Leben

Mit dem Ex gemeinsam für die Kinder sorgen

Die gemeinsame elterliche Sorge funktioniert nur, wenn Eltern sich verstehen und miteinander kommunizieren können. Das lässt sich nicht erzwingen, aber man kann es lernen.

Auch wenn Eltern getrennte Wege gehen: Die gemeinsame Verantwortung für das Kind bleibt.

Auch wenn Eltern getrennte Wege gehen: Die gemeinsame Verantwortung für das Kind bleibt.

Für Ingrid C.* war es von Anfang an eine klare Sache. Als sie sich vor acht Jahren von ihrem Mann trennte, willigte sie sofort ein, die elterliche Verantwortung für die heute 14-jährige Tochter gemeinsam zu übernehmen. «Ich wollte keinen Streit um das Kind», erzählt sie rückblickend. Auch der Vater zeigte sich kooperativ und willigte gleich nach der Trennung ein, die Betreuung der Tochter praktisch hälftig zu übernehmen.

Trotz dieser idealen Voraussetzungen musste Ingrid C. lernen, mit der neuen Situation umzugehen und Befugnisse abzugeben, die bis dahin für sie selbstverständlich gewesen waren. «Anfangs vergass ich oft, meinen Ex-Mann in wichtige Entscheidungen miteinzubeziehen, weil ich wusste, dass er in der Vergangenheit mit meinen Beschlüssen immer einverstanden gewesen war. Erst als er mir sagte, er wolle nicht bloss vor vollendete Tatsachen gestellt werden, wurde mir dies bewusst.»

Einflussbereiche abstecken

Fortan trafen sich die Eltern einmal pro Monat in einem Café – «auf neutralem Boden», wie Ingrid C. es nennt –, um sich abzusprechen und offene Fragen zu klären. Sie steckten die gegenseitigen Einflussbereiche ab, etwa indem sie vereinbarten, wer für welche sportlichen Betätigungen zuständig sei. «Dadurch konnten wir verhindern, dass die Tochter einen Elternteil gegen den andern ausspielte, weil der eine es besser machte als der andere.»

Viele Mütter aber haben Mühe, loszulassen und die Kinder zur regelmässigen Betreuung dem Vater abzugeben – wie etwa im Fall von Walter P.*: Seine Frau könne sich einfach nicht vorstellen, dass die Kinder an einem andern Ort wohnten als bei ihr, erzählt der 48-jährige Mediator. So betreut der Vater seine Kinder weiterhin in der ehemaligen Familienwohnung, wo er mehrmals pro Woche ein und aus geht. Das hat für die Kinder den Vorteil, dass sie an ihrem angestammten Wohnort bleiben können, während der Vater weiterhin in ihren Alltag involviert bleibt und automatisch laufend über alles informiert ist.

Der Ex regelmässig in der eigenen Wohnung? Möglich ist dieses Modell nur, weil Walter P. und seine Ex-Frau mit ihrer Paarbeziehung abgeschlossen haben und einander als Eltern vertrauen. Das gegenseitige Verständnis und eine funktionierende Kommunikation zwischen den Eltern sei denn auch der beste Garant dafür, dass ein gemeinsames Sorgerecht nach der Trennung funktioniert, sagt Andrea Büchler, Professorin für Zivilrecht an der Uni Zürich. «Wichtig ist überdies, die gegenseitigen Erwartungen zu klären.»

Ex–Partnerin zog weg

Das leuchtet ein. Doch was tun, wenn die Eltern so zerstritten sind, dass sie nicht mehr miteinander kommunizieren können? So wie das im Beispiel von Pascal O.* war. Jahrelang kämpfte er um das gemeinsame Sorgerecht für seine zwei Buben. Mehr als ein ausgedehntes Besuchsrecht wollte die Ex-Partnerin ihm nicht zugestehen. Sie zügelte gar in einen andern Kanton, um Distanz zu markieren. Darauf reichte Pascal O. Klage vor Gericht ein. «Das war falsch», wie er rückblickend sagt, «denn dadurch begann der Kampf erst richtig.»

Erst Jahre später einigten sich die beiden auf eine professionelle Vermittlung. Mit Erfolg. «Das hätten wir von Anfang an machen sollen», sagt Pascal O. «In der Mediation wurden wir mit Methoden vertraut gemacht für den konfliktfreien Umgang miteinander. Wir lernten etwa, nicht gleich hinter jedem Entscheid, den der andere fällt und der einem nicht passt, eine gezielte Provokation zu sehen.»

Für die Berner Psychologin Liselotte Staub, Expertin in Fragen des gemeinsamen Sorgerechts, ist deshalb klar: «Es genügt nicht, das Gesetz zu ändern und die gemeinsame elterliche Sorge zur Regel zu erklären. Es braucht flankierende Massnahmen wie etwa eine Pflichtmediation.» Diese Ansicht gewinnt offenbar an Zustimmung unter den Fachleuten. War man sich bislang einig, dass eine Mediation freiwillig erfolgen muss, so können sich heute immer mehr mit dem Gedanken einer angeordneten Vermittlung anfreunden.

Bundesgericht stützt Mediation

Zur Überraschung vieler hat auch das Bundesgericht in einem kürzlich erlassenen Urteil zum Fall eines total zerstrittenen Elternpaares eine Pflichtmediation für rechtmässig erklärt (Urteil 5A_457/2009 vom 9. Dezember 2009). Es wird sich zeigen, ob dieses Urteil zu einer breiten Praxisänderung führt.

Eine Mediation kann Ängste und Missverständnisse ausräumen, die auf beiden Seiten vorhanden sind, sagt der Jurist und Mediationsfachmann Christoph Wieser. Kommt dazu: Der Mediator ist kein Richter, er muss keine Urteile fällen. Eine Mediation ist indes kein Allheilmittel und kann Konflikte nicht gänzlich verhindern. Daher nachfolgend ein par Tipps von Eltern und Fachleuten an Väter und Mütter, die sich für das gemeinsame Sorgerecht entscheiden:

  • Regeln Sie möglichst detailliert, wie Sie die Verantwortung im Alltag teilen, auch wenn Ihnen dies unnötig erscheint. Das gibt Sicherheit, sagt der Solothurner Familienanwalt Thomas Grütter. Zu den wichtigen Themen gehören laut Grütter etwa: Wann das Kind wie lange bei welchem Elternteil weilt, wie Sie sich gegenseitig austauschen und wichtige Entscheide (Schule, Erziehung, Gesundheit) fällen.

  • Legen Sie fest, wer für welche Bereiche (etwa sportliche Aktivitäten, Hobbys) zuständig, ist und respektieren Sie diese Grenzen.

  • Anerkennen Sie die Grundregel, wonach derjenige Elternteil, bei dem sich das Kind aufhält, alltägliche Entscheide selber fällen darf.

  • Informieren Sie Institutionen wie etwa die Schule, damit der Informationsfluss an beide Elternteile gewährleistet ist.

  • Machen Sie ab, wie Sie vorgehen, wenn es mit der Kommunikation nicht mehr klappt. Holen Sie Rat bei Fachleuten, möglichst nicht bei Freunden. Diese sind in der Regel parteiisch; auch zeigt die Erfahrung, so Psychologin Liselotte Staub, dass Ratschläge aus dem Bekanntenkreis bestehende Konflikte eher anheizen als klären.

*Namen geändert

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2010, 08:37 Uhr

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13 Kommentare

Stephan Lichtin

18.03.2010, 08:37 Uhr
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Die Mediation ist das geeignete Mittel, strittigen Eltern bewusst zu machen, dass Kinder für eine gesunde Entwicklung BEIDE Eltern brauchen. Um dies zu erreichen, haben die Eltern die Pflicht, sich für eine einvernehmliche Lösung an einen Tisch zu setzen! Endlich gibt es Vormundschafts-Behörden, welche das einsehen und auch tatkräftig unterstützen! BRAVO FRAUENFELD! Antworten


Stephan Lichtin

18.03.2010, 08:12 Uhr
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Wenn die Mutter nicht will, dann muss sie nicht, denn das Recht steht ja sowieso immer nur auf ihrer Seite. Das ist eine Situation, in der sich Sprachlosigkeit u.Ohnmacht breitmacht bei Vätern, die sich die Betreuung und Erziehung der Kinder – gegen den Willen der Mütter – teilen wollen. Wie kann man Kindern erklären, weshalb ihnen eine gleichwertige Beziehung zu BEIDEN Elternteilen verwehrt wird? Antworten


Marcel Zufferey

15.03.2010, 23:08 Uhr
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Das gemeinsame Sorgerecht- so gut es auch in der Theorie klingen mag- ist unter den derzeit gegebenen gesellschaftlichen Voraussetzungen leider eine völlige Illusion. Antworten


Markus Haselbach

15.03.2010, 22:11 Uhr
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Ich wohne mit meiner Ex seit unserer Trennung als Wohngemeinschaft in einem grossen EFH zusammen. Das Sorgerecht hat nur sie. Anfangs war es nicht einfach, seit wir jedoch Distanz gewonnen und neue Partnerschaften eingegangen sind, gehts nahezu ohne Reibung. Unser 4-Jähriger Sohn ist überglücklich täglich uns beide sehen zu können. Antworten


Patrick Baumann

15.03.2010, 20:57 Uhr
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zum Kommentar von Yves Mundorff: Die gemeinsame elterliche Sorge soll Regelfall werden. Dies heisst nicht, dass bei einer Scheidung das Sorgerecht auf Brechen und Biegen bei beiden belassen werden muss. Falls es immer wieder Probleme gibt, kann das Sorgerecht einem Elternteil alleine zugewiesen werden. Jedoch wird in diesem Fall genau geschaut, wer der Querulant ist. Antworten


Patrick Baumann

15.03.2010, 20:54 Uhr
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Endlich setzt sich Mediation durch. Lange hat's gebraucht. Jetzt muss ein Aufruf an alle Vormundschaftsbehörden und Richter gehen, dass dieser Weg weitergeführt wird. Mami UND Papi für alle Kinder. Das soll das Ziel sein. Im Sinne und Interesse aller Kinder. Antworten


Urs Bleiker

15.03.2010, 18:43 Uhr
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@ Yves Mundorff: Wenn ich Sie richtig verstanden habe: Beim geteilten Sorgerecht kann ein Partner seine Machtstellung missbrauchen. Und um Machtmissbrauch zu verhindern, braucht es daher die Konzentration aller Macht bei einem Partner. Könnten Sie uns die von Ihnen empfohlene hochinteressant tönende Paradoxstrategie noch etwas eingehender erläutern? Antworten


Lukas O. Bendel

15.03.2010, 18:08 Uhr
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@ Yves Mundorff: Was für Steine kann ein geS-Vater denn einer obhutsberecht. Mutter in den Weg legen? Sie hat die "Macht" und kann sich dank den Mama-philen Behörden über alle Kooperations-Pflichten hinwegsetzen! Durch (Zwangs-)Mediation wird das Miteinander der (zerstritt.) Eltern bei der Maximierung des Kindeswohls (wieder) zum primären Ziel - das haben alle (+insb. Scheidungs-)Kinder zu gut! Antworten


Yves Mundorff

15.03.2010, 14:47 Uhr
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Ich war bisher auch immer für ein geteiltes Sorgerecht. Bis sich meine Schwester trennte. Bei ihr ist es so, dass sich ihr Ex damit immer mal wieder für die Trennung "bedankt" und ihr, wo es nur geht, Steine in den Weg legt. Gemeinsames Sorgerecht ja, wenn beide am selben Ort wohnen (soziales Umfeld) und beide sich über die Art und Weise einigen können. Ansonsten bringts den Kindern nix. Antworten


Josef Rutz

15.03.2010, 14:38 Uhr
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Gemeinsam heisst die Devise. Leider bleibt mir nichts anderes übrig, als weiterhin davon zu träumen. Von einen gemeinsamen Sorgerecht weiss die Neuhauser Vormundschaftsbehörde leider nichts. Seit Jahren kämpfe ich vergeblich um eine Ombudsstelle oder Mediation, wie das Schweizer Fernsehen in meinem Fall die Mächtigen in Schaffhausens zu ermuntern versuchte. Antworten


Georgios Skarlakidis

15.03.2010, 13:32 Uhr
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Heute sind es drei Jahre her, wo ich mich für ein gemeinsames Obhut- und Sorgerecht einsetze. Die Kinder wurden durch die schleppende Gerichtspraxis und absurder Gesetzeslage entfremdet, obwohl das psychologische Gutachten von Dr. Maag in Uster den Willen der Kinder festhielt - 50% bei Papi. Verändert hat sich nicht viel, Kinder und Vater nagen am Trennungstrauma - die Mutter freuts. Antworten


Lukas O. Bendel

15.03.2010, 11:55 Uhr
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Im Rechtssetzungs-Diskurs ist es absolut normal, dass der gewünschte (Ziel-)Zustand als Rechtsnorm vorgegeben wird und allenfalls flankierende (Zwangs-)Massnahmen zur Zielerreichung ergriffen werden. Nur im Familienrecht übt die Schweiz diesbezüglich absurde Zurückhaltung. Zwar wird ständig über das Kindeswohl schwadroniert, aber effektiv dafür getan wird wenig (und weniger als zum Schutz Tiere). Antworten


Werner Meier

15.03.2010, 09:28 Uhr
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Diese Chaos. Nur weil sich zwei Erwachsene sich auseinanderleben (oder auseinanderleben wollen). Hoffentlich zahlen's auch die Verursacher! Antworten