Im Ernst jetzt, feministisch tindern also?

In der Dating-App Bumble verschickt die Frau die erste Nachricht - und der Mann muss warten.

Bumble wurde 2014 gegründet und hat mittlerweile 12,5 Millionen Nutzer.

Bumble wurde 2014 gegründet und hat mittlerweile 12,5 Millionen Nutzer.

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Ist das hier 2017? Wenn man die junge Frau so reden hört, wenn man die vielen Interviews mit ihr liest, ist man sich nicht mehr so sicher. «Männer müssen zuerst anrufen, Männer haben die Kontrolle.» Oder, noch progressiver: «Männer gehen auf die Jagd und sind darauf trainiert, Frauen nachzustellen. Die sind wiederum dazu angehalten, sich rar zu machen, schwer rumzukriegen zu sein.» Nun ist die Frau, um die es hier geht, keine Gleichstellungsbeauftragte, sie ist eine Unternehmerin aus den USA; Whitney Wolfe, 27, war vor kurzem in Deutschland unterwegs, um etwas zu verkaufen, das man eigentlich nicht kaufen kann: Liebe, oder zumindest mal eine App.

Liebe oder Sex oder ein Abendessen versprechen sie ja heute alle, die Dating-Apps und Tinder-Nachahmer, in denen die Guten nach rechts, die Blöden nach links gewischt werden. Was Wolfe nun verspricht, funktioniert zwar genauso, soll aber besser und braver, ja: ein Flirtprogramm für die Gleichberechtigung der Geschlechter sein. Im Ernst jetzt, feministisch tindern also? Was zunächst so absurd klingt, als fange Dieter Bohlen bei der Emma an, heisst Bumble, wurde 2014 gegründet und hat mittlerweile 12,5 Millionen Nutzer, die sich vor allem durch die USA wischen, aber auch in Deutschland ist die App allmählich ein Begriff.

Zwar wurde Bumble als anständigere Tinder-Variante für jene Frauen konzipiert, die es nicht so begrüssen, wenn sie Penis-Fotos zugeschickt bekommen. Das angeblich Revolutionäre an Bumble ist aber nicht, dass Nacktbilder und Bilder in Unterwäsche hier nicht geduldet sind, sondern dass die Frau den ersten Schritt machen soll; nach einem Match, dieser neumodernen Bestätigung, dass man sich attraktiv findet, ist sie diejenige, die die erste Nachricht verschicken muss. Und der Mann, er muss warten

Der Mann ex machina

Netter Marktlückenfüller, vielleicht auch ein Schutz für die Frau, eine Entlastung für beide. Denn die Frage, wer denn nun wen fragt, stellt sich gar nicht erst. Wenn aber die angeblich so fest verteilten Rollen erst technisch getauscht werden müssen, sagt das erst einmal viel über gängige Frauenbilder aus - über das der 12,5 Millionen Menschen, die da mitmachen. Und über das der Gründerin. Die, und das gehört auch zur Geschichte, mal bei Tinder gearbeitet hat.

Nach einer Beziehung zu Kollege Justin Mateen, der sie schliesslich beleidigt haben soll, klagte Wolfe gegen das Unternehmen wegen sexueller Belästigung. Man einigte sich aussergerichtlich auf eine Summe von einer Million Dollar. Wolfe verliess Tinder und gründete Bumble. Und nun, Jahre später, da erklärt sie alte Rollenvorstellungen zum Gründungsmythos ihrer Annäherungs-App - und gibt als Ziel aus, das Leben von Frauen verbessern zu wollen. Jetzt, da soll die Frau auch mal mächtig sein, endlich.

Aber war sie das nicht schon? Wenn so sehr betont wird, dass die Frau qua Frausein beim Flirten den wartenden Part einnimmt, wenn der Mann - wie Wolfe sagt - derjenige ist, der zuerst anruft, bestätigt dies nicht ex negativo alte Vorurteile? Subtext: Die Frau war bis dato aber ein echt bedürftiges Wesen, so frauenseelenallein in ihrer Einsamkeit, aus der nur er sie retten kann, der Ritter, der Jäger, der Mann ex machina. War das also nur ein grosses Missverständnis, dass auch Menschen mit Vagina das längst dürfen: losziehen, jemanden ansprechen, jagen, leicht rumzukriegen sein? (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 27.03.2017, 13:06 Uhr

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