Grenzen haben immer auch eine moralische Note

Grenzen waren das Thema der zweiten Schweizer Geschichtstage in Basel.

Grenzerfahrungen: Schweizer Soldaten 1944 am Übergang Boncourt.

Grenzerfahrungen: Schweizer Soldaten 1944 am Übergang Boncourt.
Bild: Keystone

Sie sind allgegenwärtig: Wir überschreiten Grenzen, wenn wir in ein anderes Land reisen, wir ziehen sie, wenn wir eine Beziehung beenden, wir respektieren sie, wenn es um die Grenzen der Diskretion geht, und wir nähern uns mit jedem Tag der letzten Grenze, dem Tod. Ständig machen wir also Erfahrungen mit Grenzen, und doch ist die Ansicht verbreitet, das Thema der Grenze sei «neu, dringlich, aufregend». So der Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel, der am Donnerstag die zweiten Schweizerischen Geschichtstage an der Universität Basel eröffnete, ein Kongress, auf dem Historiker während dreier Tage und in insgesamt 300 Referaten sich dem Thema der Grenze annahmen.

Osterhammel, der vor einem Jahr mit einer monumentalen Globalgeschichte des 19. Jahrhunderts für Furore gesorgt hatte, vollzog in seinem Vortrag einen seiner berühmten Perspektivenwechsel: Als Gegenkonzept zur Grenze rückte er die Brücke als «verbindendes Prinzip» ins Zentrum seiner Betrachtungen und entwarf am Ende seiner Ausführungen ein «Brückendenken», das Wert auf «die freundliche Diskretion des Unterschieds» legt. Dass das Thema der Grenze beinahe so umfassend ist wie die Geschichtswissenschaft selbst, zeigte sich in den Referaten, die in lockerer bis starker Anbindung das Tagungsthema erkundeten: von «Subjektivierungsprozessen in Tier(horror)filmen» über die «Tütschen und die anderen» im späten Mittelalter bis hin zu Debatten, die in der frühneuzeitlichen Medizin um die Fettsucht und ihre Folgen geführt wurden.

Der ökonomische Mensch

Um das Fett des Menschen ging es auch in einer der besuchten Sektionen, in der man sich der Grenzen des Ökonomischen und des Menschen als Ware annahm: Janine Kopp, eine Doktorandin aus Luzern, berichtete in ihrem Vortrag vom Menschenfett, das vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit vornehmlich aus Leichen Hingerichteter gewonnen wurde und angereichert mit «aromatischen Kräutern» zur Stillung von Gliederschmerzen eingeschmiert, aber auch eingenommen wurde. Wer durfte Menschenfett verkaufen? Wem war es also gestattet, die Grenze zum Ökonomischen zu überschreiten?

In einer anderen Sektion wurde der Frage nachgegangen, was vom Mittelalter bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts über die Grenze einer Generation vererbt wurde. Fleisch, Blut, Privilegien oder Gene? Die Moderatorin dieser Sektion begrüsste die Zuhörer mit den Worten, sie freue sich auf einen «fruchtbaren Austausch», womit sie die Lacher auf ihrer Seite hatte: Bekanntlich sind Tagungen und Kongresse ja nicht nur Leistungsschauen, Plattformen und Sprungbretter für Nachwuchswissenschaftler, sondern auch Partnerbörsen und Heiratsmärkte.

Kommentare «ungewöhnlich kritisch»

Angesichts dieser familiären Atmosphäre erstaunt es, wie selten in den Diskussionen Kritik am eben Gehörten geübt und wie empfindlich selbst auf konstruktive Einwände reagiert wurde: Der Leiter stufte die Kommentare als ungewöhnlich kritisch ein, als in einer Sektion zu den «Grenzen des Ökonomischen» die Erkenntnis eines Referenten als banal bezeichnet wurde, dass im Mittelalter ein Mensch als Geisel zu einer Ware werden und weniger als ein Pferd wert sein konnte. Von einem anderen Vortragenden wurde die Einbettung seines Themas in einen europäischen Kontext gefordert.

Dienten also die Geschichtstage, die weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden, lediglich der Selbstaffirmation? Nein, denn was den Historikern allem Anschein nach an Selbstkritik abgeht, vermögen sie durch Engagement zu kompensieren. So entwarf Damir Skenderovic von der Universität Freiburg in seinem Vortrag ein Programm für die historische Migrationsforschung, durch die ein historisches Bewusstsein für die Schweiz als Migrationsland entstehen könnte, was nicht zuletzt angesichts aktueller Debatten wünschenswert wäre.

Prozess der Grenzziehung

In der Basler Sektion zur Migrationsforschung wurde deutlich, dass der Begriff der Grenze auch in den Geschichtswissenschaften starken moralischen Bewertungen unterliegt. Es stellt sich daher die Frage, ob das Tagungsthema mit der Tendenz zur Moralisierung bei der Erforschung des Vergangenen nicht zu einer Blickschranke werden kann. Unverkennbar war, wie stark das Thema der Grenze eine binäre Weltsicht befördert: Als Reverenz an das Tagungsthema wurde wiederholt in schroffer Absetzung zueinander das Eigene dem Fremden gegenübergestellt und gegeneinander ausgespielt. Systematisierende Vereinfachung scheint einerseits den Theorien der Historiker, die mit den Begriffen Inklusion und Exklusion operieren, andererseits aber auch dem Tagungsthema selbst geschuldet zu sein: Grenzen wurden vornehmlich als etwas Gegebenes, als etwas Statisches und als Beschneidung von Freiheit beschrieben. Viel zu selten rückte der Prozess der Grenzziehung, der Grenzverschiebung, der Grenzpassage in den Blick. Aber dies ist angesichts der insgesamt 300 Vorträge, von denen nur ein Bruchteil gehört werden konnte, selbstverständlich nur ein begrenzter Eindruck.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2010, 04:00 Uhr


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