Leben

Gegenschlag mit nackten Brüsten

Von Nina Jecker. Aktualisiert am 21.08.2014 69 Kommentare

Mütter ärgern sich über eine Kolumne und stillen ihre Babys– «jetzt erst recht» – öffentlich. Die Aktion richtet sich gegen Nicht-Mütter, die mit Kindern häufig wenig am Hut haben und sich schnell gestört fühlen.

Mütter in der Region Basel protestieren mit öffentlichem Stillen gegen die BaZ-Kolumne. Bild: Im vergangenen Jahr fand auch in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen eine «Still-Demo» statt.

Mütter in der Region Basel protestieren mit öffentlichem Stillen gegen die BaZ-Kolumne. Bild: Im vergangenen Jahr fand auch in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen eine «Still-Demo» statt.
Bild: Keystone

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Kontroverse um BaZ-Kolumne: Mütter protestieren auf Facebook und fotografieren sich beim Stillen in der Öffentlichkeit. Stört es Sie, wenn Mütter öffentlich stillen?

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Die Debatte um entblösste Busen und trinkende Babys erhitzt die Gemüter. Gleichermassen jene, die öffentliches Stillen eine naturgegebene Selbstverständlichkeit finden, und die anderen, für die es eine unzumutbare Zurschaustellung von Intimität ist. Das ist spätestens jetzt klar, nachdem BaZ-Kolumnistin Tamara Wernli in ihrer Kolumne deutliche Worte dagegen fand, dass Mütter in Restaurants, Parks oder an anderen öffentlichen Orten die Blusen lüften.

Bei den Müttern in der Region hat sie damit einen höchst empfindlichen Nerv getroffen. Auf Facebook machen sie ihrem Ärger Luft, sogar ein Still-Flash­mob vor der BaZ wurde angekündigt. Bislang blieb dieser aus. Angelaufen ist aber eine andere Aktion: Mit Stillfotos protestieren die Mütter gegen schräge Blicke, empörte Mitmenschen und die Meinung, sie sollten lieber zu Hause bleiben. Das Konzept ist einfach: Die Frauen schnappen sich Säugling und Smartphone und verlassen das Haus. Sobald das Kind Hunger anmeldet, legen die Mamis es an die Brust und schiessen ein Foto – egal wo. Auf der Seite wurden Fotos gepostet aus Restaurants, dem Zolli und sogar aus der Sofa-Abteilung von Ikea.

Angeregt hat die Aktion das Basler Kinderartikelgeschäft Dreikäsehoch als Wettbewerb. Unter all den Frauen, die ihre Stillschnappschüsse auf der eingerichteten Facebook-Seite hochladen, verlost der Laden am Spalenberg drei Luxus-Buggys. Geschäftsführer David Nippel geht es dabei, so sagt er, um viel mehr als den Werbeeffekt. «Wir wollen das Gefühl weitergeben, dass alle Eltern an ihren Kindern uneingeschränkt Freude haben sollen.» Die stillfeind­lichen Aussagen hätten ihn schockiert, sagt Nippel, in dessen Geschäft sich ein extra Bereich befindet, in dem Mütter ihrem Nachwuchs die Brust geben können. Das Angebot, das auch für Nicht-Kundinnen gilt, hat sich in der Stadt herumgesprochen, sogar Stillberaterinnen machen darauf aufmerksam. Auch den Teilnehmerinnen der Protest-Fotoaktion geht es um mehr als die Chance auf einen Gratis-Kinderwagen. Sie fühlen sich diskriminiert. «Nur weil wir Mutter werden, ist unser Leben nicht vorbei. Wir lassen uns nicht weg­schicken und einsperren», schreibt eine. «Morgen wird die Fotokamera und die Brust ausgepackt», kündigt derweil eine andere an.

«Ich stille, wann und wo ich will»

Der Basler Stillkonflikt ist nicht der erste seiner Art. In Zürich gingen 2007 die Wogen hoch, nachdem das Restaurant Lakeside eine Mutter von der Terrasse verwiesen hatte, als diese ihr Baby anlegen wollte. In der Folge wütete ein Shitstorm gegen das Lokal, der in einem Proteststillen von rund 30 Müttern gipfelte. «Lakeside»-Direktor Emmerich Scheibert beschwichtigte damals: «Kinder waren uns schon immer willkommen.» Und: Stillen sei doch heute salonfähig.

Offenbar lag er mit dieser Einschätzung falsch. Dass sich an der öffentlichen Zurschaustellung nackter Haut die Geister scheiden, ist zwar nichts Neues. Beim Stillen kommt aber eine Komponente hinzu, die über das Schamgefühl hinausgeht. Es geht um Fortpflanzung. Auf der einen Seite sind da die Mütter, die ihre Kinder naturgegeben für das Grösste auf der Welt halten. Auf der anderen Seite stehen die Nicht-Mütter. Sie haben mit Kindern häufig wenig am Hut und fühlen sich schnell gestört, wenn diese herumrennen, Lärm machen oder schmatzend an der Mutterbrust hängen. «Ich danke Ihnen für Ihren Artikel zu diesem Thema. Wie oft schon habe ich mich in einem Speiserestaurant geärgert, mit welcher Unverblümtheit am Nebentisch ein Busen entblösst wurde», schreibt eine BaZ-Leserin zu Wernlis Kolumne.

Empörte Blicken und genervte Seufzer

Es ist ein Konflikt, der nicht an der BH-Naht aufhört. Auch abgestellte Kinderwagen, fehlende Wickeltische oder Babygebrüll lassen Eltern und Kinderlose immer wieder aneinandergeraten. Für die Stadt Zürich gibt es deshalb eigens einen Führer für «Baby-freundliche Cafés», geschrieben von einer Mutter. Sara Müller hatte genug von empörten Blicken und genervten Seufzern. Nur zu Hause hocken wollte sie nach der Geburt aber auch nicht. «Aus purem Frust begann ich, für den Café-Führer zu recherchieren.» Vielleicht wird es etwas Vergleichbares auch einmal in Basel geben.

Nippel, der zwei kleine Kinder hat, fände es toll. «Ich kenne in der Stadt nur sehr wenige Restaurants, wo man mit Kindern nicht schräg angeschaut wird», sagt er. Ob ein solcher Gastroführer helfen könnte, die gegnerischen Lager zu beschwichtigen, ist aber zweifelhaft. «Wir lassen uns nicht vorschreiben, welche Lokale wir besuchen sollen. Ich stille, wann und wo ich will», schreibt eine junge Mutter auf Facebook. (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.08.2014, 06:39 Uhr

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69 Kommentare

Marcel Bider

21.08.2014, 08:22 Uhr
Melden 253 Empfehlung 61

Aha, Nippel-gate! Es ist doch so, dass bei weitem nicht jede Mutter den Stillvorgang so ostentativ öffentlich zelebrieren will. Fragt sich, weshalb es die einen so demonstrativ tun und die anderen es lassen. Gegen Stillen an "öffentlichen Orten" ist an sich nichts einzuwenden. Ich werde jedoch situativ den Verdacht nicht los, dass diese "Still-Mami's" damit vor allem ihren Narzissmus pflegen. Antworten


Jens Werner

21.08.2014, 07:36 Uhr
Melden 320 Empfehlung 138

Die heutige "Ich will, die Anderen können mich mal" - Mentalität hat also definitiv auch auf die Mütter übergegriffen. Toll, eine Möglichkeit mehr, seine Ellbogenmentalität zu demonstrieren und Anderen seine Intimsphäre aufzuzwingen. Respektlos und egoistisch, aber das ist halt der Zeitgeist. Ein Bisschen Diskretion (sich in eine Ecke setzen, Tuch verwenden) wäre halt zuviel verlangt. Antworten



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