Leben
«Fans, die jetzt weinend durch die Strassen ziehen, hätten Outing ausgenutzt»
Professor Gunter Pilz gilt als Experte auf dem Gebiet der Fan- und Gewaltforschung.
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Todesanzeigen
In einer achtseitigen Sonderbeilage mit insgesamt 228 Todesanzeigen haben die «Hannoversche Allgemeine Zeitung» und «Neue Presse» in ihren Samstag-Ausgaben an Robert Enke erinnert. Mehr als 200 Fussballfans drückten in Kleinanzeigen ihre Trauer über den Tod des Torhüters aus.
Grössere Anzeigen schalteten unter anderem sein Verein Hannover 96, Verbände wie der Deutsche Fussball-Bund (DFB) und die Deutsche Fussball Liga (DFL), Vereine wie Werder Bremen und die örtlichen Eishockey-Clubs Hannover Scorpions und Hannover Indians sowie mehrere Wirtschaftsunternehmen aus der Region Hannover. Auf der ersten Seite der Sonderbeilage ist neben einem Bild von Enke die Andacht von Landesbischöfin Margot Kässmann abgedruckt, die diese am Mittwoch in der Marktkirche Hannover gehalten hatte.
Der verstorbene Fussball-Torwart Robert Enke wäre nach Überzeugung des Sportsoziologen Gunter Pilz von gegnerischen Fussballern und von Fans geschmäht worden, wenn er sich zu seiner Depression bekannt hätte. «Wenn ich mir vorstelle, ein Enke hätte sich geoutet, dass er solche Probleme hat, dann wäre das vielleicht nicht nur von seinen Gegnern gnadenlos ausgenutzt worden, sondern noch viel brutaler und gnadenloser von den Fans, die jetzt weinend durch die Strassen ziehen», sagte der Honorarprofessor am Institut für Sportwissenschaft der Universität Hannover im Deutschlandradio Kultur.
Der seit Jahren an Depressionen leidende Torhüter hatte sich am Dienstagabend unweit von Empede bei Neustadt am Rübenberge auf einer Bahnstrecke das Leben genommen. Pilz sagte, über Krankheit und Schwäche offen zu reden, sei im Leistungssport ebenso undenkbar, wie sich als Homosexueller zu bekennen. Im Sport und auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen hätten die Menschen ihre «Beisshemmung» gegenüber Schwächeren verloren.
Pervertierte Erfolgsgesellschaft
Ein Problem der heutigen Gesellschaft sei, «dass wir nicht nur diese Beissmentalität haben und auf Schwächen rumtrampeln», sondern dies auch dann nicht mehr ausreichend wahrgenommen und korrigiert werde, wenn jemand betroffen sei und wirklich darunter leide, kritisierte der Wissenschaftler. Die Leistungsgesellschaft sei längst in eine Erfolgsgesellschaft pervertiert, in der die Leistung des Einzelnen als Wert nichts mehr bedeute und einer «vulgären Verbissenheit des Siegenmüssens» Platz gemacht habe. Die Menschen sollten Enkes Tod zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken, ob sie diese Art von Gesellschaft wollten.
Robert Enke wird heute Sonntag in seinem Wohnort Empede bei Neustadt am Rübenberge neben seiner vor drei Jahren gestorbenen kleinen Tochter Lara beerdigt. Zuvor findet im Stadion von Hannover 96 eine Trauerfeier statt, bei der Prominente und Fans Abschied vom achtmaligen Nationalspieler nehmen. Dazu werden mindestens 45'000 Teilnehmer erwartet. (reh/ap)
Erstellt: 14.11.2009, 13:20 Uhr
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