Leben

Vom Weltbürger zum Wutbürger

Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 27.11.2010

Ein neuer Begriff macht die Runde: Der Wutbürger. Was hat es damit auf sich? Betrachtungen zur Stimmungslage der Bürger in unserer beschleunigten Gesellschaft.

Verbreitete sich in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts Optimismus und Zukunftsfreude, so prägt kollektive Wut und Empörung die gegenwärtige Stimmung. Vieles macht viele wütend: die hohen Löhne und Boni in einzelnen renditeträchtigen Branchen, die unterschiedliche Steuerbelastung in den Kantonen und die Ausländer, auch wenn sie nicht kriminell sind.

Wenn Wut zum Lebensstil wird

Es handelt sich um ein Amalgam von Negativreizen, die aus dem stolzen Bürger von einst einen nörgelnden Kleinbürger machen. Getrieben von der Angst, unbedeutender und weniger kaufkräftig zu werden, pflegt und kultiviert er seine Wut und seinen Zorn als neue Lebenshaltung.

Die Wut ist nicht das Problem, der Adressat hingegen schon. Das erkannte schon Aristoteles, als er schrieb: «Jeder kann wütend werden, das ist einfach. Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Mass, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist schwer.» Da es das Schwere im Allgemeinen schwerer hat, sich durchzusetzen, hat die um sich greifende Wut weder ein klares Ziel noch eine klare Richtung. Der Wutbürger, diese jüngste Sprachschöpfung des «Spiegels», fühlt sich benachteiligt, übervorteilt und in die Enge getrieben von einer Macht, die nicht seine ist. Und er sieht sich als einen überflüssigen Bürger, mit dem der Staat nicht mehr rechnet. Wieso sollte er auch staatstragend sein, wenn der Staat ihn nicht mehr tragen will?

Früher war alles besser

Früher, so glaubt er, war alles besser; heute dagegen hat sich alles zu seinen Ungunsten verschoben. Da immer mehr immer wütender werden, ist die Versuchung gross, der wachsenden Schar der Neinsager beizutreten.Der Wutbürger, ob politisch links oder rechts stehend, glaubt sich mit seiner Meinung in der Mehrheit: Er ist wild entschlossen, aber ohnmächtig. «Man muss annehmen, dass die erste Hälfte des 21. Jahrhunderts von immensen Konflikten geprägt sein wird, die ausnahmslos von Zornkollektiven und gekränkten‹Zivilisationen› angezettelt werden», prophezeit der Philosoph Peter Sloterdijk in dem 2006 erschienenen Buch «Zorn und Zeit».

Der Wutbürger hat die Geduld verloren mit einem politischen System, dessen Dynamik gezwungenermassen auf die Zukunft bezogen ist: Die Globalisierung, dieser Magnet der Weltwirtschaft, drängt die Nationalstaaten immer enger aneinander und verwandelt sie sukzessive in Teilstaaten neuer politischer Verbünde. Das Abseitsstehen ist eine genauso luxuriöse wie fragile Haltung, der das Verfallsdatum, wenn nicht alles täuscht, bereits aufgeprägt ist. Für den Wutbürger, der zumindest den Status quo noch erhalten will, sind die «supranationalen Verbände», die nach Jürgen Habermas allein in der Lage sein werden, die globalen weltpolitischen Probleme zu lösen, Inkarnationen des Bösen, die es zu bekämpfen gilt.

Monokulturen sind passé

Europa ist zweifellos in einer sehr schwierigen Phase des Übergangs. «Deutschland schafft sich ab», dieser zugkräftige Buchtitel von Thilo Sarrazin trifft den Nagel, wenn auch etwas anders gemeint, auf den Kopf. Die Länder, aber auch die Mentalitäten, in denen unsere Eltern und Grosseltern gross geworden sind, gibt es heute nicht mehr. Nationale Monokulturen ohne Anzeichen und Spuren von Migration sind für immer passé. Sehnen wir uns diese Zustände ernsthaft zurück? In dem Motto «Die Schweiz den Schweizern» kommt der verzweifelte Versuch zum Ausdruck, den historischen Prozess einzufrieren. Doch die Geschichte nimmt keine Rücksicht auf kollektive Fantasien der Regression. Wo Angst herrscht, hat die Zukunft keinen guten Stand.

Gut ist, was die Wut lindert

Der Wutbürger sieht alles enger als der Weltbürger, ja er ist in gewisser Weise dessen Negation. Während der Weltbürger, von dem man schon lange nichts mehr gehört hat, ein ergebnisoffenes Weltbild vertritt, weiss der Wutbürger besser als jeder Politiker, wie es am besten gemacht würde – und zwar hier und jetzt, ganz nach dem Motto: Gut ist, was nottut und die Wut lindert. Findet die Politik vor allem in direkten Demokratien kein Mittel, die breiten Energieströme der kollektiven Wut in Gemeinschaftsprojekte einzubinden, droht eine belastende Situation für das System: Auch ohne Kenntnis der komplexen Dinge neigt der Wutbürger zur Skepsis gegenüber allem, was ihm von der Classe politique vorgelegt wird – wenn er sich nicht schon aus dem Abstimmungs- und Wahlzirkus verabschiedet hat. Dabei verstellt ihm seine Fixierung auf die negativen Effekte unserer Gesellschaft die Sicht auf das grosse Ganze: die ungemeine Erfolgsgeschichte der modernen säkularen Staaten.

Das Unbehagen in der politischen Kultur richtet sich behaglich ein: Neid und Missgunst werden gehegt und gepflegt, wie es argwöhnische Nachbarn nicht besser vormachen könnten. Der Unterschied ist bloss der, dass wir die neidischen Blicke nicht aufs Ausland werfen, sondern im Inland feilbieten. Jeder kennt jemanden, der mehr verdient als er selber. Das war früher nicht anders, aber heute ist der Neid eine Geste, die salonfähig geworden ist. Wie die Wut ist er eine Emotion, die nicht nur das Zusammenleben vergiftet, sondern auch das Subjekt selbst. «Unerträglich ist ihm das Wohlergehen des anderen. Fremdes Glück ist sein Unglück. Er wünscht ihm alles Übel auf Erden. Dafür verachtet er sich, und diese Verachtung zerfrisst seine Seele», schreibt der Soziologe Wolfgang Sofsky über den Neider in seinem neuen «Buch der Laster».

Bilder sagen mehr als tausend Worte – Emotionen auch. Wir reden viel über Texte zu Gesetzen, wir argumentieren hin und her und vergessen dabei, dass die Lage einer Nation wesentlich durch die kollektive Befindlichkeit bestimmt wird. Zurzeit haben wenig aufbauende oder gar negative Emotionen wie Ressentiments die Macht ergriffen und die Individuen gleich dazu. Es sind nicht so sehr die Politiker, die den Menschen all dies antun, es sind die globalen Prozesse, die uns in dieses Wechselbad der Gefühle werfen.

Wechselnde Identitäten

Diese Emotionen müssen wir auf jeden Fall ernst nehmen. Um aber vernünftig mit ihnen umzugehen und ebenso zu handeln, gilt es, sie in ihrer historischen Entstehung zu begreifen: Die Schweiz bewegt sich in einer für sie ungewohnten Geschwindigkeit, mit der Folge, dass die altbewährten, herkömmlichen Identitätsmuster infrage gestellt werden. Manches bleibt, manches jedoch müssen wir über Bordwerfen, um weiterzukommen. «Die Balance üben heisst keinem notwendigen Kampf ausweichen, keinen überflüssigen provozieren», rät Peter Sloterdijk. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.11.2010, 13:07 Uhr

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