Gefährlich sind die Humorlosen

Ein simpler Witz kann heute eine Karriere beenden. Die Gerechtigkeitsfanatiker fördern die Spaltung der Gesellschaft.

Tamara Wernlis Kolumne in längerer Version als Videokommentar.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ah. Friede und Ruhe am Tag ohne Frau.» Dass ihm dieser eher banale Tweet zum Verhängnis wird, hätte sich der prominente US-Videospielproduzent Colin Moriarty wohl nicht gedacht. Als Frauen am 8. März weltweit ihren Frauentag feierten, wurde auch das Hashtag #daywithoutawoman ins Leben gerufen. Damit sollte der «enorme Wert, den Frauen zum sozioökonomischen System beitragen», hervorgehoben werden.

Innerhalb der Computerspielindu­strie ergoss sich ein Empörungs-­Tsunami über Colin Moriarty: Sexist! Sexist! Das Ausmass der Hysterie veranlasste Moriarty, seinen Job zu kündigen; arbeitet man in einer Branche, die derart von der Zustimmung der Öffentlichkeit abhängig ist, kann man sich in den USA keinen Witz mehr erlauben.

Solange wir in unseren mitteleuropäischen Kulturkreisen noch Mann-Frau-Aspekte ansprechen dürfen, schauen wir uns «Ein Tag ohne Frau» mal an. Stereotyp hin oder her – der erste Reflex eines männlichen Wesens ist nun mal der: Friede herrscht! Ein Mann lebt ihn wahrscheinlich ­täglich an die dreissig Mal geistig aus. Wo ist das Problem? Ich sehe nichts Verwerfliches daran, wenn sich ­Männer hie und da nach Fraufreier Zeit sehnen.

Das Lachen dürfte vielen Männern mittlerweile vergangen sein.

Das Reizvolle an einem Tag ohne Frau ist doch, dass Männer dann all die Dinge tun können, die sie sonst unterdrücken müssen: Sie rülpsen, prahlen, hauen Sprüche raus ohne Sinn und ohne Verstand oder verharren stundenlang in Schweigen. Sie müssen keine Gentlemen sein. Werden nicht genötigt, Neugierde aufzubringen für eine neue Handtasche. Müssen sich nicht dazu entschliessen, keine Notiz von ihr zu nehmen, wenn sie mit ihrer Vorwurfsliste anrauscht. In Anwesenheit der Frau hätte die Hälfte ihrer (Nicht-)Handlungen wohl Konsequenzen.

«Friede und Ruhe am Tag ohne Frau.» Ich schmunzle. Aber das Lachen dürfte vielen Männern mittlerweile vergangen sein. Häufig sind sie es, die sich mit der Political Correctness moderner Feministinnen auseinanderzusetzen haben – ein simpler Witz kann heute eine Karriere beenden. Dass die Gerechtigkeitsfanatiker mit solchen Aktionen gerade eben nicht Gerechtigkeit fördern, sondern die Spaltung der Gesellschaft, weil sie einer schleichenden Unsicherheit, dem Selbstzweifel und verstärktem Misstrauen gegenüber gewissen Bevölkerungsgruppen Vorschub leisten, scheint ihnen nicht bewusst.

Das Problem sind Behörden, Universitäten und die Wirtschaft, die diesen Wahnsinn begünstigen.

Das Problem sind aber nicht die Berufsempörten, auch nicht jene, die die sozialen Medien als eine Art virtuelle Handfeuerwaffe einsetzen, um Menschen zu zerstören. Diese Gruppen rufen zwar am lautesten aus, aber sie machen insgesamt eine zu kleine Anzahl aus, als dass sie mit ihren Ansichten die Wurzel der gesellschaft­lichen Vernunft ausreissen könnten. Das Problem sind Behörden, Universitäten und die Wirtschaft, die diesen Wahnsinn begünstigen, indem sie sich, aus Angst vor einem Imageschaden, solidarisch auf die Seite der Negativler schlagen.

Universitäten kuschen vor protestierenden Studenten, Unternehmen vor Social-Media-Stänkerern. Pepsi zog neulich Hals über Kopf einen neuen Werbespot zurück, nachdem Aktivisten moniert hatten, der Spot würde die Black-Lives-Matter-Bewegung trivialisieren. Auch im Fall von Moriarty stellte sich seine Firma nicht hinter ihn. Zur Erinnerung: Er ermordete nicht seine Grossmutter, er haute einen Witz raus.

Ist das Vertrauen einer Gesellschaft in das harmonische Zusammenleben erst einmal zerstört, stellt der allfällige kurzzeitige Imageschaden eines Unternehmens das kleinere Übel dar. (Basler Zeitung)

Erstellt: 20.04.2017, 11:27 Uhr

Artikel zum Thema

Total durchgeknallt

Die kanadische Transgender-Gesetzgebung macht das Leben für 97 Prozent der Bevölkerung sehr umständlich. Political Correctness wird zur Geissel der Gesellschaft. Mehr...

«Ich sage immer: Nicht ich bin gemeint»

Im Januar ist Erika Steinbach nach über vierzig Jahren aus der CDU ausgetreten. Über ein Leben im Shitstorm. Mehr...

Kommentare

Blogs

Geldblog Achten Sie auf die Gebühren!

Service

Kino

Alle Kinofilme im Überlick

Die Welt in Bildern

Sonnenschutz: Ein Feiernder am Glastonbury Festival versucht sich von der Sonne zu schützen (21. Juni 2017).
(Bild: Dylan Martinez) Mehr...