Immer mehr Reiche verpfänden ihre Ware
Retter in der Not: Oft wird die Pfandleihe von Personen in Anspruch genommen, die eher vermögend sind, aber unter Liquiditätsproblemen leiden, da sie ihre Börsenpapiere nicht verkaufen wollen.
Jean Métrailler, Verwalter der Genfer Pfandleihkasse, hat in den letzten Monaten eine deutliche Zunahme der Darlehen festgestellt. Oft werden sie von Personen in Anspruch genommen, die eher vermögend sind, aber unter Liquiditätsproblemen leiden, da sie ihre Börsenpapiere nicht verkaufen wollen.
Diese Klientel verpfändet vor allem wertvollen Schmuck und teure Uhren. Als Gegenleistung werden ihnen Darlehen von bis zu 20'000 Franken gewährt. Laut Métrailler erhalten sie jeweils 10 Prozent des Neuwerts der verpfändeten Ware.
Ähnliche Feststellungen macht Giovanni Santoro, Direktor der Tessiner Pfandleihkasse. Die Zahl der vermögenden Personen, die Waren versilbern, habe in den letzten sieben Monaten um 30 bis 40 Prozent zugenommen. Seine Kasse gewährt monatliche Darlehen von insgesamt rund einer Million Franken.
Bald auch für andere attraktiv
Es seien also nicht, wie man annehmen könnte, vor allem Leute in bescheidenen Verhältnissen, die in Krisenzeiten als erste den Pfandleiher in Anspruch nähmen, sagt Métrailler. Das könne sich aber rasch ändern, und wenn es mal so weit sei, dann können man davon ausgehen, dass die Lage wirklich ernst sei.
Dieser Ansicht ist auch Urs Lusti, Direktor der Pfandleihkasse der Zürcher Kantonalbank. Heute bedient die Kasse täglich mehrere Dutzend Kunden. Diese Zahl dürfte nach Ansicht Lustis in den nächsten Monaten aber deutlich ansteigen, wenn die ersten Opfer der Wirtschaftskrise kein Arbeitslosengeld mehr erhalten. Im Gegensatz zu den beiden anderen Kassen hat Lusti keine auffallende Zunahme reicher Kunden festgstellt.
Der Gang zum Pfandleiher sei für die Leute der letzte Ausweg, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft seien, stellen die drei Kassenverantwortlichen übereinstimmend fest.
Zunehmende Goldverkäufe
Ebenfalls am Zunehmen ist der direkte Schmuckverkauf. Yves Rochat, Chef der Ankauf-Plattform Bijouxor.ch, hat alle Hände voll zu tun. Es gebe Leute, die mit einem halben Kilo hochwertigen Schmucks antrabten, erzählt er.
Auch wenn er einen Zusammenhang mit der Krise für möglich hält, stellte er einen neuen Trend fest: Zunehmend werde Schmuck oder das von der Grossmutter geerbte Silber verhökert. Rochat erklärt sich diese Entwicklung mit dem gesellschaftlichen Wandel, mit einer «Mediatisierung» des Themas und steigenden Edelmetallpreisen.
Lag der Goldpreis Ende der neunziger Jahre bei 12'00 Franken pro Kilogramm, bewegt er sich heute bei etwa 32'000 Franken. Schmuck zu verkaufen, der ohnehin nicht mehr getragen wird, ist somit rentabler geworden. Das habe zu einem richtigen Markt geführt. Rochat bezahlt für 1 Gramm 18-Karat-Gold 19,5 Franken, respektive 19'500 Franken pro Kilogramm. Die Spannweite seiner Ankäufe bewegt sich zwischen 200 und 17'000 Franken.
Gesuchte Occasionen
Peter Hagen aus Engwilen TG ist bereit, praktisch alles aufzukaufen, was ihm angeboten wird - von Schmuck bis Autos. Auch er hat in den letzten Monaten eine Angebotszunahme festgestellt. Oft handle es sich aber um Ware schlechter Qualität.
Leute mit der Angewohnheit, sich alle sechs Monate das neuste Fernsehmodell zu kaufen und das alte zu verkaufen, warten heute länger zu, stellte Gilles Gétaz, Besitzer der «Speedy-cash»- Geschäfte in Bern, Biel und Neuenburg, fest.
Die in seinen Geschäften zum Verkauf stehende Ware ist heute qualitativ zwar weniger gut. Aufgewogen wird dieser Umstand aber durch die zunehmende Zahl von Leuten, die auf der Suche nach Occasionen sind. (Julien Steiner/sda)
Erstellt: 16.09.2009, 14:25 Uhr
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