Leben

Fehlkonstruktion Mann?

Von Walter Hollstein. Aktualisiert am 22.07.2014 132 Kommentare

Die Lage in Sonderheit der jungen Männer ist sukzessive immer schwieriger geworden. In der Schweiz töten sich in der Pubertät Buben acht- bis zehnmal häufiger als Mädchen. Und niemand kümmert sich darum.

Das grosse Leiden von früh auf. Buben wachsen heute in einem engen Frauenkäfig auf und werden mit weiblichen Werten zugeschüttet.

Das grosse Leiden von früh auf. Buben wachsen heute in einem engen Frauenkäfig auf und werden mit weiblichen Werten zugeschüttet.
Bild: Colourbox

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Bei den jungen «Grünen» in Deutschland – so wurde diese Woche vermeldet – gibt es keine Männer mehr im Aufnahmeantrag. Nur noch «weiblich» und «nicht weiblich». Damit soll «Diskriminierung bekämpft» werden. Man lese und staune: Bereits die Verwendung des Adjektivs «männlich» ist nicht mehr «politically correct».

Kurz vor meiner Pensionierung in Berlin hat mir eine Studentin ein zehnstrophiges Gedicht über das männliche Geschlecht auf das Vorlesungspult gelegt. Darin heisst es: «So unnütz wie Unkraut, wie die Fliegen und Mücken, so lästig wie Kopfweh und Ziehen im Rücken, so störend wie Bauchweh und stets ein Tyrann, das ist dieser Halbmensch, sein Name ist Mann. Er steht nur im Weg rum, zu nichts zu gebrauchen, ist immer am Meckern und ständig am Fauchen. Er ist auf der Erde, ich sags ohne Hohn, vom Herrgott die grösste Fehlkonstruktion.»

Viele Suizide

Mit einem solchen Männerbild wachsen heute Buben und junge Männer auf; sie fühlen sich denn nur zu Recht als Opfer eines gewandelten Zeitgeistes. Schon in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts merkte der Stuttgarter Psychiater Joachim ­Bodamer an, dass wir nicht mehr ­wissen, was ein Mann ist, weil wir kein Ideal mehr haben, an dem wir ihn ­messen können.

50 Jahre Jahre später stellte der amerikanische Männerforscher James A. Doyle fest, dass Männer heute das ganz existenzielle Bedürfnis haben, zu wissen, was ein Mann eigentlich ist.

Die Lage in Sonderheit der jungen Männer ist sukzessive immer schwieriger geworden. In der Schweiz töten sich in der Pubertät Buben acht- bis zehnmal häufiger als Mädchen. Das ist auch international nicht anders. Die amerikanische Autorin Joan Ryan hat kürzlich dazu im San Francisco Chronicle einen Aufsehen erregenden Artikel geschrieben. Der Anlass war der Suizid eines Buben, der mit ihrem einzigen Sohn befreundet war.

«Jungen begehen 86 Prozent aller Suizide von Heranwachsenden. Sechsundachtzig Prozent.» Diese Zahl verschlug ihr die Sprache. «Wenn 86 Prozent der Suizide auf Mädchen entfielen, gäbe es sofort eine nationale Kommission, die die Gründe dafür herauszufinden hätte.» Es gäbe Titelgeschichten und Talk­shows, und Stiftungen würden Geld geben, damit Soziologen und Psychologen das Phänomen ergründeten. Meine feministischen Schwestern und ich würden fragen, was läuft falsch in einer Kultur, die Mädchen – mehr als Jungen – dazu treibt, sich selber das ­Leben zu nehmen?

Aber warum fragen wir nicht, was mit einer Kultur nicht in Ordnung ist, die Jungen – viel mehr als Mädchen – dazu zwingt, sich umzubringen?

Auch später bringen sich signifikant mehr Männer um als Frauen. Die Forschung nennt dafür als einen wichtigen Grund die Erfolgs- und Härteerziehung der Buben. Während sich die Sozialisation der Mädchen in den vergangenen vier Jahrzehnten stark verändert hat, ist jene der Buben traditionell geblieben. Das liegt an der einseitigen Mädchen- und Frauenförderung der Politik.

Kein Zweifel: Letztere war nach den langen Jahren männerdominierten Lebens vonnöten. Aber der Fehler ist gewesen, die Problemlagen von Buben und Männern vollends zu ignorieren. Das Resultat ist, dass Buben nach wie vor zu Leistung, Konkurrenz und der Leugnung von Gefühlen erzogen werden.

Mit Blick auf das Äussere

Dazu gehört auch die körperliche Züchtigung. Prototypisch für den gesamten deutschsprachigen Raum sind österreichische Daten, nach denen 61 Prozent der Mütter und 67 Prozent der Väter leichte körperliche Gewalt gegen ihre Kinder anwenden und 29 Prozent der Mütter und 26 Prozent der Väter schwere körperliche Gewalt. Alle Untersuchungen sind sich einig, dass Jungen weitaus häufiger als Mädchen die Opfer körperlicher Gewalt sind.

Die Erziehung zur Männlichkeit verlangt angeblich diese Härtedressur. Buben werden dementsprechend Wärme, Anhänglichkeit und Schmusen frühzeitig abtrainiert. Auch Mütter stellen ihre Zärtlichkeiten gegenüber ihren Söhnen früh ein. Die Psychoanalytikerin Jessica Benjamin merkt dazu an, dass der Bruch mit den «weiblichen» Gefühlen das ursprüngliche Zutrauen des Jungen zu seinem Inneren untergräbt. «Ein Junge, der so den Zugang zu seinem inneren Raum verloren hat, wird süchtig auf die Eroberung äusserer Räume.» Dementsprechend konzentrieren sich Buben früh auf Äusseres – auf den Computer, das Auto des Vaters, auf Technik generell, statt sich mal mit sich selber zu beschäftigen. Buben sind heute die im negativen Sinne auffälligen Schüler; sie stellen zwei Drittel der Absolventen von Sonderschulen; ihre Verhaltensstörungen sind signifikant häufiger als die von Mädchen. Seit einigen Jahren liegt auch der durchschnittliche Bildungserfolg der Jungen erheblich unter jenem der Mädchen.

Die Schule ist für viele Jungen zu einem Ort geworden, an dem ihre Bedürfnisse nicht mehr wahrgenommen werden. Eine Berliner Mutter schilderte unlängst in einer Sonntagszeitung die Schulerfahrungen ihres sechsjährigen Sohnes: Die Jungen mussten im Fach Deutsch Bienengeschichten lesen, im Kunstunterricht Schmetterlinge malen und beim Sport Schleiertänze aufführen. Da die Jungen dann ihren Unmut im Unterricht kundtaten, seien sie ständig vor der Tür oder im Sozialraum gelandet respektive mit Schulverweisen nach Hause gekommen.

Im engen Frauenkäfig

Buben wachsen heute in einem engen Frauenkäfig von Müttern, Omas, Tanten, Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen auf. Sie ­werden mit weiblichen Werten, Erzie­hungszielen, Verhaltensmustern, Erwartungen und Anpassungsforderungen zugeschüttet und stossen ständig an weibliche Grenzsetzungen. In ihrer Motorik drücken sie dann häufig ihren Widerstand gegen die Erziehungs­einrichtungen als weibliche Bastionen aus.

Die amerikanische Philosophin Chris­tina Hoff Sommers hat das sarkastisch kommentiert, indem sie darauf hinwies, dass Tom Sawyer und Huckleberry Finn heute in der Frauen-Schule sicher Ritalin verordnet bekämen, um ruhiggestellt zu werden.

Mehr arbeitslos als Frauen

Entgegen der öffentlich gepflegten Vorurteile ist auch der Arbeitsbereich durchaus nicht mehr die Dominanz der Männer.

Männer sind heutzutage häufiger arbeitslos als Frauen. Das gilt vor allem für junge Männer. Sie finden im gesellschaftlichen Durchschnitt schwerer einen Job als Frauen, und sie sind signifikant häufiger arbeitslos. Sozialwissenschaften sprechen inzwischen von der Prekarisierung junger Männer. «Unsere Söhne haben Probleme», schreibt der amerikanische Jungentherapeut William Pollack, «und diese Probleme sind gravierender, als wir denken»: Selbst die Buben, die nach aussen ganz normal wirkten, seien davon betroffen. Das läge an der Vielzahl widersprüchlicher Erwartungen, denen Jungen heute ausgesetzt sind.

Ruck nach rechts

Sie können sich nicht mehr an allgemein gültigen Bildern von Männlichkeit orientieren, wie das früher der Fall war. Die Folgen bezeichnet eine grosse empirische Studie des Heidelberger Sinus-Instituts über «20-jährige Frauen und Männer»: Die jungen Männer «sehen sich unter hohem Performance-Druck. Sie können und sollen heute auf alle Ansprüche flexibel reagieren: Sie sollen Frauenversteher, durchtrainierter Macho, kinderwagenschiebender Papa und Karrieretyp sein.

Das Dilemma ist: Egal, für welche Rolle sie sich entscheiden: Der Erfolg (...) ist ihnen nicht garantiert.» Insofern hätten sie immer mehr Angst vor der Zukunft und befürchteten sogar, demnächst überflüssig werden zu können. Da ihnen – im Gegensatz zu den Mädchen – keine neuen Bilder zur Verfügung gestellt worden sind, an denen sie sich orientieren könnten, halten sie sich an alte Vorstellungen. Das hat auch politische Folgen. In Österreich hat man soeben festgestellt, dass eine übergrosse Mehrheit von jungen Männern bei den jüngsten Nationalratswahlen rechts gewählt hat, vor allem die FPÖ.

Innert 12 Jahren sind auch 20 Prozent der jungen Männer in der Schweiz politisch nach rechts gewandert. Das ist keineswegs erstaunlich. Die linken Parteien haben seit Langem nur ein Ohr für frauenpolitische Anliegen; die bestehende Männerkrise nehmen sie nicht zur Kenntnis. (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.07.2014, 14:32 Uhr

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132 Kommentare

Margot Helmers

22.07.2014, 15:35 Uhr
Melden 350 Empfehlung 20

"Buben wachsen in einem engen Frauenkäfig von Müttern, Omas, Tanten, Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen auf."
Genauso habe ich es bei meinem Sohn erlebt! Fast nur noch Frauen, kaum männliche Vorbilder. Es braucht eindeutig mehr Männer in den Ausbildungsstätten.
Buben haben ihre Freundschaftskämpfe, wollen Cowboy spielen; jetzt alles verboten!
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Beat Bannier

22.07.2014, 15:11 Uhr
Melden 315 Empfehlung 28

Der Terror der weiblichen Tugenden. Schlägt der Bub lieber Nägel in das Brett als dass er sich stickend in seine inneren Welten zurückzieht, erklären ihn Lehrerinnen und Psychologinnen für Persönlichkeitsgestört. Mann und Frau MUSS gleich sein, entgegen Allen wissenschaftlichen Fakten, zementieren die Genderistinnen ihre Ideologie, koste es soviel Bubenleben wie es will.
Lilith-Zeitalter!
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