Kein Absatz – kein Job

Eine Engländerin wehrte sich gegen High-Heel-Zwang – und trat damit eine Debatte los, die bis ins britische Parlament reicht.

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Eine Frage spaltet Journalistinnen und Autorinnen weltweit – oder besser ein Schuh, nämlich der Stöckelschuh, auch Stögi genannt. Darf man, soll man, muss man ihn tragen, und wenn ja: wann?

Es ist schon fast die Gretchenfrage des modernen Feminismus und schon lange wurde die Diskussion nicht mehr mit solcher Vehemenz geführt. Das Kontra-Lager kanalisiert schmerzhafte Erinnerungen an blaue Zehen, blutige Fersen und verkrüppelte Füsse. An das Dilemma, den Schmerz im Alkohol betäuben zu müssen, nur um dann beim Gleichgewicht zu versagen. Das sind die Frauen, die ihren Abschied vom Stögi besingen, als hätten sie dem Crackrauchen abgeschwört und im Dasein auf flachen Sohlen erst ins Leben zurückgefunden.

«Pussy am Ende dieses Beines»

Das Pro-Lager fühlt sich unangenehm in die Achtzigerjahre zurückversetzt, als man feministische Gesinnung nur mit fescher Kurzhaarfrisur und pflanzengefärbten Sackkleidern ausdrücken zu können glaubte. Diese Autorinnen predigen in bester «Sex and the City»-Manier die emanzipatorische Macht von Manolos und Lippenstift, und wenn ein Fuss im Stögi, in den Worten der Autorin Mary Karr, signalisieren soll: «Hey, da gibt es Pussy am Ende dieses Beines», dann umso besser. Genau darum geht es schliesslich. Die Freiheit, seine Sexualität so zu leben und sich verdammt nochmal so zu kleiden, wie man will. Beide haben recht, aber beide zielen auch am Gegenstand vorbei.

Kein Absatz, kein Job

Zu verdanken haben wir die Diskussion der Britin Nicola Thorp. Die 27-Jährige hätte vergangenen Dezember einen Job als Aushilfs-Empfangsdame beim Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers (PWC) antreten sollen. Nachdem sie in flachen Schuhen auftauchte, wies die Job-Vermittlungsfirma sie darauf hin, dass sie Stöckelschuhe tragen müsse, und schickte sie los, sich Schuhe mit einer Absatzhöhe zwischen fünf und zehn Zentimetern kaufen zu gehen. Als Thorp sich weigerte, da man den Männern ja auch keine solchen Vorschriften mache, wurde sie ausgelacht und war ihren Job los.

Das war nicht nur unsensibel, sondern auch ein bisschen dumm. Wer sich mit Frauen, Feminismus und der grundsätzlichen Befindlichkeit der modernen Gesellschaft auskennt, sollte die mediale Sprengkraft dieser Frage durchschauen. Wenn es um den weiblichen Körper und die Frage geht, was und wie viel davon zu sehen sein soll, werden die Reaktionen sehr schnell sehr emotional. Wenn es zudem um Stöckelschuhe, Selbstbestimmung und Sexismus geht, erst recht.

In Cannes geht Julia Roberts barfuss

Das wusste auch Thorp. Sie machte ihre Geschichte öffentlich und startete eine Onlinepetition gegen den Absatzzwang. Innert weniger Wochen unterschrieben mehr als 140'000 Menschen, Medien berichteten weltweit, PWC distanzierte sich von der Vermittlungsfirma, die Firma selber entschuldigte sich und strich die Vorschriften aus dem Katalog.

In Cannes schliesslich schritt Julia Roberts sogar baren Fusses über den roten Teppich, um ihre Einstellung zur Frage zu demonstrieren. Denn auch in Cannes wurden vergangenes Jahr einige Schauspielerinnen aufgrund ihres flachen Schuhwerks vom roten Teppich weggewiesen, weil das dem Dresscode widerspreche. Dem widersprachen wiederum die Schauspielerinnen – mit Erfolg.

In England wird sich nun das britische Parlament mit der Frage befassen müssen, welche Kleidervorschriften für Angestellte legitim sind und wo die Grenze zwischen zulässigen und sexistischen Kleidervorschriften zu ziehen ist.

Feministin sein und Stögis tragen?

Denn ganz so simpel ist der Fall ja nicht. Unternehmen dürfen ihren Angestellten Kleidervorschriften machen, insbesondere, wenn sie Kundenkontakt haben. Niemand kann im Bikini zur Arbeit kommen und es sexistisch finden, wenn der Arbeitgeber interveniert. Das ist auch im Arbeitsrecht so festgehalten. Bekleidungsvorschriften sind möglich, solange sie keine Persönlichkeitsrechte verletzen, sexistisch sind oder ein Gesundheitsrisiko darstellen. Solange Unternehmen auch Männern Absätze aufnötigen, könnten sie damit durchkommen.

Und was ist die Antwort auf die innerfeministische Diskussion? Kann man Feministin sein und Stögis tragen, oder ist das ein Verrat an der Idee? Feminismus bedeutet im Grunde nur so viel, dass Frauen selber über ihren Körper und ihre Geschlechtsteile bestimmen wollen. Man kann auch einen Keuschheitsgürtel tragen und Feministin sein, wenn man das schick findet. Wenigstens gibt es davon keinen Hallux. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.05.2016, 17:23 Uhr

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