Leben
Vater machte nicht nur «blutti Föteli»
Eigentlich hatte sie die Sache auf sich beruhen lassen wollen, damals, als ihr Vater seine Strafe erhielt. 14 Monate unbedingt verhängte das Kreisgericht in Langnau im Januar gegen den heute gut 50-Jährigen dafür, dass er seine Tochter im Alter von 6 bis 12 Jahren regelmässig sexuell missbraucht hatte. Dass die Strafe für die 6 Jahre dauernde Pein nicht höher ausfiel, verdankte der Vater dem Umstand, dass das Gericht nur noch die letzten acht Monate seines Handelns beurteilen konnte. Der Rest seines Tuns war verjährt.
Doch dann bekam das zur jungen Frau herangewachsene Opfer mit, dass ihr Vater nicht einmal dieses Verdikt so schlucken wollte, sondern das Obergericht anrief. Damit bleibt er zumindest vorläufig weiter auf freiem Fuss – für die mittlerweile bald 30-Jährige völlig unverständlich. Zumal in seiner Nähe aus zweiter Ehe erneut drei Mädchen aufwachsen, von denen das älteste noch nicht 10-jährig ist. Das hält die junge Frau in einem Brief an die BZ fest.
Belastende Nähe
«Wo bleibt die Gerechtigkeit?!», steht in fetten Buchstaben über diesem Schreiben, in dem sich Unverständnis in Wut und Verzweiflung mischt. Wachrütteln wolle sie und die breite Öffentlichkeit sensibilisieren für das, worunter sie und viele andere Opfer sexueller Gewalt litten, erklärt sie. Und beginnt zu erzählen. An vieles, schränkt sie ein, könne sie sich nicht mehr im Detail erinnern. Zu viel Zeit ist verstrichen und zu gross wohl auch der Wunsch, doch möglichst vergessen zu können.
Doch ein paar Bilder von den Besuchen bei ihrem Vater, der damals bereits getrennt von der Mutter lebte, sind haften geblieben. Wie er sie in zweideutigen Posen fotografierte. Wie er sie unsittlich berührte und zu Oralsex zwang. Wie er sie vergewaltigte und gar vor Praktiken mit Urin nicht zurückschreckte – ja, bestätigt sie, was sie schon dem Gericht geschildert hat, all dies sei ihr widerfahren.
Mit verheerenden Folgen, die bis heute nachwirken. «Es gibt Momente, in denen ich Nähe nicht ertrage.» Schon nur einander die Hände zu halten könne dann zu viel werden. Zwei längere Beziehungen, eine über drei Jahre und eine über ein Jahr, sind ihr bislang trotzdem gelungen. Aber eben, plötzlich kamen ihr die alten Erlebnisse in die Quere, und dann war Schluss.
Unvermittelt starr
Das Ende kam beide Male auf eine ähnliche Art, und sie schildert es so: «Wenn wir miteinander im Bett waren, wurde ich unvermittelt starr. Offenbar hatten wir gerade etwas gemacht, was auch mein Vater mit mir getan hatte – nach einer solchen Starre konnte ich mit diesem Partner keinen Sex mehr haben.» Gute, vertraute Freunde seien ihr die beiden jungen Männer aber geblieben.
Zwischen den zwei Bekanntschaften gab es eine unruhige Phase, in der sie, wie sie es selber formuliert, «links und rechts etwa mit jedem» ins Bett stieg. «Wahrscheinlich», sinniert sie, «wollte ich mir selber beweisen, dass ich es trotz allem kann.»
Endlich zur Mutter
In ähnlicher Art hatte sie jahrelang versucht, mit ihren Gefühlen allein zurechtzukommen. «Ich dachte, dass ich über dem Geschehenen stehe.» Gleichzeitig plagten sie, die sich ja nicht gewehrt hatte, tiefe Scham- und Schuldgefühle, «ich dachte, dass ich mir alles selber eingebrockt habe». Der Vater hatte sie entsprechend eingeschüchtert. Er redete vom grossen Geheimnis, das sie nie verraten dürfe, und drohte ihr, andernfalls werde der Mutter und der Schwester etwas passieren. «Ich wusste, dass er einen Revolver besass.»
Trotzdem liess sich die Sache nicht unter dem Deckel halten. Der Stein kam ins Rollen, als sie – als 12-Jährige – beim Vater zu Besuch war und die Schwester, die für einmal mitgekommen war, sich verplapperte. Der Vater habe «blutti Föteli» gemacht, erzählte sie zu Hause der Mutter, worauf diese hellhörig wurde und die Besuche beim Vater sofort stoppte. Obwohl Abklärungen im Inselspital keine klaren Hinweise auf sexuelle Missbräuche zu Tage förderten und die Betroffene schwieg. Noch. Denn etwa zwei Jahre später hielt sie es nicht mehr mit sich alleine aus. Sie hatte, mitten in der Pubertät, ohnehin zu kämpfen, und so kam es, dass sie einer guten Freundin der Mutter einmal heulend begegnete. Wenigstens in Andeutungen konnte sie sich nun das Leid von der Seele reden, es folgten ein paar Sitzungen bei einer Psychologin. Doch wieder ging viel Zeit ins Land, bis sie sich, mittlerweile volljährig geworden, auch der Mutter öffnete.
Der entscheidende Ruck
Aber noch nicht der Polizei. Es brauchte erst die SMS des Vaters, der wieder Kontakt zu ihr suchte, sowie eine zweite Therapie – als Mittzwanzigerin gab sie sich endlich den entscheidenden Ruck. Kurz bevor die damals noch gültige 15-jährige Verjährungsfrist den Vater auch für die letzten Untaten geschützt hätte.
Halt im Job
Eigentlich hätte die junge Frau ja gerne Kinder. Freudig blickt sie auf ihr Welschlandjahr zurück, das sie als Aupair bei einer Familie mit drei Kindern verbrachte, «eine wunderschöne Zeit». Dennoch hat sie Zweifel, dass es für sie persönlich jemals dazu kommen wird. Nicht nur wegen ihrer Mühe, sich einem Partner unbeschwert hinzugeben. «Ich weiss gar nicht, ob ich ihm je ganz trauen könnte.» Zu gross ist die Angst davor, dass auch er dem Nachwuchs Böses antun könnte, und zu unsicher ist sie in der Frage, wo die Vaterliebe aufhört und in einen sexuellen Übergriff ausartet, «weil ich diese Grenze ja nie erfahren habe» – auf alle Fälle gibt sie ihren Bekannten stets zu verstehen, «dass ich keine Kinder will».
Wenigstens hat sie im Gastgewerbe einen Job gefunden, der ihr Freude macht, und ein Umfeld, das sie trägt. «Das ist fast wie Therapie» – sagts, und ihre ernste Miene weicht einem fröhlichen Gesicht. (Berner Zeitung)
Erstellt: 03.03.2009, 12:46 Uhr
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