Leben

Geld allein macht keine besseren Väter

Von Esther Girsberger. Aktualisiert am 19.03.2009

Die schwedische Familienpolitik gilt als vorbildlich. Der Staat zahlt auch Vätern eine Auszeit, wenn sich Nachwuchs einstellt. Bis zu 480 Tage lang. Die Frauen hat es nicht viel weitergebracht.

Trotz allen finanziellen Anreizen: Am Ende bleiben Kinderbetreuung und Hausarbeit oft an den Müttern hängen.

Trotz allen finanziellen Anreizen: Am Ende bleiben Kinderbetreuung und Hausarbeit oft an den Müttern hängen.
Bild: Keystone

Mitten im Gespräch entschuldigt sich Claes Johansson für einen Moment: Der 38-Jährige, der als Berater des weltweit tätigen Wirtschaftsprüfers PricewaterhouseCoopers in Stockholm arbeitet, muss die Windeln seiner zehnmonatigen Tochter Flora wechseln. Er befindet sich im Vaterschaftsurlaub. Zehn Monate lang.

Schweden ist bekannt für seine grosszügige Regelung: Der Staat bezahlt bei Nachwuchs 480 Tage lang 80 Prozent eines Salärs, plafoniert bei 28'000 schwedischen Kronen monatlich. Das sind knapp 3700 Franken. Die Mutter und der Vater können den Elternurlaub untereinander aufteilen. Nicht selten übernimmt der Arbeitgeber zusätzlich noch einen Teil des Lohnausfalls. So auch PricewaterhouseCoopers. Umgerechnet 1315 Franken überweist die Firma Johannsson während eines halben Jahres monatlich.

Eine erfreuliche Produktivität

Die Gründe für diese Grosszügigkeit sind offensichtlich: einerseits sollen die Frauen ermutigt werden, der Arbeitswelt erhalten zu bleiben, anderseits soll die traditionelle Rollenverteilung «Mann - Ernährer, Frau - Mutter» aufgeweicht werden. Das Modell ist unumstritten, keine Partei, kein Wirtschaftsverband und auch nicht die Bevölkerung, welche die staatliche Familienförderung mit hohen Steuern von durchschnittlich 50 Prozent bezahlt, stellt das System in Frage.

Vordergründig scheint die Rechnung aufzugehen: Schweden stellt mit 76 Prozent den weltweit höchsten Anteil berufstätiger Frauen, verglichen mit 80 Prozent bei den Männern, was der Volkswirtschaft natürlich zugute kommt. Bezüglich Arbeitsproduktivität liegt Schweden nach Südkorea an zweiter Stelle. Das Wirtschaftswachstum übertraf in den letzten Jahren den Durchschnitt der EU-Mitglieder. Gleichzeitig war auch der Familienzuwachs grösser als in der Schweiz, wo die Paare im Schnitt 1,47 Kinder haben, in Schweden sind es 1,8. Und auch das Rollenbild von Männern und Frauen kann sich sehen lassen. Die Männer nehmen ihre elterliche Verantwortung ungezwungen wahr, sei es auf dem Spielplatz oder bei der Kinderärztin. Niemand käme auf die Idee, Hausmänner als «Softies» zu bezeichnen.

Doch von den Zielen einer nach Geschlecht ausgeglichenen Familien- und Berufswelt ist auch Schweden weit entfernt. Nur 21 Prozent der Väter beziehen einen Elternurlaub. Die grosse Mehrheit der Männer macht Gebrauch von der Möglichkeit, die ihnen zustehenden Vatertage auf die Mutter des gemeinsamen Kindes zu überschreiben. Mit Ausnahme von 60 Tagen. Die müssen sie beziehen, sonst entfällt der finanzielle Anspruch.

Wenig Begeisterung bei Arbeitgebern

Claes Johansson schwärmt von seiner Zeit mit Tochter Flora. «Was sind schon zehn Monate, verglichen mit einem ganzen Leben», antwortet er auf die Frage, ob er mit der Auszeit gerade in der wirtschaftlich harten Zeit nicht einen Karriereknick in Kauf nehmen müsse. Die geschäftliche Mailadresse benutzt er nie. Und wenn die Tochter ihren Mittagsschlaf hält, käme er auch nicht auf die Idee, sich mit Beruflichem auseinanderzusetzen. Er gibt allerdings zu, dass er den Vaterschaftsurlaub nicht aus völlig freien Stücken bezieht. Seine Frau trat just an dem Tag ihre neue Stelle als Buchhalterin bei Husqvarna, der führenden Firma für Forst-, Garten- und Parkgeräte, an, als sie von ihrer zweiten Schwangerschaft erfuhr.

Ihrem neuen Arbeitgeber wollte sie keine Abwesenheit während mehr als einem Jahr zumuten. Also teilte Claes Johansson seiner Firma mit, dass er von seinem Anspruch auf Vaterschaftsurlaub Gebrauch machen werde. Ob er bei einem allfälligen dritten Kind - nach Sohn Harry und Tochter Flora - wieder von der Arbeit fernbleiben würde, lässt er offen. Sein Chef, 49-jährig und selber Vater, sei alles andere als begeistert gewesen, als er ihm seine monatelange Abwesenheit angekündigt habe. Der Vaterschaftsurlaub werde eben erst dann zum Herzenswunsch, meint Johansson, wenn man selber erlebt habe, wie wertvoll die Zeit mit den Kindern zu Hause sei.

Um mehr Männer von dieser wertvollen Zeit zu überzeugen, hat Schweden einen weiteren finanziellen Anreiz geschaffen: Seit 2008 wird Vätern ein Bonus von rund 400 Franken pro Monat (begrenzt auf maximal 1800 Franken) bezahlt, wenn sie ihren Elternurlaub beziehen. Noch weiter geht der Vorschlag von Politikerinnen und Politikern, gemäss dem isländischen Vorbild eine Quote einzuführen: Je ein Drittel der 480 Tage müssten vom Vater und der Mutter bezogen werden, das dritte Drittel wäre frei. Mehrheitsfähig ist dieser Vorschlag allerdings kaum. Selbst die Integrations- und Gleichstellungsministerin Nyamko Sabuni, Mutter von Zwillingen, die hauptsächlich vom bedeutend älteren Ehemann und Vater betreut werden, stellt sich gegen die Quote: «Familien haben verschiedene Bedürfnisse und dementsprechend individuell sollen sie auch ihren Elternurlaub beziehen können.»

Gegen einen Zwangsurlaub für Väter spricht auch die dezidierte Einstellung der schwedischen Gesellschaft, was die Betreuung von Babys anbelangt. Kinder früher als mit anderthalb Jahren in eine Krippe zu schicken, wird als Vergehen an ihnen betrachtet.

Stillen wird als Muss betrachtet

Keine Tagesstätte bietet Babyplätze an, weil die Eltern überzeugt sind, das Kleinkind brauche im ersten Lebensjahr vor allem die Mutter rund um die Uhr. Der gesellschaftliche Druck zu stillen ist hoch. Die meisten Schweden führen das auf ihre Naturverbundenheit zurück. Aber auch andere Gründe sind zu hören. Karin Stenström, eine 29-jährige Biologin und Mathematikerin, will ihr Baby mindestens elf Monate lang stillen, «weil das Krebsrisiko von Menschen, die nicht gestillt wurden, höher liegt». Von der Stillmanie weiss Gleichstellungsministerin Sabuni ein Lied zu singen. Die 40-Jährige sehnte sich nach vier Monaten Mutterschaftsurlaub nach ihrer Arbeit zurück und hatte das Stillen satt. Also nahm sie zum Missfallen vieler Bürgerinnen und Bürger ihre Arbeit im Ministerium wieder auf. Sabuni, die als Mitglied der Liberalen Partei die Selbstverantwortung des Einzelnen betont, hält einen gesunden Egoismus der Frauen für eine Voraussetzung der Gleichstellung: «Wir Frauen gehen immer wieder von den Bedürfnissen der anderen aus», hält sie fest. «Wir richten uns nach unseren Männern, Kindern und der Gesellschaft und nicht nach unseren eigenen Bedürfnissen. Ich lebe nicht so, und ich wünsche mir sehr viel mehr Frauen, die es mir gleichtun.»

Tatsächlich scheint die schwedische Gesellschaft trotz allen Anreizen für die gleichberechtigte Familien- und Berufsentwicklung in manchen Belangen rückständiger zu sein als die in eher konservativen Ländern. Das zeigt sich auch in einem eher zweitrangigen Bereich, nämlich der Hauspflege. Bis vor kurzem war es geradezu verpönt, sich eine Haushaltshilfe zu leisten. Erstens, weil es sich in einem traditionell sozialdemokratisch geprägten Land wie Schweden nicht ziemte, Menschen für solche Arbeit «auszunutzen». Zweitens, weil es zum guten Ton gehörte, selber sein Haus in Ordnung zu halten.

Hausangestellte sind verpönt

Monica Linstead, die Gründerin von Hemfrid («Hausfrieden»), einer Vermittlungsfirma für Haushaltshilfen mit mittlerweile 800 Angestellten, musste 1996 noch allen Mut zusammennehmen, um sich auf diesen neuen und politisch umstrittenen Markt in Schweden zu wagen. Nach sechs Jahren war ihr Geschäft rentabel, aber erst im letzten Jahr stieg ihr Umsatz von 10,8 auf 17,4 Millionen Franken. Die Kosten für eine Haushaltshilfe können neuerdings nämlich von den Steuern abgezogen werden. Die Sozialdemokraten kämpfen aber für die Abschaffung dieser Steuererleichterung.

Die externe Hilfe beschränkt sich fast ausschliesslich auf Reinigungspersonal. Kinderbetreuerinnen werden selten vermittelt. Vier von fünf Kindern besuchen nach dem Elternurlaub bis zum Schuleintritt mit sieben Jahren eine Kindertagesstätte und im Schulalter nach dem Unterricht betreute Aufgabenstunden. Sie werden um 8.30 Uhr zur Schule gebracht und um 16.30 Uhr abgeholt. Es entspricht gesellschaftlichem Konsens, die Kinder - auch im Schulalter - nicht zu lange extern betreuen zu lassen. Der Wunsch staatlicher Stellen, Unternehmen sollten ihre Sitzungen bitte nicht nach 16 Uhr abhalten, damit die Kinder rechtzeitig abgeholt werden können, entlockt Claes Johansson allerdings nur ein müdes Lächeln: «Meine internationalen Kunden bei PricewaterhouseCoopers scheren sich nicht um unsere Gewohnheiten und um Krippenöffnungszeiten.»

Wenig Frauen in Kaderpositionen

Auch in Schweden sind es mehrheitlich die Frauen, die auf eine Vollbeschäftigung und damit auch auf eine Karriere verzichten. Im Staatsdienst trifft man zwar relativ viele Kaderfrauen an, aber bei den 50 grössten Firmen des Landes sieht es entschieden anders aus: Es gibt nur eine Konzernchefin, nur ein Sechstel der Geschäftsleitungs- und ein Fünftel der Verwaltungsratsmitglieder ist weiblich. Und das Ergebnis sähe weit düsterer aus, wenn man die beiden staatlichen Unternehmen, die zu den 50 grössten Firmen Schwedens zählen, nicht mitberücksichtigen würde.

Annika Kreutzer, bis vor kurzem Chefredaktorin eines Wirtschaftsmagazins und alleinerziehende Mutter eines aus China adoptierten Mädchens, prophezeit indes, dass die Zahl weiblicher Führungskräfte in den kommenden Jahren deutlich steigen werde. Allerdings nicht wegen der fortschrittlichen Familienpolitik, sondern infolge der globalen Wirtschaftskrise: «Frauen haben ein anderes Risikoverständnis als Männer. Sie sind fokussierter und weniger statusbewusst. Diese Einstellung wird sich durchsetzen.»

Claes Johanssen bedauert den geringen Frauenanteil in Führungspositionen genauso wie seine Frau, die in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten fast rund um die Uhr für Husqvarna im Einsatz ist. An eine Besserung glaubt er nicht. Aus eigener Erfahrung weiss er, dass sich mit staatlicher Unterstützung zwar die Kinderbetreuung der ersten Jahre leichter meistern lässt, danach aber alles wieder in den alten Trott verfällt. Teilzeitarbeit und Jobsharing in Kaderpositionen könnten Abhilfe schaffen, doch die Initiativen diesbezüglich sind spärlich - und die Arbeitgeber haben kein grosses Gehör dafür.

Die Schuld, sagt Johansson, sei nicht immer bei den Unternehmen zu suchen. «Meine Frau ist eifersüchtig auf mich, weil ich so viel Zeit mit unserer Tochter verbringen darf.» Gut möglich, dass die Mutter nach Ablauf des Elternurlaubs ihre Kinder von der Tagesstätte oder der Schule abholt. Oder dass das Paar auf ein drittes Kind verzichtet.

Lesen Sie auch: «Männer in der Krise» Hier gehts zum Blog www.blog.bazonline.ch/mutterblog (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2009, 09:38 Uhr


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