Leben
Stillen wider Willen
Von Felix Straumann. Aktualisiert am 19.10.2011 49 Kommentare
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Vor lauter Stillförderung geht die Mutter vergessen. Dieser Vorwurf kursiert seit einigen Jahren in den Medien und taucht in Gesprächen mit Müttern immer wieder auf. Betroffene beklagen, dass auf den Schweizer Geburtskliniken zu oft übermässiger Druck ausgeübt werde, um die Frauen zum Stillen zu bewegen. In der Öffentlichkeit wiegeln zuständige Pflegepersonen meist ab: Die Zeit nach der Geburt sei schwierig für die Mutter, zudem sei Stillen heute nicht mehr selbstverständlich, da müsse etwas Druck aufgesetzt werden.
Doch ist dies offensichtlich nur die halbe Wahrheit. Eine Befragung an 60 stillfreundlichen Spitälern zeigt, dass auch das Fachpersonal Vorbehalte hat. Durchgeführt hat sie das Schweizerische Komitee für das UNO-Kinderhilfswerk Unicef, welches das Label Babyfreundliches Spital an Kliniken vergibt, die sich als stillfreundlich zertifizieren wollen. Die teilweise sehr kritischen Rückmeldungen aus den Kliniken haben dazu geführt, dass Unicef Schweiz nun ihr Stillförderungslabel überarbeitet hat.
Heftige Kritik der Befragten
Die Absicht des Labels Babyfreundliches Spital, das sich auf Kriterien der Weltgesundheitsorganisation WHO stützt, ist die Förderung des Stillens. Was auch gelungen ist: Seit seiner Einführung Anfang der 1990er-Jahre hat es tatsächlich dazu beigetragen, dass Kleinkinder in der Schweiz wieder häufiger die Brust bekommen. Das Stilllabel führen heute 57 Spitäler und 2 Geburtshäuser, in welchen gemäss Unicef insgesamt rund die Hälfte aller Kinder in der Schweiz zur Welt kommt.
Studien zeigen, dass Muttermilch in den ersten Lebensmonaten verschiedene Gesundheitsrisiken senkt, etwa für Übergewicht, entzündliche Darmerkrankungen oder Diabetes. Allerdings ist der Vorteil klein, betonen Fachleute. Für die Anhänger des Unicef-Labels ist das Stillen aber dennoch so nützlich, dass es sich lohnt, dafür einiges in Kauf zu nehmen.
«Frauen werden unter Druck gesetzt»
Doch die Vorgaben der Unicef Schweiz schiessen übers Ziel hinaus. «Babyfreundlich heisst in Wahrheit mutterfeindlich», sagt eine Pflegerin, die selbst längere Zeit auf der Wochenbettabteilung einer zertifizierten Klinik gearbeitet hat und ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. «Die Frauen werden in zertifizierten Kliniken unter Druck gesetzt und ihre Bedürfnisse dabei missachtet», sagt sie. Bei Stillproblemen hätten die Mütter zudem kaum Gelegenheit, sich von der anstrengenden Geburt zu erholen.
Solche Vorwürfe bestätigt die Befragung der Unicef an zertifizierten Spitälern, die vor einem Jahr in einem Bericht veröffentlicht wurde. Neben positiven Rückmeldungen, die das Unicef-Label als nützlich für die Stillförderung bezeichnen, äussern die Befragten zum Teil heftige Kritik: Es entstehe Druck bis hin zu Stillzwang, ein Eingehen auf individuelle Bedürfnisse von Mutter und Kind sei kaum mehr möglich.
Schmerzgrenze wird ausgereizt
Konkret betrifft die Kritik die Vorgabe, dass gestillte Säuglinge nur in aussergewöhnlichen Fällen zusätzliche Nahrung oder Flüssigkeit erhalten sollten. Angekreidet wird auch das Beinahe-Verbot von Saugflaschen, Nuggis und Saughütchen in den ersten Tagen nach der Geburt. Zu dogmatisch, ja fundamentalistisch und sektiererisch sei dies, zitiert der Bericht. Aus Sorge, das Baby könnte durch die Hilfsmittel oder zusätzliche Nahrung vom Saugen an der Brust abgehalten werden, wird bei Mutter und Kind die Schmerzgrenze ausgereizt, etwa bei einer Brustentzündung oder wenn das Kind nicht richtig trinkt.
Unter Beschuss ist auch das sogenannte Rooming-in, das heisst, dass Mutter und Kind Tag und Nacht zusammen sein sollen. Dies führt dazu, dass eine von Geburt und Kindergeschrei erschöpfte Mutter die vorübergehende Trennung vom Baby resolut einfordern muss, wenn sie mal eine Nacht durchschlafen möchte. Viele bringen die Kraft dafür nicht auf, was eine positive Beziehung der Mutter zu ihrem Kind gefährdet.
«Nicht im Sinne der Erfinder»
Wegen der rigiden Richtlinien des Unicef-Labels hat beispielsweise das Spital Zollikerberg bewusst darauf verzichtet. «Wir stehen voll hinter dem Stillen und betreiben auch Stillförderung, aber wir wollen die Mütter nicht durch die Vorgaben unter Druck setzen», sagt Brigitte Mercado von der Leitung der Frauenklinik des Spitals. Sie glaubt, dass gewisse Mütter bewusst ein Spital ohne Label aussuchten.
Cornelia Conzelmann, Ärztin bei Unicef Schweiz, kennt die Vorwürfe, dass die Unicef-Richtlinien zu dogmatisch seien. «Das ist nicht im Sinne der Erfinder», sagt sie. Den Grund für die Klagen vermutet sie in der Lebenssituation, die sich für die Frauen geändert habe. Viele arbeiteten bis kurz vor der Geburt und hätten kaum Zeit, sich darauf einzustellen. Sie seien zudem manchmal völlig überrascht, wenn sie mehrmals pro Nacht vom Kind geweckt würden. «Solche Unplanbarkeiten haben heute weniger Platz», so Conzelmann.
Mehr Spielraum für Kliniken
Die Unicef Schweiz testet ihre gelockerten Richtlinien nun an sieben Kliniken und möchte nächstes Jahr die endgültige Fassung umsetzen. Darin wird den Kliniken unter anderem etwas mehr Spielraum bei schwierigen Situationen gelassen. Zudem werden die Stillquoten, welche die zertifizierten Spitäler erfüllen müssen, etwas gesenkt. So werden Mütter, die sich bereits vor der Geburt gegen das Stillen entschieden haben, neu nicht mehr in der Stillstatistik eingerechnet. Dies soll verhindern, dass das Pflegepersonal diese Frauen mit Druck zum Stillen zu bewegen versucht.
Zusätzlich soll die Stillförderung nicht mehr nur im Spital, sondern durch Information und Unterstützung schon während der Schwangerschaft und nach dem Spitalaustritt durch Hebammen, Still- und Mütterberaterinnen erfolgen. «Über 90 Prozent der Frauen stillen, wenn sie aus dem Spital kommen», so Conzelmann. Ziel sei es, dass diese möglichst lange stillten – am besten die empfohlenen sechs Monate. Die Frauen sollen durch Überarbeitung des Labels also nicht weniger, sondern mehr und länger stillen. Denn Conzelmann ist überzeugt, Muttermilch sei die beste Nahrung für das Kind. Für alle, die diese ihrem Nachwuchs nicht geben können oder wollen, gibt es dennoch Trost: «Auch ohne Stillen können Kinder gesund aufwachsen», gibt die Medizinerin zu. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.10.2011, 08:28 Uhr
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49 Kommentare
Druck erlebte ich als junge Mutter, weil ich nach 10 Wochen wieder zur Arbeit musste. 2x hatte ich in den 10 W. eine Brustentzündung wegen dem Zeitstress. Beim 2. Kind konnte ich dann 1 Jahr zu Hause bleiben und mein Baby konnte sich so nach 9Mt. selber "abstillen"; alles ohne Druck. Stillen braucht vor allem Zeit und Ruhe und demzufolge plädiere ich für einen 6-mt. Mutterschaftsurlaub. Antworten
Interessant, dass man (internationale Organisationen) im 21. Jh. den Frauen immernoch vorschreiben will, was sie zu tun oder zu lassen haben. Wie bereits gesagt wurde: Gebt den Frauen 6 Mte. Mutterschaftsurlaub und sie werden gerne stillen. Vor allem, wenn auch die Väter Eltern-Urlaub bekommen und die Mütter entlasten können. Aber das will man ja dann nicht, da sind Kinder dann doch "Privatsache". Antworten
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