Leben
Mann, du hast die Krise!
Interview: Nina Merli. Aktualisiert am 14.09.2011 48 Kommentare
Erforscht die Geschlechter: Prof. Andrea Maihofer, Geschlechterforscherin und Leiterin des Zentrum Gender Studies an der Universität Basel. Am 15. September feiert das Zentrum sein 10-jähriges Bestehen. Ziel war, die Geschlechterforschung als eigenständiges Fach an der Universität Basel zu verankern.
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Wo Männer ihre Männlichkeit wieder finden
Der Deutsche Coach und Autor («Männlichkeit leben») Bjørn Leimbach hat sich auf Männerseminare spezialisiert. Mit seinem auf seiner Homepage angepriesenen Herzenskrieger-Persönlichkeitscoaching will Leimbach die «maskuline Seite jedes Mannes stärken», «den Testosteron-Wert erhöhen» und ihnen «den Weg zu Erfolg mit Frauen (erfüllte Sexualität und stressfreie Beziehungen) zeigen». Doch was so verlockend tönt, muss sich Mann hart erarbeiten, ganz nach den Motto «ohne Fleiss, kein Preis»: Denn nicht jeder kann an einem Herzenskrieger-Seminar teilnehmen, sondern nur wer sich dafür qualifiziert. «Es handelt sich um straff und professionell organisierte Programme, die Männer an körperliche, emotionale und mentale Grenzerfahrungen heranführen», heisst es auf der Internetseite. «Die Initiationen in bestimmte Aspekte von Männlichkeit beinhalten die reale Möglichkeit des Scheiterns; das Training ist deshalb für viele Männer nicht geeignet». Nur wer hohe Motivation, Durchhaltevermögen, körperliche Fitness und psychische Stabilität biete, könne laut Leimbacher ein richtiger «Herzenskrieger» werden.
«What can you do when you have to be a man», fragt James Dean seinen Filmvater in «Rebel Without a Cause» und löste damit Mitte der 50er-Jahre die erste Diskussion um die Männlichkeits-Krise aus.
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Männerseminare oder Bücher, die sich mit der angeblich verloren gegangenen Männlichkeit («Krise der Kerle», «Die Helden der Familie», «Was vom Manne übrigblieb – Krise und Zukunft des starken Geschlechts») befassen, boomen. Und auch die Genderforschung befasst sich seit Jahren umfassend mit dem Thema Männlichkeit. baz.ch/Newsnet hat mit Andrea Maihofer, der Leiterin des Zentrum Gender Studies, das am 15. September sein 10-jähriges Bestehen feiert, über die Veränderung der Geschlechterverhältnisse gesprochen.
Sie halten einen Vortrag mit dem Titel «Geschlechterverhältnisse im Umbruch – Männlichkeit in der Krise?» Sind die Männer denn überhaupt in Not?
Wenn wir den Medien glauben dürfen, dann steckt die Männlichkeit in einer tiefen Krise. Geradezu explosionsartig sind in den letzten Jahren Artikel erschienen, in denen konstatiert wird, dass Männlichkeit beziehungsweise «der» Mann problematisch geworden ist. Viele als typisch männlich geltenden Verhaltensweisen werden infrage gestellt und als nicht mehr zeitgemäss oder gar als gefährlich für die Menschheit bezeichnet. Diese Artikel sind interessanterweise fast alle von Männern geschrieben und in sich meist recht ambivalent. Einerseits wird diese Entwicklung als dramatisch dargestellt, andererseits werden die darin für Männer liegenden emanzipatorischen Möglichkeiten betont.
Und wie sehen Sie das selbst?
Ich bin der Meinung, dass Männlichkeit in den westlichen Gesellschaften in der Tat in Bewegung und in diesem Sinne in eine Krise geraten ist. Der Begriff Krise meint ja, etwas befindet sich an einem Wendepunkt, dessen Richtung jedoch noch unklar ist. So ist auch derzeit nicht ausgemacht, in welche Richtung diese Entwicklung gehen wird. Unübersehbar ist aber, dass derzeit in der Gesellschaft sehr breit über alte und neue Vorstellungen und Praxen von Männlichkeit diskutiert und verhandelt wird. Dass dies allerdings oft als Krise dramatisiert wird, verweist auf die in der Männer- und Geschlechterforschung immer wieder betonte grundlegende psychische Fragilität von Männlichkeit. Es scheint, wenn bestimmte Elemente von Männlichkeit problematisiert werden, steht für viele gleich die Männlichkeit als solche auf dem Spiel. Letztlich geht es aber aktuell um neue Formen von Männlichkeit und um eine grössere Bandbreite männlicher Existenzweisen.
Wo liegen die Ursachen für diese Krise?
Neben der Frauenbewegung ist sicherlich die wachsende Kritik vieler Männer am traditionellen Bild von Männlichkeit ein zunehmend wichtiger Faktor. Diese Kritik kommt ja gleichsam von innen und zeigt alternative Möglichkeiten von Männlichkeit auf: Neue Formen von Väterlichkeit, von Erwerbstätigkeit oder von einem anderen Gesundheits- und Körperbewusstsein von Männern. Ausserdem findet eine zunehmende Normalisierung homo- und bisexueller Männlichkeiten statt. Auch ist die zur herkömmlichen Männlichkeit gehörende Überzeugung von der grundlegenden männlichen Überlegenheit in vielerlei Hinsicht brüchig geworden. Des Weiteren ist durch die gestiegene Erwerbstätigkeit von Frauen die Position des Alleinernährers der Familie ins Wanken geraten. Und nicht zuletzt werden in der Arbeitswelt vermehrt Kompetenzen von Männern gefordert, die nicht dem herkömmlichen Männerbild entsprechen, wie soziale Kompetenzen, Teamfähigkeit oder neue Führungsstile.
Was sind die Konsequenzen dieser Veränderung? Bringt sie die gängigen Geschlechterverhältnisse durcheinander?
Aktuell lässt dies eine komplexe Gleichzeitigkeit von Wandel und Persistenzen in den Geschlechterverhältnissen entstehen. Wohin das aber letztlich führen wird, zu einer grundlegenden Veränderung oder zu einer Neuformierung der traditionellen Geschlechterverhältnisse, lässt sich jetzt noch nicht ausmachen. Allemal werden in den nächsten Jahren die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen darum vermutlich eher zunehmen, und zwar insbesondere zwischen Männern. Denn es gibt ja immer mehr Männer, die diese neuen Entwicklungen positiv besetzen und diese als Chance verstehen.
Was bedeutet das für die Frauen?
Zum einen müssen sie verstärkt mit Gegenreaktionen rechnen. So finden sich ja auch vermehrt Stimmen, die ihnen an «all dem» die Schuld geben, oder Aufforderungen, sich auf ihre eigentlichen weiblichen Aufgaben zu besinnen. Zum anderen aber werden sich immer mehr Männer finden, die diese neuen Möglichkeiten ausschöpfen werden.
An welche Möglichkeiten denken Sie?
Nun, zum Beispiel neue Formen von Väterlichkeit und Elternschaft zu leben, Elternzeit zu nehmen – wenn es sie in der Schweiz dann mal gibt – andere, nicht männertypische Berufe ergreifen, die ihnen möglicherweise mehr liegen und vieles in diesem Sinne mehr.
Dann kann man diesen Wandel als eine positive Entwicklung sehen?
Zunächst, vermute ich, werden die gesellschaftlichen und individuellen Auseinandersetzungen über die Geschlechterverhältnisse, über Frauen- und Männerleben eher zunehmen. Das macht auch die ganz aktuelle Brisanz der Geschlechterforschung aus. Alles, was hier verhandelt, um was gesellschaftlich und individuell gestritten und gerungen wird, ist ja Thema der Geschlechterforschung. Zugleich aber wird es zu einer Pluralisierung der Lebensformen von Männern und Frauen führen.
Definieren junge Männer Männlichkeit anders als früher?
Natürlich ist für die meisten jungen Männer «Ernährer der Familie» und berufstätig zu sein noch immer zentral. Aber für immer mehr ist Mode, die Beschäftigung mit dem eigenen Körper oder auch Schminken keine reine Frauensache mehr. Auch das Sprechen über die eigenen Gefühle, Ängste und Wünsche ist es nicht mehr. Väterlichkeit, Hausarbeit, Teilzeit, all dies wird immer mehr in die Vorstellung von Männlichkeit integriert. Für viele Frauen, aber auch Männer ist selbstverständlich, was noch vor 20 Jahren absolut undenkbar war, dass Frauen eine gute Ausbildung haben und auch mit Familie berufstätig sein wollen und dass umgekehrt zunehmend mehr Männer in der Familie präsenter sein wollen. Wie schwierig das unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen ist, werden sie dann merken, wenn sie in diese Lebensphase kommen. Ich bin sicher, dann werden die Forderungen nach den dafür nötigen institutionellen und beruflichen Rahmenbedingungen auch in der Schweiz nochmals deutlicher werden.
Wie kommt dieser «neue Mann» bei den Frauen an?
Für viele Frauen ist inzwischen klar, dass sie sich nicht vorstellen können, mit einem Mann zusammenzuleben, der ihnen nicht zugesteht, erwerbstätig zu sein oder berufliche Karriere zu machen. Auch erwarten sie, eine gleichberechtigte Arbeitsteilung im alltäglichen Zusammenleben bezogen auf Hausarbeit und Kinderbetreuung, wie auch immer das dann konkret aussieht. Da hat sich also ganz entschieden was geändert.
Ihre Prognose für die Geschlechterverhältnisse in 20 Jahren?
Ich vermute, die Vervielfältigung geschlechtlicher und sexueller Existenzweisen wird zunehmen und damit werden sich auch die Möglichkeiten, wie Frauen und Männer leben werden, vergrössern. Auch werden die Verhältnisse gleichberechtigter sein, privat, beruflich und allgemein.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 14.09.2011, 13:53 Uhr
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48 Kommentare
Erst wenn die Frauen begriffen haben, dass wir Männer keine finanzielle Lebensversicherung bei Heirat und Scheidung sind, haben die Frauen die letzte Etappe der Gleichbereichtigung bewältigt. Diese Ungleichheit ist der einzige Grund für eine drohende Krise im Männerdasein. Ich befürchte daher, dass der letzte Satz im Interview ein Wunschtraum bleiben wird... Antworten
Man darf auch nicht vergessen, dass dank den Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen bereits Jungen durch Ritalinkuren der Männlichkeit beraubt werden, da man sie auf das Ruheniveau von Mädchen herunterzüchtigt. Genau da fängt der Fehler an, der dazu führt, dass viele junge Männer eine lebenslange Identifikationskrise mit der Männlichkeit haben. Antworten
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