren Leiter Franz X. Vollenweider. Dass gesunde Menschen LSD als leistungssteigerndes Mittel konsumieren, findet der Professor aber problematisch – auch weil es eine enge Gratwanderung sei zwischen Kreativität und Zusammenbruch.

Koni Wäch von der Drogenberatungsstelle Eve & Rave bestätigt, dass LSD-­Mikrodosen in der Schweiz ein Thema sind. Seines Wissens setzen vor allem Leute mit vorgängiger LSD-Erfahrung auf die Mikrodosen. Es erreichten ihn aber auch Anfragen von Menschen, die sich informieren wollen. Auch hier würde die Droge als Kreativitätsbooster einge­setzt – aber auch als Selbstmedikation bei starken Kopfschmerzen. Laut Wäch beziehen die meisten das LSD über Freunde oder die Partyszene.

Auch Lars Stadelmann erhält den Stoff über diese Kanäle. Er erzählt von einer Geschäftsleitungssitzung, die er mit einer Mikrodosis LSD bestritten habe. Selten sei er so empathisch und gleichzeitig überzeugend gewesen – mit einem klar messbarem Resultat: Er habe gegen die Ansicht seiner Chefs eine Offerte abgeschmettert, was sich als richtige Entscheidung herausgestellt habe.

Ein Mittel gegen das Trinken

Angst vor einer Abhängigkeit hat Lars Stadelmann nicht; seit vier Monaten «dose» er jetzt, und noch nie habe er nüchtern ein Reissen nach dem Stoff ­verspürt. Im Gegenteil: Sein drohendes Burn-out sei eliminiert und auch sein Hang zum Rauschtrinken habe sich abgeschwächt. Er bezeichnet den Stoff als ­«genial» und spricht von einer «langfristig heilenden Wirkung» – eine Beobachtung, die auch die Wissenschaft gemacht hat. «Wie die Langzeiteffekte von psychedelischen Substanzen genau zustande kommen», sagt Franz X. Vollenweider, «ist aus neuropsychiatrischer Sicht ein sehr interessantes und aktuelles Thema.»

Gefährdet LSD die Gesundheit – oder optimiert es diese? Die Frage ist so alt wie der Stoff selbst. Für Stadelmann steht die Antwort fest. Zum Ende des ­Gesprächs sprüht er sich nochmals zwei-, dreimal in den Mund. Dann geht er seinem Tagwerk nach. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2016, 19:24 Uhr

«Gratwanderung zwischen Ordnung und Chaos»

Mit Franz X. Vollenweider sprach Philippe Zweifel

Wie sieht die Forschungslage beim LSD-Microdosing aus?
Amerikanische Wissenschaftler verabreichten in den 60er-Jahren 25 Mikrogramm LSD an depressive Probanden, um dessen Stimmungsaufhellende Wirkung in der möglichen klinischen Anwendung zu testen. Mir ist aber keine ähnliche wissenschaftliche Studie mit Gesunden bekannt.

Wäre eine solche Studie interessant?
Es wäre spannend zu sehen, ob durch Mikrodosen -ähnlich wie kürzlich für höhere Dosen im Tiermodell nachgewiesen- auch die Plastizität des Gehirnsangeregt wird. Diese LSD angeregte neuroplastische Wirkung war insbesondere in verschieden Angstmodellen für das schnelle Überschreiben von traumatischen Gedächtnisspuren von zentraler Bedeutung. Dabei müsste auch ein möglicher Placebo-Effekt ausgeschlossen werden undVergleichsstudien mit gängigen Neuro-Enhancern wie Modafinil oderStimulanzien wir Ritalin durchgeführt werden. Im Unterschied zu Stimulanzienhaben LSD und verwandte Stoffe wie Psilocybin kein Abhängigkeitspotenzial.

Im Silicon Valley schwärmen Techies von LSD-Mikrodosen als Kreativitätsboost.
Es gibt Studien, die darauf hinweisen, dass mittlere psychoaktive Dosen anLSD die Kreativität beeinflussen. Eine davon wurde vom jungen Timothy Leary durchgeführt, als er als noch Psychologie-Assistent an der Harvard-Universität war. Kreativität ist allerdings schwierig zu messen. Was man bis anhin zeigenkonnte: LSD führte z.B. schon bei mittlerer Dosierung über eine verändertesensorischen Wahrnehmung und gesteigerte Imaginationsfähigkeit zu neuen und unvorhergesehen Problemlösungsansätzen in einer Studie mit Architekten und Ingenieuren. Auch belegt ist, dass LSD und das verwandt Psilocybin zu unkonventionellem und flexibleren Denken führt.

Dann könnte ein bisschen LSD uns allen gut tun?
Nun, wenn jemand nicht kreativ veranlagt ist, hilft auch LSD nichts. Ausserdem ist es eine enge Gratwanderung zwischen Kreativität und Fragmentierung, also Ordnung und Chaos. Dass man mittels LSD konstant kreativ sein will, empfinde ich ohnehin als typisch amerikanische Überhöhung der Möglichkeiten. Man sollte wohl eher eine kreative Pause einlegen - sei es mit oder ohne LSD - und danach wieder schöpferisch tätig werden. Es gab in der Schweiz übrigens einen Versuch mit Orchester-Musikern. Die hatten zwar auf LSD originelle kompositorische Ideen, litten aber an der Einschränkung ihrer technisch-musikalischen Fähigkeiten. Kunst kommt doch wohl auch von Können.

Finden Sie es problematisch, dass gesunde Menschen LSD als leistungssteigerndes Mittel konsumieren?
Ja, denn da stellen sich durchaus gesellschaftliche Fragen. Die Anforderungen an uns werden immer grösser, gerade bei der Arbeit. Seit einer kürzlichen, neurowissenschaftlichen Konferenz in Cambridge kursiert eine neue Vision: Den Abbau der kognitiven Leistung im Alter aufhalten. Gemeint sind damit die Überfünfzigjährigen, deren Gehirnleistungen gegenüber 30-jährigen schleichend nachlässt. Die vermeintliche Lösung besteht in Gehirndoping. Sprich, die Pharmaindustrie will nun auch Gesunden Medikamente verkaufen.

Ist die Pharmaindustrie tatsächlich an LSD-Präparaten interessiert? Der Wirkstoff lässt sich ja nicht mehr patentieren.
Die Pharmaindustrie hat kaum Interesse an einer Substanz, die unter höher Dosierung zu einer Ich-Auflösung führen kann. Man versucht daher die chemische Struktur von solcher Moleküle derart zu verändern, so dass sie spezifischer Wirken, z.B. mehr Stimmungsaufhellung aber kaum Halluzinationen auslösen. Solche Derivate sind patentierbar und damit monetarisierbar. In diese Richtung geht zum Beispiel auch die aktuelle Entwicklung von Ketamin-Derivaten, nachdem sich Ketamin selber als wirksam in der Depressionsbehandlung gezeigt hat. Auch beim LSD gibt es Bemühungen, Derivate mit spezifischeren Wirkungsprofilen zu finden.

Franz Xaver Vollenweider

Der Psychiater leitet die Abteilung Neuro­psychopharmacology and Brain Imaging an der Uni Zürich. Er erforscht die Wirkung von Halluzinogenen auf das Gehirn.

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