Leben

Junge Türkinnen sind suizidgefährdeter als Schweizerinnen

Von Simone Rau. Aktualisiert am 05.09.2011 39 Kommentare

Junge Frauen mit türkischem Migrationshintergrund wollen sich dreimal häufiger umbringen als ihre Schweizer Kolleginnen. Schuld sind unter anderem Identitätsprobleme und der Jungfräulichkeitswahn.

Viele fühlen sich eingeengt und möchten ausbrechen: Türkische Migrantinnen im jugendlichen Alter.

Viele fühlen sich eingeengt und möchten ausbrechen: Türkische Migrantinnen im jugendlichen Alter.
Bild: Nigel Treblin (DDP)

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Es ist das Leben zwischen zwei Kulturen, das sie verzweifeln lässt: Junge Türkinnen in Deutschland versuchen sich fünfmal häufiger umzubringen als gleichaltrige Frauen aus deutschen Familien. Doppelt so häufig gelingt es ihnen auch. Die Gründe für die Suizidversuche sind vielfältig, wie «Der Spiegel» berichtet hat. Sie reichen von Einsamkeit und Bildungsschwierigkeiten über Identitätsprobleme bis zu Zwangsheiraten oder Bedrohung durch die Familie. Vor allem, so zeigt eine Studie der Berliner Charité, leiden die jungen Türkinnen unter kulturellen Konflikten – zum Beispiel unter Verboten ihrer Väter. Auch das Thema Jungfräulichkeit bringe die jungen Frauen in Notsituationen.

Studien der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel präsentieren für die Schweiz ein ähnliches Bild: So wollen sich junge Türkinnen, die in Basel aufgewachsen sind, im Durchschnitt dreimal häufiger das Leben nehmen als gleichaltrige Schweizerinnen. Türkinnen unter 19 Jahren tragen laut den Untersuchungen gar ein viermal höheres Suizidversuchsrisiko als Schweizerinnen gleichen Alters – Türkinnen zwischen 20 und 24 Jahren ein doppelt so hohes Risiko. Ein im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit erstelltes «Monitoring des suizidalen Verhaltens in der Agglomeration Bern» stellt fest, dass Türkinnen von allen Ausländerinnen am häufigsten versuchen, sich umzubringen.

Ruf nach türkischem Personal

Laut Anita Riecher, die als Chefärztin der Psychiatrischen Poliklinik der UPK Basel die Basler Studien leitete, stehen junge Türkinnen unter «enormem kulturellen und familiären Druck». Über 60 Prozent der Betroffenen litten unter Beziehungsproblemen, rund 20 Prozent hätten Schwierigkeiten mit den Eltern. «Es sind häufig Generationenkonflikte, welche die Frauen zu einem Selbstmordversuch treiben», sagt Riecher. Die jungen türkischen Mädchen würden zu Hause oft streng traditionell erzogen. Von ihnen werde verlangt, dass sie sich unterordnen. In der Schule und im Freundeskreis seien sie aber mit westlichen Rollenbildern von Autonomie und Selbstverwirklichung konfrontiert. Viele schafften diesen Spagat nur schwer.

Riecher wünscht sich deshalb, dass Suizidpräventions-Programme ihren Fokus vermehrt auf die potenziell Betroffenen legen. Nötig ist laut der Chefärztin zudem mehr medizinisches Fachpersonal türkischer Herkunft. Denn türkische Mädchen und Frauen öffneten sich vor allem gegenüber Fachpersonen, die aus dem gleichen Kulturraum wie sie selbst stammten. Als Ärztin habe sie immer wieder festgestellt, dass die Patientinnen zwar mit ihr redeten, die wahren Probleme aber ihren türkischen Arztkollegen anvertrauten. «Türkische Therapeuten können die Migrantinnen nicht nur in ihrer Muttersprache, sondern auch in ihren traditionellen und religiösen Vorstellungen besser erreichen», sagt Riecher.

Auch junge Tamilinnen leiden

Nicht untersucht hat Riecher, ob und inwiefern sich junge Türkinnen von anderen Nationalitäten unterscheiden, die in die Schweiz immigrieren. Laut Matthias Vogt, Co-Leiter der Jugendberatung der Stadt Zürich, ist die «kulturelle Zerrissenheit für Jugendliche aus patriarchalischen Familien gross». Deshalb liessen sich die Identitäts- und Rollenkonflikte junger Türkinnen durchaus auf Frauen aus Sri Lanka, Indien, Albanien oder Kosovo übertragen.

«An unserer Beratungsstelle sind wir häufig mit jungen Frauen aus diesen Ländern konfrontiert, die unter der Enge des Elternhauses leiden. Sie fühlen sich eingeengt, geniessen nicht im Entferntesten die Freiheiten ihrer Altersgenossinnen und möchten ausbrechen», sagt Vogt. Die Folgen dieses rigiden Familiensystems zeigten sich oft im depressiven Rückzug oder in psychosomatischen Symptomen. Der Konflikt spitze sich zu, wenn ein solches Mädchen «offensichtlich oder heimlich» einen Freund habe.

Über ähnliche Erfahrungen mit suizidgefährdeten Migrantinnen berichtet die Co-Leiterin des Mädchenhauses Zürich, Eugenia Binz: «Wir haben immer wieder Mädchen bei uns, die am Zwiespalt zwischen traditionellem Elternhaus und moderner neuer Heimat verzweifeln. Auch Zwangsheirat ist ein Thema.» Zum Teil würden die Mädchen auch erst während ihres Aufenthalts im Mädchenhaus suizidgefährdet. «Sobald sie ihr Zuhause verlassen, nimmt der psychische Druck auf die jungen Frauen zu, ebenso die Drohungen der Familie, sie zu verstossen oder ihnen etwas anzutun. Nicht alle verkraften diese Situation», sagt Binz.

Männer weniger stark betroffen

Auch die jungen Männer mit Migrationshintergrund stünden oft unter grossem Druck, so etwa durch Zwangsheiraten. «Doch was die Geschlechter unterscheidet, sind die Konsequenzen», sagt Binz. Der Mann habe nach der Heirat häufig eine Geliebte und lebe sein Leben weiter wie bisher. Die Frau hingegen lebe «fortan meist im Haushalt der Schwiegereltern und muss sich dort deren Normen und Werten völlig unterordnen».

Laut einer der beiden Basler Studien ist die Suizidversuchsrate bei jungen Türken im Vergleich zu gleichaltrigen Schweizern ebenfalls drastisch erhöht. Allerdings sind die Raten tiefer als bei den jungen Türkinnen. Auf die gesamte Schweiz angelegte Untersuchungen zum Thema gibt es bisher nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2011, 06:20 Uhr

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39 Kommentare

Manfred Stierli

05.09.2011, 13:21 Uhr
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Und es gibt in der Schweiz tatsächlich Leute die finden, dass uns diese Kultur bereichert, doch noch niemand konnte mir erklären, in wiefern... Und kommt mir nicht mit, dass diese Frauen das so wollen. Einige sicher Ja, aber der Unterschied zu unserer Kultur besteht darin, dass wir die freie Wahl haben, sie eben oft nicht und dieser Zwang kann nicht schweizerisch sein... Antworten


Tina Kuster

05.09.2011, 12:47 Uhr
Melden 120 Empfehlung

Und da wären wir wieder beim Thema Integration bei Eltern... Antworten




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