Leben
Larry Flynt: «Bei Pornografie geht es auch um Redefreiheit»
Von Alain Zucker. Aktualisiert am 16.03.2009 11 Kommentare
Mr. Flynt, Sie haben die US-Regierung um fünf Milliarden Dollar für die Pornoindustrie gebeten, als Rettungsmassnahme in der Finanzkrise. War das ein Witz?
Es war dumm, der Wallstreet und der Autoindustrie zu helfen, mit Steuergeldern dieses degenerierte System zu retten. Darauf wollte ich aufmerksam machen.
Weshalb?
Was Wallstreet den Amerikanern angetan hat, ist eine Schande. Wenn ich Obama wäre, würde ich unbedingt versuchen, die Boni zurückzubekommen. Zum einen haben wir den kleinen Mann, der in Kansas City Mühe hat, sein Haus zu behalten, zum andern kassiert einer an der Wallstreet 100 Millionen, obwohl seine Firma die letzten zwei Jahre Geld verloren hat. Die Amerikaner sind manchmal dumm, aber sie merken, wann sie den Kürzeren ziehen.
Wollen Sie jetzt ein Rettungspaket für die Pornoindustrie oder nicht?
Ich würde das Geld schon nehmen. Die Regierung muss doch die Produkte stützen, die in unserem Land noch für Freiheit stehen.
Kaufen die Leute in der Krise weniger Pornografie?
Es gibt Indizien, dass die Leute weniger Sex haben und sich das Geschäft verlangsamt. Wer sich Sorgen über ein neues Auto oder den Kauf von Lebensmitteln macht, ist nicht besonders scharf auf Sex.
Ändert sich die Art der Pornografie in der Krise?
Nein, extrem wichtig ist die Schönheit der Frau und die Qualität des Bildes. Daran sind die Connaisseurs interessiert.
Weshalb brauchen wir Pornografie?
Prostitution ist das älteste Gewerbe der Welt, die Pornografie ist die älteste Kunstform der Welt. In der Antike waren schon viele Leute besessen von Pornografie. Sie gehört zur menschlichen Natur. Wir werden immer einen unstillbaren Appetit darauf haben.
Viele Frauen fragen: Was kompensiert ein Mann, der regelmässig Pornohefte kauft?
Es gibt zwei Gruppen von Kritikern: Die einen wissen nicht, wovon sie reden; die andern wissen nicht, was sie verpassen.
Worum geht es bei der Pornografie?
Teil von etwas zu sein, das einem Mann Genuss verschafft. Kennen Sie etwa jemanden, der lieber ein schönes Auto anguckt als den Körper einer schönen Frau? Gleichzeitig gilt: Je stärker Leute der Pornografie ausgesetzt sind, desto weniger populär ist sie. Es findet eine Abstumpfung statt. Man schaut sich eine Pornoheft beim 15. Mal nicht mehr gleich an wie beim ersten Mal. Einige sagen, Pornografie habe deshalb sogar das Sexleben der Frauen verbessert.
Wie bitte?
Das grösste Problem der Männer ist, dass sie zu früh ejakulieren. Vierzig Prozent haben das Problem. Wer Pornografie eine Weile lang konsumiert, scheint nicht mehr so übererregt.
Die Allgegenwart von Pornografie ist doch vielmehr deprimierend für die Männer. Mit diesen Körpern und dieser Ausdauer kann keiner mithalten. Am Schluss haben sie, wie der französische Schriftsteller Michel Houellebecq meinte, gar keine Lust mehr auf richtigen Sex.
Ja, bei all den Filmen hat man das Gefühl, man müsse einen grossartigen Körper mit einem 25-Zentimeter-Penis haben. Wir alle wissen, dass das nicht stimmt.
Leidet das moderne Sexleben darunter?
Nein, schauen Sie sich um: Die Leute haben Sex. Doch für richtigen Sex muss man was tun. In der Regel bekommt man zurück, was man selber hineingibt.
Sehen Sie sexuelle Unterschiede zwischen Europäern und Amerikanern?
Ich beneide die Europäer darum, dass sie viel entspannter sind. Viele Amerikaner sind sehr verkrampft.
Erklären Sie die amerikanische Faszination für den Blowjob.
Viele Männer sind besessen davon, ihre Frauen nicht zu betrügen. Und sie gehen wirklich davon aus, dass sie das bei einem Blowjob nicht tun.
Auf welche Art von Pornografie standen die Banker, die die Krise mitverursacht haben? Gibt es Vorlieben nach Berufsgattung?
Meine Erfahrung ist: Je besser ausgebildet einer ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass er auf Bondage steht, also Fesselspiele.
Wieso?
Es geht um Macht. Es gab diesen Kongressabgeordneten, der ein Bondage-Freak war. Er wollte, dass ihn ein Girl an einer Hundeleine herumführte, ihn trat und dazu brachte, das Bein zu heben und zu pinkeln. Man muss schon krank sein, um so etwas zu machen. Andere stehen auf sehr Junge.
Was mögen Arbeiter?
Die stehen auf normalen «Vanille-Sex». Das ist das gewöhnliche Rein und Raus. Sie arbeiten den ganzen Tag und haben wenig Gelegenheit, sich Ungewöhnlicheres auszudenken.
Sie bieten immer wieder mal eine Million Dollar für Geschichten über das Sexleben von Politikern. Was haben Sie herausgefunden?
Ich habe bisher sicher ein Dutzend geoutet.
Die meisten sind konservativ.
Bei den Republikanern hat es sehr viele, die sehr konservativ erzogen wurden. Alle Fantasien, die Sexualität, die eventuell nicht ganz im Mainstream liegt, werden weggesperrt.
Liegt es auch an ihrer Machtposition, dass Politiker sich nicht beherrschen können und so häufig in Sexskandale verwickelt sind?
Henry Kissinger sagte einmal: Macht ist das beste Aphrodisiakum. Ich stimme ihm zu. Wieso aber geht ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann zu einer Prostituierten, legt sich auf den Boden, damit sie ihn anpinkeln kann? Mein eigener sexueller Appetit ist eher prosaisch. Aber ich sage, und damit werde ich wahrscheinlich ins Grab gehen: Je höher einer ist, je reicher, desto wahrscheinlicher ist, dass er ein bizarres Sexleben hat.
Der neue Präsident hingegen scheint ein treuer Ehemann zu sein. Erzählen Sie uns von seinen Affären?
Wir verfolgten am Anfang der Wahlkampagne Gerüchte, dass er und Michelle in Chicago in einem Partnertausch-Klub waren. Aber es war eben nur ein Gerücht.
War irgendein US-Präsident seiner First Lady je treu?
Der einzige, von dem ich sicher bin, ist Jimmy Carter.
Gratisangebote auf dem Internet bedrohen das Pornogeschäft. Wie werden Sie in Zukunft Geld verdienen?
Wir verkaufen inzwischen auch Sexspielzeuge und Filme direkt übers Internet und bieten auf den Webseiten Live-Chats mit Prostituierten an. Wir profitieren also auch vom Internet. Ausserdem habe ich einen soliden Stamm zahlender Mitglieder. Am Ende glaube ich aber, wir sollten in den USA ein Gesetz haben, das es den Nutzern nur erlaubt, mit einer Kreditkarte auf Pornoseiten zu kommen. Dann gibt es keine Gratisseiten mehr. Ausserdem würden wir das grosse Problem lösen, dass sich Kinder diese Seiten anschauen.
Treibt Sie der Gratisporno auf dem Internet nicht dazu, immer extremer zu werden?
Alle etablierten Player halten sich an den klassischen Porno. Aber einige der Neuen machen Filme, die Frauen erniedrigen. Es hat nichts mit Pornografie zu tun, wenn in einem Film einer Frau der Kopf in die Toilette gedrückt wird. Wirklich abscheulich.
Wo liegt bei Ihnen die Grenze?
Kein Sex mit Toten, keine Pädophilie, keine Fesselspiele.
Mit Ihren Provokationen haben Sie doch stets versucht, die Grenzen des guten Geschmacks zu überschreiten.
Ich bin konservativer geworden. Als ich kürzlich an der Universität in Oxford vor Studenten redete, sprach mich eine Studentin auf eine alte Geschichte an: In Bedford, das zu New Hampshire gehört, wurde mal ein junge Frau auf einem Billardtisch von einer Gruppe Männer vergewaltigt. Wir entwarfen danach eine Postkarte mit einer Frau auf einem Billardtisch und den Worten: «Willkommen in Bedford, der Vergewaltigungshauptstadt der Welt.» Es war schlechter Geschmack, ein Fehler.
Erklären Sie uns, wieso Pornografie nicht frauenfeindlich sein soll?
Tausende von Modellen haben für mich gearbeitet, und keine hat sich darüber beklagt, dass sie erniedrigt wurde.
Sie haben die Pornografie immer so ernsthaft verteidigt, wie wenn sie ein Menschenrecht wäre. Sie wurden deswegen angeschossen. Worum geht es Ihnen eigentlich?
Ich entschied im März 1978, nach dem Anschlag, dass ich mich für den Rest des Lebens dem noblen Ziel der Freiheit der Pornografie widmen würde. Es geht dabei schliesslich auch um die Redefreiheit.
Sie kämpfen mit der Pornografie für Redefreiheit?
Sie können in einer Umfrage die Leute fragen, ob sie für Redefreiheit sind, und fast alle stimmen zu. Aber wenn Sie fragen: Wie ist es mit Pornografie? Wie ist es mit dem Verbrennen der amerikanischen Flagge? Wie ist es mit rassistischen Reden? Oh, sagen dann die Leute, ich wusste nicht, dass du das gemeint hast. Die freie Rede ist sehr fragil.
Schon mehrmals hat die Pornoindustrie versucht, auch die Frauen als Kundinnen zu gewinnen. Wieso bisher mit wenig Erfolg?
Weil die Frauen mehr durch Lesen als durch Zusehen erregt werden. Es gibt in den USA einen Verlag, der nur einschlägige Romane für Frauen publiziert.
Man hört, Ihre Tochter Theresa könnte dereinst die Geschäfte übernehmen. Eine Frau, die einen Pornokonzern leitet?
Ich habe sie alleine aufgezogen, sie lässt sich nicht so schnell unterkriegen.
Wie sind Sie überhaupt zum Pornogeschäft gekommen?
Bevor ich eingestiegen bin, habe ich selber keine Pornomagazine gelesen. Begonnen hat alles mit einem kleinen Nachtklub, den ich eröffnete. Dazu habe ich dann einen Newsletter veröffentlicht, aus dem das Magazin entstanden ist. Nie träumte ich von dem Riesengeschäft, das wir heute betreiben.
Seit dreissig Jahren schauen Sie sich täglich nackte Frauen an. Macht Sie das noch heiss?
Nein, ich schätze zwar neue Fotografen und neue Girls. Aber ich verspüre keinen unkontrollierbaren Drang mehr, mich zu erleichtern.
Sie könnten heute in der Karibik sonnenbaden, sich aus allem zurückziehen. Wieso arbeiten Sie noch?
Was soll ich den ganzen Tag tun? Ich kann in mein Lieblingsrestaurant in den Hollywood Hills gehen, gut frühstücken, dann ziehe ich mich in mein Haus zurück, und dann? Ich esse zu Mittag, schaue fern.
Ihnen wäre langweilig?
Wenn ich beschäftigt bin, geht die Zeit schnell vorbei. Und ich verdiene gerne Geld. Es ist ein Massstab für den Erfolg.
Mit wie vielen Frauen haben Sie geschlafen?
Als der Ex-Basketballspieler Wilt Chamberlain sagte, er habe mit 5000 geschlafen, dachte ich, das kann nicht sein. Ich komme nur auf über 3000 Frauen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.03.2009, 13:12 Uhr
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Moment mal. Larry wettert gegen die Dekadenz und die Raubrittermentalität von Wallstreet und Detroit, hätte aber selbst kein Problem damit 5 Milliarden Steuergelder zu kassieren? Merkt der Mann eingentlich nicht, welchen Stuss er da rauslässt? Antworten





































































































































