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Was gegen das Bettnässen hilft

Von Daniela Bühler. Aktualisiert am 01.09.2009

10 Prozent der Kinder im Schulalter machen nachts ins Bett. Eines nützt dagegen ganz sicher nichts: Strafen.

Passiert es wieder? Bei kleinen Kindern ist Bettnässen normal. Wenn aber etwas ältere Kinder ins Bett machen, kann dies für sie zu einer grösseren Belastung werden.

Passiert es wieder? Bei kleinen Kindern ist Bettnässen normal. Wenn aber etwas ältere Kinder ins Bett machen, kann dies für sie zu einer grösseren Belastung werden.

Weckhosen und Tabletten helfen

Was tun, wenn das Kind immer und immer wieder ins Bett macht? Dann ist ein Besuch beim Arzt angesagt. Gegen das Bettnässen helfen Weckapparate und Medikamente.

Was tun, wenn Kinder nachts ins Bett machen? Für Kinder im Vorschulalter gilt: Ruhig bleiben und nachts Windeln einsetzen. Bettnässen im Vorschulalter ist kein Drama. Eine Therapie drängt sich erst im Schulalter auf. Fassen Eltern eine Therapie ins Auge, so gilt: Das Kind muss bereit sein, mitzumachen. Nicht alle empfinden ihre nächtliche Blasenschwäche als Problem.

Liegt eine Reifungsverzögerung vor, ist der Weckapparat eine
der gängigsten Therapien. Dabei wird ein Sensor in die Unterhose gelegt: Wird er feucht, ertönt ein lauter Alarm. Allerdings haben diese Sensoren gewisse Nachteile. Thomas Neuhaus, Chef der Kinderklinik des Kantonsspitals Luzern, erklärt: «Häufig erwachen vom Alarm die Eltern oder sogar die Nachbarn, während das Kind anfänglich erst von Mutter oder Vater geweckt werden muss.» Das liege daran, dass Kinder häufig in einer Schlafphase einnässten, in der sie schwer weckbar seien. Die Eltern müssten in der Lage sein, in der ersten Phase nachts aufzustehen. Der Hochdorfer Kinderarzt Hugo Schön setzt den Sensor erst bei Kindern ein, die selber aufstehen und leicht angenässte Höschen wechseln können. Laut Neuhaus wirkt der Apparat häufig. Zahlreiche Kinder würden nach wenigen Wochen dank dem Weckapparat trocken.

Bei manchen Patienten werden auch erfolgreich Medikamente eingesetzt. Sie enthalten einen Abkömmling des Hormons ADH, das der Körper selber produziert. Die nur gegen ärztliches Rezept erhältlichen Medikamente vermindern die entstehende Harnmenge und können so das Problem verringern oder lösen. Aber, so Neuhaus: «Die Eltern müssen beachten, dass das Kind nach der Tabletteneinnahme am Abend bis am nächsten Morgen nichts mehr trinkt. Denn im schlimmsten Fall besteht die Gefahr einer Wasservergiftung.» Das sei zwar äusserst selten.

Häufiger macht sich ein anderer Nachteil bemerkbar: «Wenn das Kind die Tabletten wieder absetzt, besteht ein Risiko, wieder einzunässen, wenn es unterdessen den nötigen Entwicklungsschritt noch nicht gemacht hat.» Es könne jedoch sinnvoll sein, die Tabletten vorübergehend einzunehmen, zum Beispiel im Ferienlager oder am Wochenende bei den Grosseltern oder bei Gspänli.

Salvador Dalí tat es mit voller Absicht: «Ich machte aus reinem Vergnügen ins Bett, bis ich acht war», schreibt der Meister der surrealistischen Kunst in seiner Autobiografie. Doch Dalí (1904– 1989) war verhätschelter Sohn reicher Eltern. Dienstboten schwärmten durch sein Elternhaus. Er war wahrscheinlich als Kind schon anders als andere.

Dass Kinder nachts absichtlich ins Bett machen, sei extrem selten, sagt Thomas Neuhaus, Chefarzt der Kinderklinik des Kantonsspitals Luzern. «Und wenn, dann ist es meistens Ausdruck einer psychischen Störung. Die allermeisten Kinder machen im Schlaf unbewusst ins Bett, und viele schämen sich später darüber.» Und Kinderarzt Hugo Schön aus Hochdorf betont: «Bestrafen oder unter Druck setzen bringt bei nächtlichem Einnässen nichts. Die Kinder können nichts dafür.»

Fast immer sei die nächtliche Blasenschwäche Ausdruck einer verzögerten Entwicklung des für die Blasenkontrolle zuständigen Nervensystems, sagt Thomas Neuhaus. «Die meisten Kinder lernen mit drei bis vier Jahren, ihre Blase tags und nachts zu kontrollieren. Einige brauchen etwas länger, was an sich aber noch nichts Aussergewöhnliches ist. Bei 90 Prozent aller Kinder klappt es bis ins Schulalter auch nachts.» Aber manche brauchen etwas länger, bis sie gelernt haben den nächtlichen Harndrang wahrzunehmen und aufzuwachen.

Mehr Buben als Mädchen

Buben sind häufiger betroffen als Mädchen. Bei jenen 10 Prozent aller Kinder, die ihre Blase im Schulalter nachts noch nicht ganz beherrschen, ist das aber nichts Ehrenrühriges. «Wenn sie zu mir kommen, erkläre ich ihnen jeweils, dass beim Rennen auch nicht alle Kinder die Schnellsten sein könnten. Und genauso ist es mit der nächtlichen Blasenkontrolle.»

Bettnässen belastet

Eine Belastung für das Kind ist Bettnässen allerdings schon: Bei Gspänli oder in einem Lager übernachten kann schwierig werden. Und ältere Buben oder Mädchen werden eher ausgelacht, wenn «es» wieder einmal passiert. Auch die Eltern sind belastet, wenn sie ausser Fahrplan eine grosse Wäsche machen müssen. Zudem sind Windeln nicht billig. Ab dem Schulalter gilt das Phänomen deshalb als medizinische Störung und heisst in der Fachsprache «Enuresis nocturna». Das bedeutet auch, dass die Krankenkassen für die ärztlichen Therapien aufkommen. Einige Kassen übernehmen auf Antrag des Arztes auch die Kosten für Windeln.

Zuständig für therapeutische Massnahmen sind Haus- und Kinderärzte. Diese werden zuerst einmal ausschliessen, dass das Kind eine organische Störung hat, etwa eine Fehlbildung oder eine Entzündung der Harnwege. Dazu reicht in der Regel eine Erhebung der Vorgeschichte, eine körperliche Untersuchung und ein Urintest. Bei Unklarheiten kommen die Kinder zur genaueren Abklärung ins Kinderspital. «Dann machen wir einen Ultraschall um auszuschliessen, ob das Kind eine Fehlbildung hat», so Neuhaus.

Häufig aber liege eine Reifungsverzögerung vor. Um sicher zu sein, fragt der Arzt, ob ein Elternteil oder Verwandter auch als Kind ins Bett gemacht habe. «Einnässen kommt in gewissen Familien gehäuft vor. Hat ein Elternteil eingenässt, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind nachts ins Bett macht, bei 40 Prozent.» Als Therapieform kommen Weckalarme oder Medikamente in Frage (siehe Kasten). Ohne Therapie werden im Verlauf jedes Jahres 10 bis 20 Prozent der betroffenen Kinder von selber trocken.

Ein Hinweis auf Probleme?

Verbreitet ist die Vorstellung, dass Kinder bettnässen, weil sie Probleme haben – etwa, weil ihre Eltern häufig streiten oder weil die Kinder geschlagen werden. Doch laut Schön haben Familienstress und nächtliches Einnässen sehr oft keinen Zusammenhang. «Anders sieht es aus, wenn ein Kind tagsüber in die Hose stuhlt. Dann muss man abklären, ob ein psychosoziales Problem vorliegen könnte.»

Besondere Aufmerksamkeit ist laut Neuhaus auch dann geboten, wenn das Kind mehrere Monate oder Jahre trocken gewesen ist und nach einiger Zeit wieder einzunässen beginnt. «Es kann vorkommen, dass Kinder so reagieren, wenn sie misshandelt oder sexuell missbraucht werden.» Wiederauftreten des nächtlichen Einnässens kann aber auch erstes Anzeichen einer Krankheit sein, etwa einer Zuckerkrankheit. Doch wo es sich «nur» um nächtliches Bettnässen handelt, ist vor allem Geduld geboten. Denn fast immer löst sich das Problem mit den Jahren von selber. Das war sogar bei Ausnahmefall Dalí so, der mit acht «freiwillig» aufhörte.

Zwar gibt es kaum Daten über erwachsene Bettnässer. Sie stammen oft von angehenden Rekruten. Doch eins ist laut Thomas Neuhaus klar: «Nur wenige Erwachsene, wohl weniger als 1 Prozent, machen nachts ins Bett.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.09.2009, 16:27 Uhr

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