Leben
«Medienhäuser sägen mit der schlechten Bezahlung an dem Ast, auf dem sie sitzen»
Interview: Chantal Hebeisen. Aktualisiert am 06.09.2012 13 Kommentare
Vinzenz Wyss ist Professor für Journalistik an der ZHAW und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt in der Erforschung journalistischer Qualität, dem Qualitätsmanagement und der Medienethik. (Bild: PD)
Der Fall Aargau
Gestern machte die «Aargauer Zeitung» publik, dass die drei Lokalzeitungen «General-Anzeiger», «Rundschau Nord» und «Rundschau Süd» Politkandidaten schriftlich ein Angebot für ein Porträt auf Sonderseiten zur Grossratswahl unterbreiteten. Als Gegenleistung sollen Inserate in der Höhe von 550 Franken geschaltet werden oder der Betrag in bar an den Verlag überwiesen werden.
Der Aargauer Juso-Präsident Florian Vock reichte daraufhin beim Presserat gegen den Verlag Effingerhof AG eine Beschwerde ein.
Der Fall Uri
Zwei Urner Journalisten haben sowohl für die beiden ansässigen Lokalzeitungen «Neue Urner Zeitung» und das «Urner Wochenblatt» über Samih Sawiris' Milliardenprojekt in Andermatt als auch für Sawiris' PR-Publikation «Andermatt Swiss Alps News» verschiedene Texte geschrieben. Einer der beiden Redaktoren ist zudem stellvertretender Redaktionsleiter bei der «Neuen Urner Zeitung».
Der Presserat bemängelt, dass auf diese Weise die journalistische Unabhängigkeit verletzt wird. Der Redaktionsleiter der «Neuen Urner Zeitung» hingegen wirbt um Verständnis: «Uri ist ein kleiner Kanton, da kennt jeder jeden. Es ist fast nicht vermeidbar, dass jemand für mehrere Auftraggeber tätig ist.»
Der Fall der Geldcouverts
An einer Veranstaltung der Tourismusmarketing-Firma Smarket AG wurden Tourismusvertreter mit «attraktiven Top-Journalisten» zusammengebracht. Die Tourismusfirmen bezahlten für die Teilnahme am Anlass 3000 Franken. Um ihnen zu garantieren, dass die versprochenen Top-Journalisten auch auftauchen, lockte der Geschäftsinhaber Fiorenzo Fässler die Medienschaffenden mit einer Entschädigung von 500 Franken. Diese legte er in einem Couvert den Presseunterlagen bei.
Mehrere Journalisten lehnten die Annahme des Betrages bereits im Vornhinein oder danach ab. Einige speisten den Betrag in die Redaktionskasse ein, von den verbleibenden Journalisten ist nicht bekannt, ob sie das Geld behalten oder zurückgegeben haben.
Der ehemalige Präsident des Presserates, Peter Studer, aber auch andere Branchenvertreter aus Journalismus und PR verurteilen die Aktion scharf. Studer spricht gar davon, dass die Art und Weise, wie das Geld übergeben wurde, nach Korruption rieche.
Der Fall Wallis
«Wir Walliser sind hilfsbereite Menschen. Deshalb schreiben die Autoren und Redaktoren von Mengis nicht nur für Mengis», schreibt der «Walliser Bote» in einem Inserat vom 5. Juli. Der Verlag bietet seine hauseigenen Redaktoren und Autoren als Werbe- und PR-Profis an.
Die Website Infosperber.ch berichtete darüber. Auch hier verurteilte Peter Studer die Machenschaften scharf: «Dieses Inserat ist skandalös. Es widerspricht allen Bemühungen um Unabhängigkeit redaktioneller Arbeit, die Presserat, Chefredaktorenkonferenz, Verlegerverband (Verband Schweizer Presse) und Werbeagenturen seit Jahren vertreten», sagte er gegenüber Infosperber.ch.
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In den letzten Tagen wurden drei Fälle bekannt, bei denen Journalisten gegen berufsethische Regeln verstossen haben. Wie beurteilen Sie diese?
Es ist in erster Linie eine Frage der Transparenz; man muss sein Publikum über die Zusammenhänge aufklären. Doch selbst wenn man dies tut: Solche Machenschaften bringen einen leicht in ein Fahrwasser, bei dem es schwierig ist, seine Glaubwürdigkeit zu bewahren. Man kann beispielsweise nicht am einen Tag ein bezahltes Porträt über einen Politiker schreiben und am nächsten die Person kritisch beurteilen.
Warum werfen diese vergleichsweise kleinen Fälle solch hohe Wellen?
Es geht hier tatsächlich nicht um grosse Beträge, aber es wurden grundsätzliche Prinzipien verletzt, und es ist gut, wenn die Branche selbst darauf aufmerksam macht. Denn interessant ist ja auch, wie sich Berufskollegen beispielsweise über Social-Media-Kanäle geäussert haben: Da gibt es doch tatsächlich Stimmen, die finden, dass man die Sache nicht so hochspielen solle. Es wird argumentiert, dass doch viele Journalisten in ihrer Karriere mal kleinere Zuwendungen annehmen. Ich bin da anderer Meinung: Wenn man damit anfängt, die Sache zu relativieren, vergisst man die Bedeutung, wofür diese Prinzipien stehen: nämlich für das wichtigste Gut im Journalismus, die Unabhängigkeit.
Im Fall der Geldcouverts waren ja auch grosse Medienhäuser involviert. Erstaunt Sie dies?
Ja, es irritiert mich, dass gestandene Profis, die eigentlich Vorbilder sein sollten, sich ebenfalls dazu verleiten liessen. Denn man geht oft davon aus, dass solche Praktiken nur kleinere Publikationen, junge Berufskollegen oder auch Online-Medien betreffen, und drückt dort mal ein Auge zu. Umso überraschter bin ich nun, dass es auch grosse Medien wie die NZZ oder die «SonntagsZeitung» betrifft. Aber ich denke, das waren Ausrutscher, nicht bewusste Handlungen.
Sie sprechen den Kostendruck gerade bei kleineren Medienhäusern an. Macht er sie anfälliger für das Überschreiten von journalistischen Prinzipien?
Die Versuchung, solche Zusatzeinkommen zu generieren, ist sicherlich grösser geworden, weil die Mittel auf den Redaktionen immer knapper werden. Im Sinne der ökonomischen Effizienz machen solche Praktiken durchaus Sinn. Aber man opfert damit die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche. Denn diese ist nicht von einem einzelnen Medienhaus abhängig. Das Publikum unterscheidet die einzelnen Organisationen nicht allzu sehr voneinander. Umso wichtiger ist es, solchen Praktiken von Anfang an Einhalt zu gebieten.
Ist dies denn ein neues Phänomen, dass Journalisten teilweise Doppelfunktionen ausüben?
Nein, die Versuchung gab es schon immer..
Sehen Sie diese Versuchung eher bei den Verlegern oder den Journalisten?
In der Regel ist es ein strukturelles Phänomen, das die Organisationen zu verantworten haben. Es wird von den Journalisten erwartet, dass sie sich auf solche Deals einlassen. Nehmen Sie die bezahlten Politikerporträts im Aargau. Ich vermute, das ist ein Angebot der Organisation und nicht des einzelnen Journalisten. Dieser wird quasi dazu genötigt, die berufskulturellen, ethischen Richtlinien zu verletzen. Beim Fall der Tourismusveranstaltung gestaltet es sich anders, dort kommt es auf den einzelnen Journalisten an, ob er das Geld annimmt oder nicht. Für diesen Fall sollten redaktionsintern ganz klare Regeln aufgestellt werden, da reichen die Richtlinien des Presserates nicht.
Sie erwähnten vorhin, dass es solche Praktiken schon länger gibt. Warum tauchen denn gerade jetzt vermehrt Artikel darüber auf?
Ich glaube, weil man sensibilisierter geworden ist. Früher wurden solche Dinge eher als Kavaliersdelikt abgetan und vielleicht ein Stück weit auch akzeptiert. Heute wird deutlich, dass der Qualitätsjournalismus unter die Räder kommen kann, dass er kaum mehr zu finanzieren ist, man hört auch mal Unkenrufe, dass er sich auflöst und seine Bedeutung wegen des Internets und Social Media verliert. Aber gerade die Neuen Medien tragen dazu bei, dass man der Branche mehr auf die Finger schaut. Über die Social-Media-Kanäle werden kleine Missstände in der Fach-Community diskutiert, und sie können helfen, ein Thema schneller zu lancieren.
Jean-Martin Büttner schrieb in einem Kommentar im «Tages-Anzeiger» zum Walliser Fall: «Je enger es für Zeitungen wird, desto breiter wirken die Journalisten.» Sehen Sie dies auch so?
Ich halte das für ein passendes Bild: Denn je mehr das finanzielle Korsett zugeschnürt wird und je knapper die Ressourcen werden, desto mehr sind Journalisten bereit, professionelle Grenzen zu überschreiten und das Geschäft anderer zu erledigen. Das ist verwerflich und schäbig, nur kann der Einzelne in der Regel nichts dafür. Die Organisationen dahinter müssen die Verantwortung übernehmen. Wir sprechen in der Medienwissenschaft von einem neuen Prekariat. Die Lohnentwicklung in den letzten zehn Jahren ist besorgniserregend: Während die Teuerung stetig zugenommen hat, sind die Löhne im Journalismus weitgehend stabil geblieben. Dies macht Journalisten anfälliger, wenn man für einen Job, der anspruchsvoll und stressgeladen ist, nicht gut bezahlt wird. Die Rechnung ist einfach: Wenn Journalisten besser bezahlt werden, sind sie weniger korrupt. Die Medienhäuser sägen mit der schlechten Bezahlung an dem Ast, auf dem sie sitzen.
Ist denn unter den heutigen Umständen ein unabhängiger Journalismus Utopie?
Nein, das denke ich nicht. Wenn man unsere Situation etwa mit derjenigen in der Türkei, einige hundert Kilometer entfernt, vergleicht, dann klagen wir hier in der Schweiz auf einem hohen Niveau. Aber das ist auch gut so, denn man soll die Werte, die man lange erkämpft hat, hochhalten. Wir brauchen einen glaubwürdigen Journalismus so sehr wie noch nie, weil wir mit einer unheimlichen Flut von Informationen aus dem Internet und der aufgeblasenen PR-Industrie eingedeckt werden. Die Frage ist, ob der Journalismus diese Leistung erbringen kann. Ich bin aber weit davon entfernt zu sagen, er habe sich aufgelöst. Es geht vielmehr darum, der Öffentlichkeit wieder aufzuzeigen, welches die Regeln sind und was sie vom Journalismus erwarten kann. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.09.2012, 19:58 Uhr
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13 Kommentare
Fast jeder Bürger weiss die Berichterstattung der Medien zu werten. Die Bürger können nicht bestochen werden. Unbestechlichkeit der Medien gibt ihnen Glaubwürdigkeit. Bestechlichkeit untergräbt diese. Die Sache löst sich automatisch, weil bestechliche Medien nicht ernst genommen werden und deshalb kein Geld haben, die Mitarbeiter zu bezahlen. Antworten
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