Unrasiertes Kinn statt Lippenstift

Datingportale boomen. Betreiber helfen zusätzlich nach. Ihre Mitarbeiter füttern Fake-Profile im Schichtbetrieb.

Unseriöse Betreiber von Datingportalen stellen Mitarbeiter ein, die sich auf Fake-Profilen als Frauen ausgeben und  Kunden zum Geldausgeben verführen. (Symbolbild).

Unseriöse Betreiber von Datingportalen stellen Mitarbeiter ein, die sich auf Fake-Profilen als Frauen ausgeben und Kunden zum Geldausgeben verführen. (Symbolbild). Bild: Donald Iain Smith (Getty Images)

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Einer sei dicklich gewesen, der andere tätowiert. Anderen Kollegen hätte man dem äusseren Anschein nach auf dem Wacken-Open-Air – einem bekannten deutschen Heavy-Metal-Festival – begegnen können. So beschreibt ein ehemaliger Angestellter der Hamburger Firma Netfix seine Arbeitskollegen. Ihr Job: sich auf einem Datingportal als attraktive Frauen ausgeben und mit Tausenden von Männern chatten.

Netfix betreibt in Deutschland das Datingportal Funflirt. Die Aufgabe, welche die sogenannten Moderatoren von früh morgens bis spät in die Nacht zu erledigen haben: Sie sollen Kunden zum Geldausgeben verführen. Wie auf vielen anderen Datingportalen kann man auch bei Funflirt.de kostenlos Mitglied werden, wer sich aber mit anderen Personen auf der Plattform austauschen will, muss zahlen. Jede Interaktion kostet einzeln.

Laut Augenzeugenbericht im «Spiegel» schenkt das ein. Er habe mit Männern geflirtet, die insgesamt Tausende Euro für Gespräche ausgegeben haben, sagt der Ex-Mitarbeiter von Netfix. Die Angestellten, welche die gefälschten Nutzer-Profile betreuten, seien angewiesen worden, jedes Gespräch mit einer Frage zu beenden, weil so die Kunden dazu animiert werden, weitere Nachrichten zu schreiben. Zudem hätten grundsätzlich nur Kleinbuchstaben verwendet werden dürfen, um zu verschleiern, dass die Fake-Profile der hübschen Frauen von verschiedenen Mitarbeitern im Schichtbetrieb betreut werden.

Gegenüber dem «Spiegel» streitet Netfix nicht ab, sogenannte Moderatoren einzusetzen. Allerdings seien nur gut fünf Prozent der Profile unecht. Diese dienten dazu, Kunden auch dann zu unterhalten, wenn nicht viele reale Nutzer online seien. Die Firma betonte zudem, dass sie nichts tue, was nicht auch viele Konkurrenten täten.

Das Phänomen der «moderierten Mitglieder-Kommunikation» hat auch das Vergleichsportal Singleboersen-Vergleich.de letztes Jahr in einem Marktbericht aufgegriffen. Fake-Profile und Chatbots – also computergesteuerte textbasierte Dialogsysteme – werden im Bericht aber angesichts von kriminell unterwanderten Portalen als kleine Sünde der Branche bezeichnet.

Jedes achte Portal mit Fake-Profilen

Wie verbreitet Fake-Profile sind, ist schwer zu eruieren. Als das bekannte und international tätige Seitensprungportal Ashley Madison gehackt wurde, stellte sich heraus, dass fast alle Profile weiblicher User gefälscht waren. Und in Deutschland hat es auch schon polizeiliche Untersuchungen gegen Anbieter gegeben, die mit Fake-Profilen arbeiteten. «Der Spiegel» zitiert in seinem Artikel eine Marktkennerin, die davon spricht, dass es bei gut 100 der rund 800 Datingportale in Deutschland Hinweise auf gefälschte Profile gibt.

Eine Schweizer Version des Datingportals Funflirt gibt es nicht. Doch Dating- und Singleplattformen boomen auch in der Schweiz. Unzählige Sites buhlen um Kunden – alleine über ein Dutzend Sites hat sich der Vermittlung unverbindlicher Bekanntschaften für erotische Abenteuer verschrieben. Dazu kommen zahlreiche Sites, auf denen Partner für ernsthafte Beziehungen gesucht werden. Und Sites für ganz spezifische Partnersuchende, etwa Singles mit Kindern. Ein Hinweis darauf, dass sich mit Datingsites viel Geld verdienen lässt, liefert die viele Werbung, die für solche Angebote geschaltet wird. So wird zum Beispiel die Datingsite C-Date.ch, die mit dem Versprechen nach unkomplizierten erotischen Bekanntschaften Kunden anlockt, intensiv mit Fernsehspots beworben.

Laut Metaflake, einem deutschen Unternehmen, das in zahlreichen Ländern Online-Kontaktbörsen bewertet, ist die Plattform in der Schweiz Marktführerin fürs sogenannte Casual-Dating. Das Geschäftsmodell des Portals besteht darin, dass Frauen sich gratis anmelden können, Männer dagegen eine Mitgliedschaft lösen müssen, wenn sie auf der Plattform kommunizieren wollen. Das kostet bis zu 80 Franken im Monat. Und ist einmal ein Abonnement gelöst, kann es lediglich per Fax oder Brief beim Portalbetreiber in Luxemburg gekündigt werden.

Die Anfrage von baz.ch/Newsnet, ob auch auf C-Date Moderatoren eingesetzt werden, liess das Unternehmen vorerst unbeantwortet. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.01.2017, 20:53 Uhr

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