«Sie haben Angst, uns zu erschrecken»

Erich von Däniken ist unbeirrt in seinem Glauben, dass Ausserirdische uns beobachten. Das zeigt ein Besuch in seiner Werkstatt.

Das blaue Jackett leuchtet heute noch: Erich von Däniken 2006 an einer Medienkonferenz über seinen Mystery Park. Foto: Monika Flückiger (Keystone)

Das blaue Jackett leuchtet heute noch: Erich von Däniken 2006 an einer Medienkonferenz über seinen Mystery Park. Foto: Monika Flückiger (Keystone)

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Als es den Mystery Park in Interlaken noch gab, da war Erich von Däniken im kugelrunden, golfballähnlichen Turm anzutreffen. Weit, weit oben und ganz zentral hatte er sein Büro in seinem Park eingerichtet. Jetzt ist seine Werkstatt, der Ort, wo seine Bücher ent­stehen, in Unterseen. Das ist eine Nachbargemeinde von Inter­laken. Nur ein paar Gehminuten vom Bahnhof Inter­laken West entfernt, in einem eher unscheinbaren grossen Haus, hat sich von Däniken fast ein ganzes Stockwerk gesichert. Sein Mystery Park war nur von 2003 bis 2006 offen – und dann nochmals im Sommer 2009. Dann wurde er wegen finanzieller Schwierigkeiten geschlossen. Seit 2010 heisst das Areal Jungfraupark.

Ich klopfe an die Tür, trete etwas unsicher ein. Unzählige Regale in gross­zügigen Räumen erwarten mich, Tische voller Unterlagen und Bücher. Aber niemand ist zu sehen. «Hier», sagt eine Stimme in meinem Rücken. Ein älterer Herr, nicht sehr gross, in einem leuchtend blauen Jackett kommt hinter seinem Schreibtisch hervor, führt mich zu einem grossen Tisch und fordert mich auf, Platz zu nehmen.

Wer ist dieser Mann, über den ich in meiner Jugend zum ersten Mal gehört habe. Von dem die meisten Ende der 60er-Jahre, als sein erstes Buch «Er­­innerungen an die Zukunft» erschien, sagten, er sei ein Spinner, ein Fantast. Dass er mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war und auch im Gefängnis sass, wurde ihm immer ­wieder angekreidet.

Esoteriker oder Ufologe?

Von Däniken wurde 1935 in Zofingen geboren, wuchs in Schaffhausen und im Freiburgischen auf, absolvierte die Hotelfachschule und war vor seinem Durchbruch als Autor unter anderem Kellner, Restaurantbetreiber und Hotelier. Er ist seit 56 Jahren mit seiner Frau Elisabeth zusammen, wohnt in einem einfachen Chalet bei Beatenberg. Das sind die Fakten. Aber das reicht nicht.

«Wer sind Sie, Herr von Däniken? Ich habe irgendwo gelesen, sie seien ein Esoteriker, anderswo hiess es: Ufologe. Oder sind Sie einfach ein Hotelier, der abgeschweift ist?» – «In meinem Schweizer Pass steht Schriftsteller. Und wenn man 38 Bücher geschrieben hat, darf man sich wohl so nennen. Aber natürlich bin ich ein umstrittener Schriftsteller. Die Kritiker sagen jeweils: mit kruden Ideen. Und das ist gut so.»

Da nehme ich meinen ganzen Mut zusammen, stelle eine Frage, bei der ich vorausschicke, dass ich damit rechne, hochkant sogleich wieder hinausge­worfen zu werden: «Haben Sie eine Masche gefunden, mit der Sie möglichst viele Bücher verkaufen können, oder glauben Sie tatsächlich, dass Ausser­irdische die Erde besucht haben?»

Von Däniken bleibt cool. Sieht mich weder böse an, noch macht er Anstalten, das Gespräch sofort abzubrechen. Mit Glauben habe das alles gar nichts zu tun, betont er. Dezidiert, aber freundlich. Glaube sei die Domäne der Religion. Er glaube zwar an das, was man Gott nenne, ohne aber definieren zu können, was Gott sei. «Ich sage jeden Abend im Bett Danke zum grandiosen Universum, dass es so ist, wie es ist, und dass ich dabei sein darf.»

Und dann, mit der Frage nach Glauben oder Unglauben als Ausgangspunkt, beginnt mir der Schriftsteller Erich von Däniken, 63 Millionen Bücher hat er verkauft, zu erklären, wie alles angefangen hat. Wie er während Bibelübersetzungen im Gymnasium stutzig geworden sei. «Mir fiel auf, dass Gott, so wie er im Alten Testament dargestellt wird, die minimalen Eigenschaften, die ich von Gott erwartete, nicht erfüllte. Er braucht Fahrzeuge, um von A nach B zu kommen. Er macht Experimente, dessen Ausgang er nicht kennt. So stellte ich mir das nicht vor. Gott, wie ich ihn mir vorstellte, würde allwissend sein und nicht auf irgendwelche Fahrzeuge angewiesen. Da begann ich an meiner eigenen ­Religion zu zweifeln, und ich wollte wissen, ob andere Völker auch so komische Vorstellungen von Gott haben wie wir.»

Eine Masche, um Geld zu machen? Nein, das sei nicht der Anfang gewesen. «Vergessen Sie es, ich war ja noch ein Bub. Es waren Religionszweifel!»

Ausserirdische zu Besuch

Von Däniken begann Entstehungsgeschichten anderer Religionen zu lesen. Stolperte über merkwürdige ­Parallelen, über Ungereimtheiten. Und fand schliesslich den Ansatz, der ihn, als er später dazu publizierte, zum Bestseller machte: Die Darstellungen Gottes sind Darstellungen von Ausserirdischen, die die Erde besucht hatten.

Er erzählt das alles sachlich, holt immer wieder Bücher aus den Regalen. Weiss ganz genau, wann er was wo geschrieben hat. Was andere geschrieben haben, zitiert diese und jene Textstelle. «Ich bin ein alter Herr, aber der Kopf funktioniert tadellos», sagt er einmal in den anderthalb Stunden, die wir miteinander reden. Und beweist es. Er sagt auch: «Ich schreibe immer noch. Endlos. Das hört nie auf.»

Wirkt er getrieben? Wie ein Prediger? Besessen? Nein. Selbst wenn er am Tag meines Besuchs gerade einen Gichtanfall hatte und ihm die Gelenke wehtun, ist er ein munterer und eloquenter Erzähler, der aber auch auf ­Fragen eingeht, der zuhört. Er habe sein Hobby zu seinem Beruf gemacht, sagt er. Das alles mache ihm unglaublichen Spass. Aber nie habe er über unerklär­liche Spuren der Ausserirdischen geschrieben, wenn er diese nicht mit eigenen Augen gesehen habe.

Er zeigt mir das immense Dia-Archiv. Fotos aus Süd- und Mittelamerika. Aus dem Nahen Osten. «Ich gehe immer alles ansehen», sagt er, «es geht nicht ohne.» Manchmal spricht er passagenweise Hochdeutsch, dann wieder Mundart. Manchmal sagt er «lueg» oder «weisch», dann plötzlich auf Englisch «follow me!», «wait a second» oder «don’t worry», als es mir unangenehm ist, dass er trotz den Schmerzen ständig aufstehen muss.

Kluge Köpfe überzeugen

Er erzählt von Begegnungen überall, ob Indien oder Amerika. Von einem indischen Professor, den er gebeten habe, einen Text aus dem Sanskrit zu übersetzen, um ihn besser zu verstehen. Von Referaten vor Repräsentanten der Nasa in Huntsville, Alabama. Vom Nasa-Konstrukteur Josef Blumrich, der ein in der Bibel bei Hezekiel erwähntes Raumschiff nachbaute. Blumrich wollte von Däniken widerlegen. Und schrieb 1974 im Vorwort seines Buchs «The Space-ships of Ezekiel» von (s)einer «absoluten Niederlage».

Was Erich von Däniken damit zum Ausdruck bringen will, ist klar: Er hat Wissenschaftler, kühle Rationalisten, kluge Köpfe dazu gebracht, seine Theorien für glaubhaft zu halten. Er hat also ihr Weltbild erschüttert. Und er fügt an diese Beispiele unvermittelt an: «Andere werfen dir alles Mögliche vor.»

Die Ablehnung seiner Schriften, die Widerlegung seiner Thesen, sie haben ihn jetzt ein Leben lang begleitet. Eine dicke Haut habe er nie gehabt und nie bekommen. «Doch man wird älter. Und man merkt: Die Kritik hatte manchmal auch recht. Und dann muss man es auch zugeben.»

«Hat die Kritik wehgetan?» – «Natürlich. Am Anfang schon. Heute spielt sie keine Rolle mehr. Aber all die Kritiker verfügen nicht über das Wissen, das ich in meinem Spezialbereich habe.» Das klinge überheblich, räumt er sofort ein. Und sagt, wenn ihn die Fachleute nur reden liessen, ihm nur zuhörten, würde es am Ende immer heissen: «Das wussten wir nicht.» Mit der Interdisziplinarität der Fachrichtungen sei es eben nicht weit her, so von Däniken. Deshalb stelle man nicht immer die richtigen Fragen. Oder ignoriere mögliche Antworten, nehme Unangenehmes einfach nicht zur Kenntnis.

«Ancient Aliens»

Über eine Stunde vergeht. Von Däniken hat mir Anekdoten erzählt, Beispiele genannt und von der Serie «Ancient ­Aliens» gesprochen, die der US-Sender History Channel in Zusammenarbeit mit ihm und mit riesigem Erfolg produziert. Er schwärmt von den USA, das sei immer noch das freieste Land der Welt. «Die haben auch eine viel bessere Streitkultur als wir. Da kannst du über alles debattieren. Dann sagen sie halt mal: ‹Erich, I don't believe this.› Aber beleidigt ist niemand.» Hierzulande aber lade man den Däniken – «Anführung­zeichen: Spinner» – doch nicht in eine Hochschule ein. Und natürlich erzählt mir mein Gastgeber auch vom grossen Symposium in Sindelfingen anlässlich seines 80. Geburtstages in diesem Jahr.

Wir sprechen über Geld – «reich geworden bin ich nie, aber jedes Jahr kommen ein paar 100'000 Franken rein, die gebe ich auch wieder aus» –, über den Umzug von Feldbrunnen bei Solothurn auf den Beatenberg – «Erich, geh mal zu dem Nebel raus» – und schliesslich will ich wissen, ob er denn nicht Angst habe vor den Ausserirdischen, von deren Existenz er so felsenfest überzeugt ist.

«Im Gegenteil. Deren Technologie ist der unsrigen so haushoch überlegen, dass sie uns schon lange hätten zer­stören können, wenn sie das wollten. Sie könnten ein Virus loslassen, das viel komplizierter ist als Ebola … Das ist überhaupt nicht ihre Absicht.» Diese Götter, diese Ausserirdischen seien immer Lehrmeister gewesen. «Ersetzen Sie in den alten Texten zehn zentrale Begriffe und Sie erhalten eine ganz andere Interpretation. Ersetzen Sie ‹Engel› durch ‹Ausserirdische› zum Beispiel.»

Und wann kommen sie, die Besucher, die Aliens? «Ich habe das Gefühl, die zeigen sich immer öfter und hätten auch gerne, dass wir langsam begreifen, dass wir im Weltall nicht alleine sind. Aber sie haben Angst, uns zu erschrecken. Sie werden es auf sanfte Art tun.» Es werde in den nächsten zehn Jahren vermehrt Politiker und Wissenschaftler geben, die an die Öffentlichkeit gehen werden, um zu bestätigen, dass es Beweise für die Existenz der Ausser­irdischen gebe, prophezeit er.

Glauben müssen wir das nicht. Denn mit Glauben habe das ja alles nichts zu tun, hat Erich von Däniken mehrmals betont. Aber in zehn Jahren mal nachprüfen, ob er recht behalten hat, das sollten wir schon. (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.01.2015, 10:55 Uhr

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