«Kleine Politiker plustern sich auf»

Der Psychotherapeut Theodor Itten sagt, dass auffällig viele Männer wie Christoph Blocher geringe Körpergrösse durch Selbstüberhöhung kompensierten.

«Es geht darum, zu begreifen, in welcher Liga man spielt», sagt Theodor Itten. Foto: Adrian Moser

«Es geht darum, zu begreifen, in welcher Liga man spielt», sagt Theodor Itten. Foto: Adrian Moser

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Wie gross sind Sie?
1,82 Meter.

Zum Glück sind Sie nicht Politiker. Sie nennen Beispiele von Politikern mit Grössenwahn, die zwischen 1,50 und 1,74 Meter gross sind. Die Körpergrösse als Kriterium – ist das Ihr Ernst?
Sie ist ein Kriterium, das auffällt. Ich stütze mich dabei auf eine Studie. Sie zeigt auf, wie Kleinwuchs, der oft einen Minderwertigkeitskomplex zur Folge hat, mit Grössenwahn kompensiert wird. Es ist in der Tat so, dass manch ein kleiner Politiker sich mit Gesten aufplustern muss, wenn Sie etwa an Ex-Bundesrat Christoph Blocher denken. Politiker von einer gewissen Körpergrösse wie US-Präsident Barack Obama, US-Aussenminister John Kerry oder der russische Aussenminister Sergei Lawrow haben eine gelassenere Gestik.

Diese Studie hat Sie überzeugt?
Ja, weil Erfahrungswerte gestützt werden. Viele Politiker, die klein sind, rutschen in den Grössenwahn hinein. Laut dieser Studie zum sogenannten Napoleon-Komplex ist der Grössenwahn ein kompensatorisches Muster, das starke politische Auswirkungen hat. Das hat etwas mit Benachteiligungen zu tun, die in der Kindheit erlebt werden.

Ist das nicht Trivialpsychologie?
Vielleicht. Ich präsentiere aber keine Psychologie, wonach jeder kleine Mensch Grössenwahn ent­wickelt. Man muss immer auch den Kontext berücksichtigen, in dem jemand aufwächst, und wie er später in die Politik gelangt. Es gibt Beispiele von gross gewachsenen Politikern, die zu Überheblichkeit neigen, wenn Sie etwa an FDP-Alt-Bundesrat Pascal Couchepin denken.

Wie gross ist denn Christoph Blocher?
Ich vermute, um die 1,65 Meter.

Da passt er ja in Ihr Schema. Warum ­beschreiben Sie ihn im Buch, nennen aber nicht seinen Namen?
Blocher nimmt für mich zu viel Raum in den Medien ein. Er ist ein gutes Beispiel für erfolgreiches Grössenwahngehabe. Als jüngstes von sieben Kindern wurde er der Prominente der Familie.

Blochers politischer Erbe, Roger Köppel, kommt in Ihrem Buch nicht vor. Hat er keinen Grössenwahn?
Doch, natürlich. Ich erlebe ihn als Tausendsassa mit wachsenden Tendenzen zur Selbstüberhebung.

Er ist aber wohl grösser als 1,74 Meter.
Das weiss ich nicht. Er ist ein hochbegabter und verlockend gefährlicher Demagoge. In unserem nördlichen Nachbarland würde er gut zur AfD passen. Köppel inszeniert sich wunderbar als Angehöriger einer intellektuellen Minderheit und damit als Opfer. Aus dieser Situation heraus kann er sich wieder als subtiler Täter hervortun.

Das sind jetzt etwas viele Beispiele für rechtskonservative Politiker. Immerhin haben Sie im Buch auch SP-Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger erwähnt.
Grössenwahn ist ein grossbürgerlicher Habitus bei Politikern, der unabhängig von der politischen Couleur auftritt. Leuenberger hat im Juli 2015 gesagt, er sei dem Verwaltungsrat des Bauriesen Implenia nur beigetreten, um sich an seiner Partei zu rächen. Warum musste er dies der Öffentlichkeit überhaupt mitteilen? Leuenberger ist für mich ein Beispiel für eine gekränkte Seele, die es nicht verwinden konnte, mit dem Rücktritt aus dem Bundesrat in die Anonymität abzusinken.

Was gibt es denn sonst noch für Kriterien für Grössenwahn? Wir sprachen von der Körpergrösse und der Zugehörigkeit zur Oberschicht.
Oft steht eine narzisstische Kränkungsgeschichte dahinter. Wenn jemand in seiner Jugend von seinen Eltern dauernd hören muss: «Du kannst nichts, und aus dir wird eh nichts», ist das eine starke Kränkung des Selbstwerts. Dies kann eine Gegenreaktion auslösen, die in einer Überschätzung des eigenen Ichs endet. Die narzisstischen Eigenschaften zeigen sich in Kritikunfähigkeit, mangelndem Mitgefühl, Gefühlskälte anderen gegenüber und Überempfindlichkeit.

Köppels Vater starb aber früh. Er passt nicht in dieses Erklärungsschema.
Ich weiss nicht, wie Köppel sozialisiert wurde. Aber er kann brillant schreiben und täuscht diesbezüglich nichts vor. In diesem Sinne hat er keinen Grössenwahn. Seine Art erinnert an Apple-Gründer Steve Jobs, der als grössenwahnsinniger Solist beschrieben wurde. Köppel liefert pfannenfertige Argumentationen für die Generation zwischen 35 und 45 und zeigt darin ein starkes Sendungsbewusstsein.

Um noch eine Frau zu erwähnen: Von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel sind Sie enttäuscht, weil sie entgegen Ihrer ersten Einschätzung doch Grössenwahn hat.
Frau Merkel hat gesagt: «Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.» So etwas kann sie als Privatperson sagen, aber nicht als Bundeskanzlerin. In dieser Aussage ist indirekt die Aufforderung enthalten, ihre Flüchtlingspolitik nicht ­kritisch infrage zu stellen.

Man könnte auch sagen, sie knüpfe an die grosse humanistische Tradition Deutschlands an und nicht an die Jahre nach 1933.
Ja, klar. Nur wurde ihr in diesem Moment zu Recht vorgeworfen, sie wolle die Debatte abwürgen und wisse als Einzige, wo es langgeht.

Fassen wir zusammen: Grössenwahn ist ein Phänomen, das vor allem bei Politikern und in der Oberschicht vorkommt. Der Begriff wird aber derart inflationär gebraucht, dass der Vorwurf beliebig wirkt.
In der Tat wird der Begriff oft verwendet. Daher habe ich ja auch versucht, Grössenwahn in den verschiedensten Bereichen aufzuzeigen.

Dann gilt aber auch: ohne Grössenwahn keine Leistung und keine Entwicklung.
Unbedingt. Jede Bewegung, welche die Welt verändern will, wurzelt im Sich-stark-Wähnen. Das ist gut so. Die Frage ist aber: Wo fängt der Wahn an, wo wird es krankhaft? Viele aus meiner Generation haben die chinesische Kulturrevolution vor fünfzig Jahren als eine gute Sache empfunden. Wir haben damals nicht realisiert, was für Zerstörungen dabei angerichtet und wie viele Millionen Menschen ermordet wurden. Es hat eine Weile gedauert, bis wir den wahren Charakter der chinesischen Kulturrevolution erkannt haben, die ihre Versprechungen auf eine bessere Welt nicht einhalten konnte.

Ist Grössenwahn ein Männerphänomen? Ausser Angela Merkel kommt fast keine Frau vor in Ihrem Buch.
Einige von mir angeschriebene Frauen wie zum Beispiel die Feministin Alice Schwarzer oder die deutsche Grünen-Politikerin Claudia Roth wollten nicht mit mir sprechen. Aber es ist schon so: Grössenwahn bei Frauen ist sehr selten. Frauen haben oft einen anderen Bezug zur Realität.

Warum?
Das hat mit der Sozialisation und einer anderen biologischen Lebenserfahrung und seelischen ­Konditionierung zu tun.

Eine Ursache des Grössenwahns sind narzisstische Kränkungen in der Kindheit. Werden Buben häufiger von den Eltern «fertiggemacht» als Mädchen?
Sie werden häufiger fertiggemacht, aber auch häufiger in den Himmel gelobt, also hochgelogen. Es kann zu Überschätzung und Grössenwahn führen, wenn ein Bub dauernd zu hören kriegt, er zeichne wie Picasso.

Warum werden denn Buben eher abgewertet oder überbewertet als Mädchen?
Es ist immer noch so, dass Mädchen sich besser in die Gesellschaft einfügen können als Buben. Mädchen fallen daher weniger negativ auf. Knaben leben eine seelische Not und Verzweiflung eher mit äusserer Aggression aus.

Manche sagen, unser Schulsystem belohne brave Mädchen und bewirke, dass Buben auffällig würden.
Das mag stimmen. Buben müssen sich in der Pause anders austoben, um sich danach wieder konzentrieren zu können.

Wir haben gelernt, unsere Kinder zu loben und sie positiv zu stärken. Nun zitieren Sie eine Studie, wonach Narzissmus weniger eine Folge von Mangel an Wärme, sondern von elterlicher Überbewertung sei.
Ich teile diesen Befund nicht unbedingt. Die heutigen Eltern geben sich meist Mühe, ihre Kinder adäquat zu spiegeln und sie nicht hoch- oder runterzulügen. Die Überbewertung von Kindern ist oft eine Folge davon, dass die Eltern kaum mehr Zeit für sich und ihre Kinder haben.

Sie geben eine andere Studie aus dem Jahr 2011 wieder, wonach Jugendliche ihre Zukunft eher optimistisch, diejenige der Gesellschaft aber eher pessimistisch sehen. Jugendliche sähen vor allem ihren eigenen Vorteil. Ist das eine Folge von Überbewertung im Kindesalter?
Die Individualisierung ist strategisch gewollt: Damit die Kunden mehr konsumieren, treibt die Wirtschaft die Individualisierung voran, indem sie bereits Zehn- oder Elfjährige gezielt bewirbt. So wurde jüngst berichtet, dass sich immer mehr Eltern beim Einkaufen von ihren Kindern beeinflussen lassen, weil diese mit Panini-Bildern oder anderen Gadgets liebäugeln, die je nach Einkaufssumme an der Kasse abgegeben werden.

Das wäre vor ein paar Jahrzehnten noch undenkbar gewesen?
Jawohl, weil sich die damaligen Eltern klarer abgegrenzt hatten. Sie bestimmten, was eingekauft wird. Wenn das Kind artig war, gab es allenfalls noch ein Schoggistängeli oder eine Glace.

Wie schlimm steht es denn heute um unsere Jugend?
Meine ursprüngliche Annahme, dass viele Jugendliche dem «Internetgrössenwahn» erlegen seien, hat sich nicht bestätigt. So sagte mir zum Beispiel der Lehrlingsverantwortliche einer grösseren Firma, dass die Intensität des privaten Internetkonsums in den ersten Lehrjahren kaum mehr ein störendes Ausmass habe. Im Alter zwischen 20 und 30 ist die Solidarität in der Peergroup grösser als bei Teenagern.

Also alles halb so schlimm?
Ja. Aber in einer bestimmten Lebensphase gibt es durchaus eine Gefährdung durchs Internet.

Sie schreiben, der jugendliche Drang zur Selbstbestätigung könne im Internet in einen Zwang zur Selbstoptimierung pervertieren.
Das gab es früher auch, nur anders. Wir hängten Posters von den Rolling Stones im Zimmer auf und dachten, wir seien Mick Jagger. Wer hat einst nicht gemalt oder zumindest doch gedichtet und gemeint, er sei ein neuer Rilke, wie das bei mir der Fall war. Aber durch das Internet sind die Verlockungen heute grösser als früher. Wichtig ist, dass junge Menschen vom Schein wieder ins Sein zurückfinden.

Sie sagen, Grössenwahn sei lernbar. Ist das Gegenteil auch lernbar?
Klar. Es geht darum, seine Fähigkeiten in einer Form auszuleben, die ausbalanciert und erfüllend ist. Es geht darum, zu begreifen, in welcher Liga man spielt.

In welcher Liga spielen denn Sie mit Ihrem Buch?
Als Schreiber bin ich ein Amateur und spiele in der Regionalliga. Als Psychotherapeut und Sozialwissenschafter spiele ich in der Challenge League.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.06.2016, 22:44 Uhr

Theodor Itten

Psychotherapeut

Der 64-Jährige ist Autor des Buches «Grössenwahn. Ursachen und Folgen der Selbstüberschätzung.» (Orell Füssli). Der gebürtige Langenthaler, mit eigener Praxis in St. Gallen, war von 2008 bis 2011 Präsident des Schweizer Psychotherapeuten-Verbandes.

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