Leben
Ist die weihnächtliche Schenkerei nötig?
![]() JaThomas Widmer Kürzlich machte ich mich morgens per Velo auf in die City. Weihnachts-Grosseinkauf! Vor dem Globus stellte ich fest, dass ich in meiner gekrümmten Sitzhaltung fast eingefroren war; wir haben halt doch Dezember. Die ersten Gehmeter humpelte ich, der Ischiasnerv wieder einmal. Im Warenhaus herrschte Minuten nach der Türöffnung bereits brutal Betrieb. Auf der langen Rolltreppenfahrt in den vierten Stock rempelte mich ein italienischsprachiges Jungpärchen an. Bald geriet ich an weitere Shopper mit bösen Ellbogen, und überhaupt wurde es ein harter Tag: Im Orell-Füssli-Packzelt wartete ich eine Viertelstunde, bis meine vier Bücher in Geschenkpapier eingeschlagen waren. Bei H & M versagte meine Kreativität, sodass ich nach qualvoller Sichtung aller Auslagen beutelos abziehen musste. In der Parfümerie gab es jenen aparten Flacon nicht mehr, den ich mir vor Wochen vorgemerkt hatte. Ich erlitt einen Wutanfall. Weihnachtseinkauf ist Kampfbahn. Ist «Ben Hur» mit «Last Christmas» von George Michael als Soundtrack. Ist Portemonnaiefolter, Seelen-Achterbahn, Depression: Abends ist man zu Tode erschöpft, doch fürs Grosi hat man immer noch nichts Passendes. Warum bin ich trotzdem für die Bescherung, auch und speziell unter Erwachsenen? Exakt darum! Der Weihnachtseinkauf vollzieht sich unter ähnlich widrigen Bedingungen wie die Ardennenoffensive im frostklirrenden Winter 1944/45. Wenn trotzdem Massen von Leuten den Infight in der Innenstadt auf sich nehmen, bezeugt das eines eindrücklich: eine enorme Hingabe an den Nächsten. Schenkverweigerern mangelt es am Sensorium für emotionale Tiefe. Insbesondere geht ihnen das Wissen um die elementare Wahrheit ab, dass das Geschenkritual ohne Beschaffungsstress die Kraft verlöre. Schenken darf nicht leicht sein! Der Beschenkte schätzt einen viel mehr, wenn er hört, dass man sich um den JahrgangsSingle-Malt prügeln musste, da es die letzte Flasche im Laden war. Am wirksamsten aber motiviert mich zum Schenken die Gleichzeitigkeit, die über dem vorweihnächtlichen Geschehen waltet: Im Outdoorladen verfluche ich Gott, die Welt, mich selber; ich brauche dringend Beratung, doch der Verkäufer ist so intensiv in den Dialog mit einem anderen Kunden vertieft, als präsentiere er nicht ein Paar Schneeschuhe, sondern führe ein psychotherapeutisches Gespräch. Das Tolle an diesem schlimmen Moment aber ist: Zur selben Zeit gibt anderswo jemand anders alles für mich. Nerven, Gesundheit, Freizeit, Geld. Unter dem Christbaum werden wir uns ermattet treffen, jeder zwei, drei Pakete im Arm. Und wir werden uns zublinzeln mit der Botschaft in den Augen: Ich habe dort draussen gestritten und gelitten. Ich tat es für dich. | ![]() NeinAlain Zucker Ein Monat wie in der Hölle. Voller Einkaufs- und Terminstress, mit Drängeln und Stossen an der Bahnhofstrasse, ein Shoppingmarathon, der schlimmer ist als ein Ironman-Rennen über die doppelte Distanz und bei scharfem Gegenwind. Jedes Jahr kann man zuschauen, wie der Brauch, an den Festtagen seine Nächsten und alle anderen Verwandten und Freunde zu beschenken, zum manischen Zusammenraffen aller möglichen Sinnlosigkeiten ausartet. Gehetzt von der Masse, rennt man von den neusten Computerspielen für die Xbox (für den Kleinen) zum Alterswerk Frank Schirrmachers («Payback», für den ungeliebten Schwager). Der Mantel juckt, der Schweiss fliesst, und die Laune sinkt, bis zum nervösen Erschöpfungszustand nach Ladenschluss. Es gehört auch zum Dezember wie das Warten auf den fehlenden Schnee, dass wegen des Weihnachtsstresses der Aggressionspegel in vielen Familien steigt. Die Stimmung explodiert schliesslich am Fest der Liebe selber! Die Fallen liegen im Feinstofflichen: Wer schenkt wem was? Hat der Bruder die jüngere Schwester lieber, weil er ihr eine teure Kiste Wein schenkt, während die ältere eine Tageskarte fürs Wellnesszentrum bekommt? Überhaupt: Was will er mit dem Fitness-Gutschein sagen? Weil jedes Geschenk in Sachen Suchaufwand und Kosten ein Preisschild auf eine Beziehung klebt, kann ein beliebiges Päckli zur emotionalen Zeitbombe werden. Die einen freuen sich, die andern sind beleidigt oder enttäuscht. Solche kleinen Wertungen sorgen wegen der allseits geschürten Erwartungen für versteckten Groll. Das mag jetzt gutmenschig tönen. Und aus diesen oder ähnlichen Gründen stricken die Kritiker des weltlichen Kommerzes ja auch jedes Jahr an selbst gemachten Topflappen, die sie all ihren Bekannten schicken. Nur: Dass man überhaupt auf die Idee kommt, selbst Gebasteltes zu verschenken, das niemand will oder braucht, ist der allerbeste Beweis dafür, wie sinnlos die ganze Schenkerei geworden ist – nicht mehr als eine lästige Geste, die man in den vollgestopften Terminkalender drücken muss. Lassen wir also die Bescherung! Oder dem Familienfrieden zuliebe: Beschränken wir sie auf die Kinder! Ansonsten sollte der Monat der Geschenke zum Monat der Musse werden, ein Monat, an dem man aus der Alltagshektik ausbricht, faulenzt, sich der Familie und den Freunden widmet, ausgeht, isst und trinkt. Denn was kann man Kostbareres schenken als viel Zeit? Würde man an all den Wochenenden und Feierabenden, an denen man hektisch Geschenke sucht, die selten besuchten Geschwister anrufen, Leute einladen oder Schlittschuh laufen, wäre Weihnachten ein gemütliches, lustiges Fest – eine Befreiung! |
Erstellt: 13.12.2009, 12:10 Uhr







