Leben
Kleider machen Artisten
Der jüngste Knie will Boxer werden
In der Manege hat es Chris Rui Knie bereits zum Publikumsliebling gebracht, doch dem jüngsten Spross der Knie-Dynastie steht der Sinn derzeit nach anderem: Der Kleine will Boxer werden. So macht es an diesem Tag wenigstens den Anschein. Denn kaum ist er in die Schneiderei gestürmt, wo er sein Kostüm anprobieren soll, prescht er mit seinen kleinen Fäusten auf eine gelb bezogene Schaumstoffmatratze ein. Während der Kostümdesigner Pariser Bruno Fatalot versucht, ihm die Uniformhose und das Jackett überzustreifen, trommelt der Knirps ihm liebevoll, aber unablässig auf den kahlen Kopf. Zwischendurch gibt es auch mal einen Klaps auf den runden Bauch des Schneiders.
Der knapp Sechsjährige lacht und jauchzt mehr, als dass er spricht. Und wenn er spricht, kommen in einem Satz oft gleich mehrere Sprachen zum Zug. Er habe sich noch nicht ganz entschieden, welche Sprache er sprechen wolle, sagt Vater Franco Knie lachend. Chris besucht den Winter durch den Kindergarten in einer internationalen Privatschule in Pfäffikon SZ, wo auch sein fünf Jahre älterer Cousin Ivan in die Schule geht. Dort wird Deutsch und Englisch gesprochen. Im Sommer haben die beiden einen Privatlehrer – und in Fredy Knie sen. eine engagierte Hilfe beim Aufgabenmachen. Laut Mutter Linna Knie-Sun spricht Chris zudem Italienisch und auch ihre Muttersprache Chinesisch. «A kind of Chinese», ergänzt sie lächelnd. Ein solches Sprachengemisch sei in Artistenkreisen üblich, sagt Linna Knie. «Wir sind alle vielsprachig aufgewachsen.»
Kaum hat Bruno Fatalot dem Kleinen das Kostüm ausgezogen, rennt er zu seiner Mutter, gibt ihr schnell einen Kuss und ruft: «Papi, can I now boxen mit diesem gelben Ding?» Und dann macht er sich wieder über die Matratze her. (net)
Artikel zum Thema
- Drei Elefanten, 200 Zirkusleute und immer ein volles Zelt
- Circus Knie startet zur Tournee 2011
- Das Bad der Giganten
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Vor diesem Tag graut es dem Zirkusdirektor. Obwohl Fredy Knie alte Freunde wiedersieht. Doch diese kommen nicht zum Plaudern oder Fachsimpeln aus Paris nach Rapperswil angereist, sondern zur Kostümprobe. Und Kleider probiert er gar nicht gern an. Der vielfach preisgekrönte Kostümdesigner Roberto Rosello ist zusammen mit Bruno Fatalot, dem Geschäftsführer des Pariser Haute-Couture-Ateliers Mine Barral Vergez, nach Rapperswil gekommen, um die Knies für die Manege neu einzukleiden. Für Rosello bedeutet das eine Umstellung vom Glatteis aufs Sägemehl, kreiert er doch unter anderem auch die Kostüme für Holiday on Ice.
Noch hat Fredy Knie eine Gnadenfrist, denn erst ist Franco Knie jun. an der Reihe. Vorsichtig schlüpft der Elefantendompteur in das aus weissem Stoff gefertigte Musterkostüm. Dann zieht Roberto Rosello aus seiner Zeichnungsmappe eine kunstvoll ausgestaltete Tuschzeichnung, die e inen schlanken Mann in braunem, reich verziertem Anzug zeigt. So soll es mal aussehen. Auf Zeichnungspapier vielfach vergrössert zeigt er das Muster, das auch auf das Kopfgeschirr der Elefanten genäht werden soll.
«Ist es nicht zu durchsichtig?»
Franco Knie diskutiert mit dem kleinen Franzosen, der seinen blauen Wollschal auch dann nicht ablegt, als die Luft in dem engen Raum stickig wird. Franco Knie möchte die Absätze seiner Schuhe etwas weniger hoch. Er fürchtet um seine Standfestigkeit im Sägemehl. Rosello widerspricht: Die Absätze brauche es, um die Silhouette zu verlängern.
Unterdessen befühlt Linna Knie-Sun die Spitzen und den Tüll, die sie einhüllen werden. Sie trägt Jeans, ein schwarzes Shirt und weisse Sportsocken und wirkt zurückhaltend, ja fast schüchtern. Als sie Rosellos Zeichnung ihres Kostüms sieht, fragt sie: «Isn’t it too transparent?» Zur Anprobe zieht sie sich in einen abgeschirmten schmalen Gang zurück. Die beiden Designer folgen ihr; die Hände voller Stoffe, um den Hals Massbänder und Federboas, Stecknadeln im Mund.
Kostüme für eine Saison
Die Schneiderei im Winterquartier des Circus Knie ist ein enger mit Kostümen und Uniformen vollgestopfter Raum, in dem ein stetes Kommen und Gehen ist. Im Hintergrund bessert der Hausschneider Mariusz Korzeniowski gerade einen Matratzenüberzug aus, später bügelt er die roten Uniformen der Programmverkäufer auf. Dann beschlagen sich die Fenster, und es riecht nach feuchtem Stoff.
Während die Uniformen immer wieder zum Einsatz kommen, werden die Kostüme der Artisten nur eine Saison lang getragen. Und so füllen sie die Kleiderschränke. Ein eigentlicher Schatz – nicht nur, weil ein solches Einzelstück oft Tausende von Franken gekostet hat, sondern weil mit ihnen für Zirkuskenner viele Erinnerungen verbunden sind. Clown Nocks karierter Kittel, Fredy Knie seniors erster Frack. Ende Januar haben sich die Knies in einer öffentlichen Auktion von einigen Stücken getrennt. Wegen Platzmangels. Schweren Herzens. Die Kleidungsstücke gingen weg wie warme Brötchen.
Verwandlung vor dem Spiegel
Linna Knie hat sich mittlerweile aus dem engen Gang hervorgewagt und steht nun in luftigen weissen Stoff gehüllt vor einem Spiegel. An die hübsche, aber unauffällige Frau von vorhin erinnern nur noch die weissen Sportsocken. Das Spiegelbild zeigt eine wunderschöne, selbstbewusste junge Frau, die den grossen Auftritt gewohnt ist. Auch im Zirkus machen eben Kleider Leute.
Sie zupft und ruckt am Kleid. Hier ist es nicht so bequem, dort wirft es unnötige Falten. Die beiden Designer tänzeln um sie herum, stecken den Stoff mit ein paar Nadeln ab, vermerken mit der Schneiderkreide eine Naht. Die Ansprüche an Zirkuskostüme sind gross – und widersprüchlich: Bequem, elastisch, robust müssen sie sein – und gleichzeitig luftig und elegant. Plakativ, doch nicht kitschig.
Der Schneider als Dompteur
Die Tür knallt auf, ein kalter Wind fährt in das weisse Gewand der Frau vor dem Spiegel, ein kleiner Bub stürmt herein. «Mon dieu, tu as monstreusement grandi», ruft Bruno Fatalot. Chris Rui Knie, der bald 6-jährige Sohn von Franco und Linna Knie, ist zur Kostümprobe eingetroffen. Bruno stellt den Kleinen vor sich auf den Tisch. Was dann geschieht, lässt erahnen, dass ein Schneider zuweilen auch ein Dompteur sein muss, um seine Kunden zu bändigen. Er zeigt dabei einiges Geschick: Schnell zieht er dem zappelnden Knirps das kleine Jackett über, geduldig lässt er sich dessen Kapriolen gefallen, auch wenn ein Blick auf die Uhr zeigt, dass es schon fast vier Uhr ist. Und der Chauffeur bereits in der Tür wartet.
Er wird die beiden zur Privataudienz bei der Grande Dame de Cirque, Marie-José Knie, bringen. Sie hat die Designer bereits vor einem halben Jahr in Paris besucht, um mit ihnen die neuen Kostüme der Knies und anderer Artisten zu besprechen. Ihr Kleid will sie bei sich zu Hause anprobieren. Und dort muss wohl oder übel auch der Zirkusdirektor dranglauben.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.02.2012, 12:34 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
Leben
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!

Bitte warten





